Frankreichs Rechtsaußen
Vor dem Urteil gegen Le Pen: Bardella führt die Umfragen zur Wahl 2027 an
Am Dienstag entscheidet ein Pariser Berufungsgericht über Marine Le Pens Amtssperre. Doch in allen Umfragen zur Wahl 2027 führt längst ihr 30-jähriger Ziehsohn Jordan Bardella.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Zwei Jahrzehnte lang trug Frankreichs extreme Rechte den Namen Marine Le Pen. An diesem Dienstag könnte ein Pariser Berufungsgericht ein Kapitel dieser Geschichte schließen – und damit bestätigen, was in der Partei längst entschieden scheint: Die Bewegung, die Le Pen aufgebaut hat, ist ohne sie weitergezogen.
Am 7. Juli entscheidet der Pariser Cour d'appel über Le Pens Einspruch gegen ihre Verurteilung vom März 2025 wegen der Veruntreuung von Geldern des Europäischen Parlaments. Das Urteil klärt, ob die 57-Jährige bei der Präsidentschaftswahl im April 2027 antreten darf. Den Termin hatte die Gerichtspräsidentin bereits im Februar festgelegt. Doch die politisch folgenreichere Verschiebung hat sich schon vollzogen: Ihr handverlesener Nachfolger, der 30-jährige Parteivorsitzende des Rassemblement National (RN), Jordan Bardella, liegt in den Umfragen vor ihr, vor allen Konkurrenten – und baut still eine eigene Kampagne auf.
Ein Richterspruch, der eine Laufbahn beenden kann
Am 31. März 2025 wurde Le Pen im jahrelangen Verfahren um das Assistentensystem des Europäischen Parlaments schuldig gesprochen; nach Auffassung der Anklage nutzte der RN diese Mittel, um Parteipersonal zu bezahlen. Das Gericht sah sie „im Zentrum eines betrügerischen Systems“ und verhängte vier Jahre Haft – zwei zur Bewährung, zwei unter elektronischer Fußfessel –, eine Geldstrafe von 100.000 Euro und, entscheidend, ein fünfjähriges Verbot öffentlicher Ämter mit vorläufiger Vollstreckung. Die Sperre trat also sofort in Kraft und schließt Le Pen von 2027 aus, sofern das Berufungsverfahren sie nicht aufhebt.
Sie legte binnen weniger Tage Berufung ein, doch die Verhandlung in diesem Jahr milderte die Anklage kaum. Die Staatsanwaltschaft verlangte, die fünfjährige Sperre aufrechtzuerhalten, sprach von einem „vorsätzlich und sorgfältig verschleierten“ System und fand ein Bild, das haften blieb: öffentliches Geld, „Tropfen für Tropfen abgezweigt, bis daraus ein Strom wurde“. Le Pen bestreitet jedes Fehlverhalten. „Wir haben nie etwas verheimlicht“, sagte sie vor Gericht und beharrte darauf, die Regelungen für zulässig gehalten zu haben.
Bestätigen die Richter die Sperre, ist Le Pens vierter Anlauf auf den Élysée beendet. Heben sie sie auf, ist die Rechtspopulistin zurück im Rennen, das sie ihr Leben lang verfolgt hat. So oder so hat die Partei die Zwischenzeit genutzt, um sich auf eine Zukunft ohne sie als Kandidatin einzustellen.
Der Kronprinz, der nicht mehr wartet
Bardella führt den RN seit November 2022, sitzt seit 2019 im Europaparlament und leitet dort seit Juli 2024 die rechtsradikale Fraktion Patrioten für Europa. Unter ihm holte die Partei bei der Europawahl 2024 mit 31,4 Prozent ihr bestes nationales Ergebnis. Vom Finanzskandal unberührt, wurde er in dem Moment zur naheliegenden Alternative, als Le Pen verurteilt wurde – und die Umfragen belohnen ihn.
Die jüngsten Erhebungen zum ersten Wahlgang fallen bemerkenswert einheitlich aus und sehen Bardella jeweils klar an der Spitze:
- Ifop-Fiducial für LCI und Le Figaro (Ende Februar 2026): Bardella bis zu 37 Prozent, vor Le Pen mit 32 Prozent.
- Ipsos (27.–28. Mai 2026): Bardella 34 Prozent, Ex-Premier Édouard Philippe 13,5 Prozent.
- OpinionWay (10.–11. Juni 2026): Bardella 34 Prozent.
- Ifop (22.–24. Juni 2026): Bardella 36 Prozent, Philippe 19 Prozent.
Zu Beginn des Sommers tauchte Le Pen in den Tabellen zum ersten Wahlgang gar nicht mehr auf – eine Folge ihres juristischen Status. Frédéric Dabi, Generaldirektor des Instituts Ifop, nannte diesen Augenblick einen Bruch mit der Vergangenheit.
Diese Entkopplung der beiden ist ein echter Wendepunkt.
Öffentlich wahrt Bardella die sorgfältige Zurückhaltung eines Erben, der nicht ungeduldig wirken will. Auf die im Juni erneut gestellte Frage, ob er eine Präsidentschaftskandidatur vorbereite, griff er zu seinem Standardsatz: „Ich bereite mich bis auf Weiteres darauf vor, (Le Pens) Premierminister zu werden.“
Parteiintern wird die Nachfolge nicht als Bruch, sondern als Gespann dargestellt. „Ob der eine oder die andere – keiner von beiden wird allein die Koffer packen und in den Wahlkampf ziehen“, sagte der einflussreiche RN-Abgeordnete Laurent Jacobelli. „Sie werden ein Team sein.“
Ein anderer Rechtsaußen – und ein Signal für Europa
Eine Kandidatur Bardellas wäre nicht bloß der Austausch eines jüngeren gegen ein älteres Gesicht. Er hat eine marktfreundlichere, unternehmernahe Wirtschaftslinie erkennen lassen als die protektionistischen Instinkte Le Pens, und er schneidet bei Beschäftigten der Privatwirtschaft, Unternehmern und älteren Wählern stärker ab. Sein Aufstieg trägt zudem eine ausgeprägt europäische Note, die weit über Frankreichs Grenzen hinaus zählt.
Bei einem zweitägigen Polen-Besuch im Juni, bei dem er den Vorsitzenden der Partei Recht und Gerechtigkeit, Jarosław Kaczyński, traf, erklärte Bardella 2027 zum Angelpunkt für den gesamten Kontinent. Siegten die nationalistischen Bewegungen in Frankreich und Polen zugleich, könnten sie „die Funktionsweise der Europäischen Union neu ausrichten“; er versprach, „die Kommission und die EU wieder in den Dienst der Nationen zu stellen und nicht länger umgekehrt“.
Für Luxemburg, dessen größter Nachbar Frankreich sein wichtigster wirtschaftlicher und politischer Partner bleibt, ist der Einsatz unmittelbar. Der RN ist heute Frankreichs stärkste Wahlkraft, und eine Präsidentschaft Bardellas – oder auch nur ein starker Wahlkampf – würde den deutsch-französischen Motor der EU, die grenzüberschreitende Arbeitspolitik und den Kurs der Union in Migrations- und Handelsfragen verändern.
Entschieden ist davon nichts. Der Richterspruch am Dienstag kann das Bild neu ordnen, indem er Le Pen zurückholt oder den Fall gegen sie verhärtet. Doch der tiefere Trend steht nicht mehr infrage: Erstmals in der Geschichte der Bewegung trägt ihr aussichtsreichster Anwärter nicht den Namen Le Pen.
Häufig gefragt
- Worüber entscheidet das Pariser Gericht am 7. Juli 2026?
- Der Cour d'appel urteilt über Marine Le Pens Berufung gegen ihre Verurteilung vom März 2025. Kern ist das fünfjährige Verbot öffentlicher Ämter, das mit vorläufiger Vollstreckung sofort wirksam wurde und sie derzeit von der Präsidentschaftswahl 2027 ausschließt.
- Warum gilt Jordan Bardella als Favorit des Rassemblement National?
- Bardella, seit November 2022 RN-Vorsitzender, ist vom Finanzskandal unberührt und liegt in allen jüngeren Umfragen zum ersten Wahlgang klar vorn – je nach Institut zwischen 34 und 37 Prozent. Le Pen erscheint in den Juni-Tabellen 2026 wegen ihrer Sperre nicht mehr.
- Was bedeutet das für Luxemburg und die EU?
- Frankreich ist Luxemburgs größter Nachbar und wichtigster Partner. Bardella hat angekündigt, im Falle eines Sieges die Funktionsweise der EU neu ausrichten zu wollen – das berührt den deutsch-französischen Motor der Union, die grenzüberschreitende Arbeitspolitik sowie den Migrations- und Handelskurs.
Quellen(10)
- 1Paris court sets 7 July for ruling in far-right leader Marine Le Pen's EU funds graft appeal caseEuronews · euronews.com
- 2French far right ponders life beyond Le Pen as appeal ruling loomsReuters (via Arab News) · arabnews.com
- 3French far right ponders life beyond Le Pen as appeal ruling loomsReuters (via Global Banking & Finance) · globalbankingandfinance.com
- 4France's 2027 presidential election: Can the far-right National Rally win without Le Pen?France 24 · france24.com
- 5French presidential frontrunner Jordan Bardella vows to win 2027 polls and shift course in the EUEuronews · euronews.com
- 6France's Marine Le Pen returns to court as appeal could decide her 2027 presidential fateEuronews · euronews.com
- 7Opinion polling for the 2027 French presidential electionWikipedia · en.wikipedia.org
- 8Jordan BardellaWikipedia · en.wikipedia.org
- 94 things to know about Marine Le Pen's embezzlement sentence and the political impactPBS NewsHour · pbs.org
- 10France's Marine Le Pen found guilty of embezzlement, barred from electionsCBS News · cbsnews.com
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