Präsidentenwahl in Kolumbien
Kolumbien rückt nach rechts: De la Espriella vorn, Cepeda zweifelt Auszählung an
Der von Trump unterstützte Anwalt Abelardo de la Espriella führt die vorläufige Auszählung knapp an. Der Linkssenator Iván Cepeda gibt sich nicht geschlagen und ficht Zehntausende Wahllokale an.
Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Kolumbien steht vor einem politischen Richtungswechsel — und zugleich vor einem ungeklärten Wahlausgang. Am Montag beanspruchte Abelardo de la Espriella, ein rechtsgerichteter Anwalt und Geschäftsmann ohne jedes politische Amt, den Sieg in der Präsidentenstichwahl für sich. Doch der Vorsprung war so knapp, dass sein Gegner Iván Cepeda eine Niederlage verweigert.
Nach Auszählung von rund 99,9 Prozent der am Sonntag abgegebenen Stimmen wies die vorläufige Bilanz de la Espriella 49,66 Prozent (12.959.542 Stimmen) aus, Cepeda kam auf 48,70 Prozent (12.708.712 Stimmen). Der Abstand lag bei etwa 250.000 Stimmen — weniger als ein Prozentpunkt. Die Zahlen der kolumbianischen Wahlbehörde wurden von internationalen Medien wie Al Jazeera, CBS News und CNN bestätigt.
Sollte sich das Resultat bestätigen, wäre es das Ende von Kolumbiens kurzem Kapitel unter linker Führung — und der Beginn einer scharfen Wende in der Sicherheits-, Wirtschafts- und Außenpolitik. Die hauchdünne Differenz aber hält das Ergebnis vorerst formal in der Schwebe.
Ein Vorsprung von 250.000 Stimmen — und ein Einspruch
Cepeda, Kandidat des regierenden Bündnisses Historischer Pakt und politischer Erbe des scheidenden Präsidenten Gustavo Petro, akzeptierte die Niederlage nicht. Sein Wahlkampfteam kündigte an, die Ergebnisse von mehr als 30.000 Wahllokalen anzufechten — nach einer Zählung rund 33.000 von etwa 122.000 Urnen. Er rief seine Anhänger dazu auf, die endgültige, rechtsverbindliche Auszählung abzuwarten.
Petro, dem die Verfassung eine Wiederwahl untersagt, hatte zuvor ohne Belege ein „Hacken der Wahlsoftware" behauptet und eine gründliche Überprüfung der Stimmen verlangt. Einen Sieger erkannte er nicht an; Trumps Eingreifen in den Wahlkampf wertete er als ausländische Einmischung.
De la Espriella selbst schlug vor seinen Anhängern in der Karibikstadt Barranquilla versöhnliche Töne an.
Ich werde für alle Kolumbianer regieren … Es wird keine Vergeltung geben, keine Verfolgung, denn in einer Demokratie gibt es keine unversöhnlichen Feinde.
Auch Cepeda machte deutlich, dass er sich nicht aus dem öffentlichen Leben zurückzieht. „Wir sind offen für den Dialog. Wir sind bereit, Vereinbarungen zu treffen, solange sie respektvoll und aufrichtig sind und sich in politischem Handeln zum Wohl der Nation niederschlagen", sagte er seinen Unterstützern.
Wer ist „El Tigre"
Mit 47 Jahren ist de la Espriella Anwalt und Unternehmer, der nie ein gewähltes Amt innehatte. Unter dem Spitznamen „El Tigre" — der Tiger — trat er als Unabhängiger für eine Bewegung an, die sich „Verteidiger des Vaterlandes" nennt. Er inszenierte sich als starker Mann von außerhalb des politischen Establishments. Berichten zufolge besitzt er die US-amerikanische und die italienische Staatsbürgerschaft.
Rückenwind erhielt sein Wahlkampf durch die offene Unterstützung Trumps, der ihm nach der Auszählung als Kolumbiens „neuem Präsidenten" gratulierte.
Glückwunsch an „El Tigre" Abelardo de la Espriella, den neuen Präsidenten Kolumbiens!
De la Espriella wiederum hat zugesagt, Bogotá eng an Washington heranzuführen — eine Kehrtwende nach dem frostigen Verhältnis zwischen Trump und Petro. Seine rund 12,9 Millionen Stimmen gelten als das höchste je von einem Präsidentschaftskandidaten in Kolumbien erzielte Ergebnis. Die polarisierende Stichwahl erreichte eine Wahlbeteiligung von etwa 63,6 Prozent der gut 41 Millionen Wahlberechtigten. Schon im ersten Wahlgang am 31. Mai hatte er mit rund 44 Prozent vor Cepedas etwa 41 Prozent gelegen.
Was eine Präsidentschaft de la Espriellas bedeuten würde
Der Wahlsieger in spe trat mit einem Programm an, das radikal mit Petros Kurs im Innern wie nach außen bricht. Zu seinen Versprechen zählen:
- Sicherheit: Ende der Verhandlungen über einen „totalen Frieden" mit bewaffneten Gruppen und eine rund 90-tägige, von den USA gestützte Militäroffensive gegen kriminelle Organisationen.
- Gefängnisse: Bau von etwa zehn Megagefängnissen nach dem Vorbild des harten Vorgehens in El Salvador unter Präsident Nayib Bukele.
- Wirtschaft: Ausweitung der Öl- und Gasförderung, niedrigere Steuern und ein um rund 40 Prozent verkleinerter Staatsapparat — bei Beibehaltung populärer Sozialleistungen und der Mindestlohnerhöhungen.
- Außenpolitik: Wiederherstellung der Beziehungen zu Israel und Verlegung der kolumbianischen Botschaft nach Jerusalem sowie eine engere Anbindung an die Trump-Regierung.
In der Summe deutet das Programm auf einen Konfrontationskurs im jahrzehntelangen inneren Konflikt Kolumbiens und auf eine Neuverortung des Landes — weg von der regionalen Linken, hin zu Washington.
Eine frühe Bewährungsprobe für die Institutionen
Der Streit um die Auszählung wird zur ersten Bewährungsprobe für Kolumbiens Wahlinstitutionen. Der Sieger der Stichwahl soll am 7. August vereidigt werden und Petro ablösen — den ersten linken Präsidenten des Landes, dessen einzige Amtszeit nicht verlängerbar ist.
Vorerst bleibt das Land mit drei offenen Fronten zurück: einem führenden Kandidaten, der das Präsidentenamt für sich reklamiert; einem Zweitplatzierten, der die endgültige Auszählung verlangt; und einem scheidenden Staatschef, der keinen Sieger anerkennt. Wie der Wettstreit ausgeht — und wie legitim derjenige regieren wird, der schließlich das Amt antritt — hängt an der amtlichen Auszählung, die noch aussteht.
Häufig gefragt
- Wer hat die Präsidentenstichwahl in Kolumbien gewonnen?
- Nach Auszählung von etwa 99,9 Prozent der Stimmen führt Abelardo de la Espriella mit 49,66 Prozent vor Iván Cepeda mit 48,70 Prozent. Ein offizieller Sieger steht jedoch noch nicht fest, da Cepeda das Ergebnis anficht und die endgültige Auszählung aussteht.
- Warum erkennt Iván Cepeda das Ergebnis nicht an?
- Cepeda sieht die Auszählung als noch nicht offiziell und rechtsverbindlich an. Sein Team ficht die Ergebnisse von mehr als 30.000 Wahllokalen an und wartet die endgültige Bilanz ab. Präsident Petro hatte zudem ohne Belege ein Hacken der Wahlsoftware behauptet.
- Wofür steht Abelardo de la Espriella politisch?
- Der 47-jährige Anwalt verspricht ein Ende der Friedensverhandlungen mit bewaffneten Gruppen, eine US-gestützte Militäroffensive, Megagefängnisse nach Vorbild El Salvadors, niedrigere Steuern, einen kleineren Staat sowie engere Beziehungen zu den USA und Israel samt Botschaftsverlegung nach Jerusalem.
- Wann wird der neue Präsident vereidigt?
- Die Amtseinführung ist für den 7. August 2026 vorgesehen. Der neue Präsident löst Gustavo Petro ab, der laut Verfassung nicht erneut antreten darf.
Quellen(7)
- 12026 Colombian presidential electionWikipedia · en.wikipedia.org
- 2Far-right de la Espriella elected Colombia president: What's next?Al Jazeera · aljazeera.com
- 3Far-right lawyer De La Espriella wins Colombia's tight presidential raceAl Jazeera · aljazeera.com
- 4Right-wing candidate holds slim margin in Colombian presidential election, progressive challenger vows to challenge votesCBS News · cbsnews.com
- 5Trump-backed de la Espriella wins preliminary count in razor-tight Colombian presidential runoffCNN · cnn.com
- 6De la Espriella wins razor-thin majority in Colombia's election, Cepeda calls for final countFrance 24 · france24.com
- 7Trump-backed De la Espriella wins Colombia runoff in preliminary countNPR · npr.org
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