Unternehmensinsolvenzen

Insolvenzen: Beschäftigungsrisiko vor allem im Bau und Gastgewerbe

Im ersten Halbjahr sank die Zahl der Firmenpleiten auf 567. Dennoch waren rechnerisch 1.423 Arbeitnehmerstellen betroffen – besonders im Bau und Gastgewerbe.

Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Stillstehende Baustelle eines Mehrfamilienhauses in Luxemburg mit Baukran und unfertigem Rohbau
Illustrative KI-Darstellung einer stillstehenden Wohnungsbaustelle in Luxemburg. Illustration: KI-generiert — Status

Zehn Insolvenzverfahren weniger, neun potenziell betroffene Stellen mehr: Die luxemburgische Insolvenzstatistik sendet für das erste Halbjahr 2026 zwei gegenläufige Signale. Die Zahl der Firmenpleiten ging leicht zurück, während das damit verbundene Beschäftigungsrisiko geringfügig zunahm.

Von Januar bis Juni wurden 567 Insolvenzen registriert. Nach revidierten Angaben waren es im entsprechenden Vorjahreszeitraum 577 gewesen. Das entspricht einem Rückgang um 1,7 %. Die Schätzung der betroffenen Arbeitnehmerstellen stieg dagegen um 0,6 % beziehungsweise neun Stellen: von 1.414 auf 1.423.

Die Stellenzahl verlangt eine vorsichtige Lesart

Die geringe Veränderung spricht insgesamt für eine weitgehend stabile Größenordnung. Gleichwohl zeigt die gegenläufige Entwicklung, dass die bloße Zahl der Verfahren wenig über ihre Folgen für die Beschäftigung aussagt. Entscheidend ist, welche Unternehmen insolvent werden und wie viele Arbeitnehmerstellen ihnen statistisch zugeordnet sind.

Die 1.423 Stellen sind keine bestätigte Zahl entlassener Menschen. STATEC weist potenzielle Arbeitsplatzverluste aus und verwendet dafür die höchste jahresdurchschnittliche Arbeitnehmerbeschäftigung während der zwei Jahre vor dem jeweiligen Insolvenzurteil. Gezählt werden Stellen, nicht einzelne Personen. Eigentümer und andere nicht im Arbeitnehmerstatus tätige Personen bleiben unberücksichtigt.

Hinzu kommt eine weitere Grenze: Aus der Statistik geht nicht hervor, ob Tätigkeiten und Arbeitsplätze nach der Insolvenz von einem anderen Unternehmen übernommen wurden. Die Schätzung beschreibt damit das Beschäftigungsvolumen, das einem insolventen Arbeitgeber zuvor zugerechnet war, nicht zwangsläufig den endgültigen Verlust dieses Volumens.

Warum Verfahrenszahl und Beschäftigungswirkung auseinanderfallen können, zeigt die größte Kategorie nach Fällen. Auf Holdinggesellschaften und Investmentfonds entfielen 150 Insolvenzen. Sie erhöhten die Gesamtzahl erheblich, ohne notwendigerweise eine vergleichbare Wirkung auf die Zahl der Arbeitnehmerstellen zu entfalten.

Drei Branchen tragen fast zwei Drittel des Risikos

Das Baugewerbe blieb die größte eindeutig identifizierte Quelle des Beschäftigungsrisikos. Dort waren 88 Insolvenzen mit 429 Stellen verbunden. Das entsprach 30,1 % der landesweiten Halbjahresschätzung.

  • Baugewerbe: 88 Insolvenzen und 429 potenziell betroffene Arbeitnehmerstellen.
  • Gastgewerbe: 43 Insolvenzen und 305 Stellen. Die Zahl der Verfahren sank um 30 %, die geschätzte Beschäftigungswirkung stieg jedoch um 41 %.
  • Handel: 92 Insolvenzen und 148 Stellen. Die Verfahren nahmen um 9,5 % zu, während die Zahl der potenziell betroffenen Stellen um nahezu 23 % zurückging.

Zusammen kamen Baugewerbe, Gastgewerbe und Handel auf 882 Stellen. Damit entfielen 62,0 % der gesamten Schätzung auf diese drei Branchen. Gerade das Gastgewerbe verdeutlicht die begrenzte Aussagekraft der Fallzahlen: Deutlich weniger Verfahren gingen dort mit einer deutlich höheren geschätzten Beschäftigungswirkung einher.

„Wir haben die Folgen des fehlenden Wachstums in den vergangenen Jahren gesehen.“ — Lex Delles, Luxemburgs Wirtschaftsminister

Auch die längerfristige Bilanz des Bausektors bleibt belastet. In einer gemeinsamen parlamentarischen Antwort hielten Arbeitsminister Marc Spautz und Wirtschaftsminister Lex Delles fest: „Von Januar 2021 bis September 2025 haben 4.521 Personen, die bei Bauunternehmen beschäftigt waren, ihren Arbeitsplatz durch eine Insolvenz ihres Arbeitgebers verloren.“ Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 712 insolvente Bauunternehmen gezählt.

Dem stand ein beträchtliches Arbeitskräfteangebot gegenüber: Am 30. November 2025 waren bei der ADEM 1.290 verfügbare, in Luxemburg wohnhafte Arbeitsuchende registriert, die eine Beschäftigung im Baugewerbe suchten.

Zur Größe der betroffenen Arbeitgeber fehlen Angaben

Die zugängliche Halbjahresberichterstattung schlüsselt die 1.423 Stellen nicht nach Unternehmensgröße auf. Ob Kleinstbetriebe, kleine und mittlere Unternehmen oder größere Arbeitgeber die Entwicklung im ersten Halbjahr 2026 bestimmen, lässt sich deshalb nicht verlässlich beantworten.

Einen Anhaltspunkt liefert lediglich die jüngste vollständige Jahresstatistik. Von den 1.187 Insolvenzen des Jahres 2025 betrafen 563 Unternehmen, die als Betriebe mit mindestens einer Arbeitnehmerstelle eingestuft waren. Zugleich sank die Zahl der Insolvenzen bei Unternehmen, die mehr als zehn Beschäftigte gehabt hatten, um 20 %.

Juan Santiago, Manager bei Creditreform Luxembourg, fasste die Lage so zusammen: „Mit 1.187 Insolvenzen im Jahr 2025 bleibt Luxemburg stabil – anders als seine Nachbarländer, die deutliche Zuwächse verzeichnet haben.“ Die Stabilität der Gesamtzahl schließt jedoch eine starke Belastung einzelner Branchen oder Beschäftigtengruppen nicht aus.

Die Rückkehr in Beschäftigung erfolgt nur schrittweise

Für die im ersten Halbjahr 2026 erfassten Stellen liegt noch keine verlässliche Auswertung zur späteren Beschäftigung der betroffenen Arbeitnehmer vor. Historische Sozialversicherungsdaten zu Menschen, die zwischen 2020 und 2024 von Insolvenzen betroffen waren, liefern jedoch einen Vergleichsmaßstab: Nach drei Monaten waren 45 % wieder beschäftigt, nach sechs Monaten 53 % und nach neun Monaten 56 %.

Die übrigen 44 % dürfen nicht pauschal als arbeitslos gelten. Nach neun Monaten konnten Betroffene etwa Arbeitslosengeld beziehen, im Ruhestand sein oder ohne registrierte Beschäftigung weiterhin dem luxemburgischen Sozialversicherungssystem angehören. 25 % waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr angeschlossen. Ob sie Luxemburg verlassen hatten, im Ausland eine Stelle fanden oder aus einem anderen Grund aus dem System ausgeschieden waren, ließ sich nicht feststellen.

Die Halbjahreszahlen zeigen somit keine allgemeine Beschleunigung des Insolvenzgeschehens. Sie weisen vielmehr auf ein konzentriertes Beschäftigungsrisiko hin, dessen tatsächliche Folgen erst im weiteren Erwerbsverlauf sichtbar werden. Zudem bleibt die aktuelle Serie vorläufig: STATEC revidiert die Daten, weshalb frühere Veröffentlichungen von den später ausgewiesenen Werten abweichen können.

Häufig gefragt

Wie viele Firmeninsolvenzen gab es im ersten Halbjahr 2026?
STATEC weist 567 Insolvenzen aus. Das waren zehn weniger als die revidierten 577 im entsprechenden Zeitraum 2025 und entsprach einem Rückgang um 1,7 %.
Sind durch die Insolvenzen nachweislich 1.423 Menschen arbeitslos geworden?
Nein. Die Zahl bezeichnet potenziell betroffene Arbeitnehmerstellen, nicht bestätigte Entlassungen. STATEC zählt Stellen auf Grundlage früherer Beschäftigungsdaten und kann spätere Übernahmen von Arbeitsplätzen nicht feststellen.
Welche Branchen waren am stärksten betroffen?
Das Baugewerbe kam auf 429 potenziell betroffene Stellen, das Gastgewerbe auf 305 und der Handel auf 148. Zusammen waren das 882 Stellen oder 62,0 % der Gesamtschätzung.
Wie schnell finden Betroffene wieder eine Beschäftigung?
Historische Sozialversicherungsdaten für Insolvenzbetroffene der Jahre 2020 bis 2024 zeigen Beschäftigungsquoten von 45 % nach drei, 53 % nach sechs und 56 % nach neun Monaten.
Quellen(13)
  1. 1Luxembourg bankruptcies fall slightlyLuxembourg Times · luxtimes.lu
  2. 2Zahl der Firmenpleiten in Luxemburg ist rückläufigTageblatt · tageblatt.lu
  3. 3Dashboard Faillites et LiquidationsSTATEC · statistiques.public.lu
  4. 41187 faillites et 149 liquidations en 2025STATEC · statistiques.public.lu
  5. 5Hausse des faillites et liquidations au 1er semestre 2025STATEC · statistiques.public.lu
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