Rüstungsindustrie

Berlin und Paris einigen sich bei Panzerbauer KNDS – Börsengang im Juli rückt näher

Mit dem Einstieg des Bundes und gleichen Stimmrechten beider Staaten ist der Streit um die Führung des Leopard-Herstellers beigelegt – der Weg zum Doppellisting in Frankfurt und Paris ist frei.

Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Neu gebaute Kampfpanzer stehen aufgereiht in einer modernen Montagehalle für gepanzerte Fahrzeuge.
Innenansicht einer modernen Montagehalle mit aufgereihten, neu gebauten Panzern. Illustrative, KI-generierte Darstellung. Illustration: KI-generiert — Status

Der jahrelange Streit zwischen Berlin und Paris über die Führung des Rüstungskonzerns KNDS ist beigelegt. Beide Regierungen teilten am Montag mit, sie hätten sich auf die künftige Strategie und Steuerung des Herstellers des Leopard-Kampfpanzers und der Caesar-Haubitze verständigt. Damit fällt das zentrale Hindernis für einen der meistbeachteten Börsengänge der europäischen Rüstungsbranche.

Künftig wollen Deutschland und Frankreich den Konzern gemeinsam besitzen – über eine Konstruktion, die beiden Ländern gleich große Anteile, gleiche Mitspracherechte und eine gemeinsame Kontrolle über sicherheitsrelevante Fragen sichern soll. In einer gesonderten Erklärung kündigte die Bundesregierung an, 40 Prozent der Anteile von den bisherigen deutschen Eigentümern, der Unternehmerfamilie Wegmann, zu erwerben. Die Familie hatte lange einen Verkauf angestrebt.

Beide Regierungen rückten das Vorhaben in den Rahmen einer größeren Erzählung – der von Europas strategischer Eigenständigkeit.

Die Vereinbarung, so die beiden Regierungen, spiegele „die gemeinsame Entschlossenheit Frankreichs und Deutschlands wider, Europas industrielle und verteidigungspolitische Fähigkeiten zu stärken, ihre Streitkräfte zu unterstützen und die europäische Souveränität dauerhaft zu festigen".

Was hinter der neuen Eigentümerstruktur steckt

KNDS entstand 2015 aus der Fusion des staatlichen französischen Herstellers Nexter mit dem deutschen Unternehmen Krauss-Maffei Wegmann. Bislang war der Konzern hälftig geteilt: Der französische Staat hält über eine Holding 50 Prozent, die andere Hälfte gehört der Familie Wegmann. Diese Balance wird nun neu austariert.

Deutschland steigt mit dem Kauf von 40 Prozent direkt ein, Frankreich passt seine Position entsprechend an, sodass beide Staaten am Ende annähernd gleich große Anteile halten. Nach Angaben von mit den Plänen vertrauten Personen, auf die sich die Nachrichtenagentur AP beruft, wollen Paris und Berlin ihre Beteiligungen innerhalb von zwei bis drei Jahren nach einem Börsengang auf jeweils rund 30 Prozent verringern – bei gleichen Stimmrechten unabhängig von der Höhe des Anteils. Etwa ein Fünftel der Aktien bliebe damit im Streubesitz.

Der Anteilskauf bewertet KNDS Reuters zufolge mit 15 bis 18 Milliarden Euro; andere Schätzungen reichen bis zu 20 Milliarden Euro. Frühere, von den begleitenden Banken genannte Bewertungen hatten höher gelegen, bevor der Führungsstreit die Erwartungen drückte.

KNDS-Chef Jean-Paul Alary erklärte, die Vereinbarung „bestätigt die strategische Bedeutung von KNDS für Europas Verteidigungsfähigkeit, seine industrielle Basis und seine technologische Souveränität".

Ein enger Zeitplan bis zum Doppellisting

Der Konzern bereitet ein Doppellisting in Frankfurt und Paris vor, das die beiden Regierungen und das Unternehmen bereits für Juli anstreben – ein Zeitplan, den mehrere Medien als knapp bezeichneten. Zuvor sollte der Haushaltsausschuss des Bundestages am Mittwoch über den Anteilskauf entscheiden; das Bundesverteidigungsministerium nannte das Votum notwendig, damit das Unternehmen im Sommer an die Börse gehen kann. Die behördlichen Genehmigungen und der endgültige Kaufvertrag mit der Familie Wegmann standen noch aus.

Den Vorstoß, den Staat als Ankeraktionär hereinzunehmen, hatte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius 2025 ins Spiel gebracht – als Mittel, strategisches Wissen und Arbeitsplätze zu sichern. Verzögert wurde das Verfahren anschließend durch Differenzen über den Preis und durch die Grundsatzfrage, wie zwei Regierungen einen einzigen Champion gemeinsam steuern können, ohne dass eine Seite die andere dominiert.

KNDS erzielte 2025 einen Umsatz von 4,4 Milliarden Euro und beschäftigt nach Angaben von Euronews mehr als 11.000 Menschen. Die Nachfrage nach seinen Produkten ist sprunghaft gestiegen, da Europas Armeen ihre Bestände auffüllen und die Ukraine unterstützen – das Artilleriesystem Caesar gehört zu der nach Kiew gelieferten Ausrüstung. Zudem ist der Konzern zentral für das lange verzögerte deutsch-französische Main Ground Combat System (MGCS), aus dem Europas Panzer der nächsten Generation hervorgehen soll.

Ein Prüfstein für die europäische Konsolidierung

Die Vereinbarung fällt in eine Zeit, in der die Europäische Union ihre Mitgliedstaaten zur Aufrüstung drängt und dazu, mehr Waffen bei europäischen Anbietern zu beschaffen. Fachleute beklagen seit Langem, die Verteidigungsindustrie des Kontinents sei zu zersplittert, um mit amerikanischen und asiatischen Wettbewerbern mitzuhalten – grenzüberschreitende Champions seien nötig, um die erforderliche Größe zu erreichen.

KNDS mit seinen zwei nationalen Ankern gilt vielen als Testfall dafür, ob zwei Regierungen einen einzigen Industriekonzern gemeinsam lenken können. Genau in diesen Begriffen beschrieben beide Staaten ihre Vereinbarung.

  • Deutschland erwirbt 40 Prozent von der Familie Wegmann, Frankreich zieht auf annähernd gleiches Niveau nach.
  • Beide Staaten behalten gleiche Stimmrechte und wollen ihre Anteile über zwei bis drei Jahre auf je rund 30 Prozent senken.
  • Das Doppellisting in Frankfurt und Paris ist für Juli geplant; der Konzern wird mit rund 15 bis 18 Milliarden Euro bewertet.
  • KNDS baut die Panzer Leopard 2 und Leclerc, die Haubitze Caesar und den Radpanzer Boxer.

Was das für Luxemburg bedeutet

Der Börsengang vollzieht sich vor dem Hintergrund einer kontinentweiten Ausgabenwelle. Auf dem NATO-Gipfel in Den Haag verpflichteten sich die Verbündeten 2025, bis 2035 fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aufzuwenden, darunter 3,5 Prozent für den militärischen Kern – ein deutlicher Anstieg gegenüber der früheren Marke von zwei Prozent.

Luxemburg, eines der kleinsten Bündnismitglieder, hat zugesagt, seine Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent des Bruttonationaleinkommens anzuheben. Das Budget soll sich nach Zahlen von Paperjam von 728 Millionen Euro im Jahr 2024 auf rund 1,46 Milliarden Euro bis 2030 etwa verdoppeln. Verteidigungsministerin Yuriko Backes nannte die Zwei-Prozent-Marke „das von allen NATO-Verbündeten gesetzte und bestätigte Ambitionsniveau". Die Regierung betont, ihre Ausgaben sollten heimische wirtschaftliche Erträge erbringen und nicht bloß eine Zielmarke erfüllen – eine Rechnung, die an Gewicht gewinnt, je stärker Europas Panzer- und Artilleriehersteller zu jenem Champion verschmelzen, der KNDS werden will.

Häufig gefragt

Wer wird künftig Eigentümer von KNDS?
Deutschland kauft 40 Prozent von der Familie Wegmann, Frankreich passt seine bisherige 50-Prozent-Beteiligung an, sodass beide Staaten annähernd gleich große Anteile halten. Innerhalb von zwei bis drei Jahren nach dem Börsengang sollen beide ihre Anteile auf je rund 30 Prozent senken, bei weiterhin gleichen Stimmrechten.
Wann soll der Börsengang stattfinden?
Ein Doppellisting in Frankfurt und Paris ist für Juli 2026 geplant. Der Haushaltsausschuss des Bundestages sollte am Mittwoch über den Anteilskauf entscheiden, behördliche Genehmigungen und der endgültige Kaufvertrag mit der Familie Wegmann standen noch aus.
Wie hoch wird KNDS bewertet?
Der deutsche Anteilskauf bewertet das Unternehmen Reuters zufolge mit 15 bis 18 Milliarden Euro; andere Schätzungen reichen bis zu 20 Milliarden Euro. Frühere Bewertungen lagen höher, bevor der Führungsstreit die Erwartungen dämpfte.
Welche Bedeutung hat der Deal für Luxemburg?
Er fällt in eine Phase stark steigender Verteidigungsausgaben in Europa. Luxemburg hat zugesagt, zwei Prozent des Bruttonationaleinkommens für Verteidigung aufzuwenden, und will sein Budget bis 2030 auf rund 1,46 Milliarden Euro etwa verdoppeln – mit dem Anspruch, dass die Ausgaben auch heimische wirtschaftliche Erträge bringen.
Quellen(10)
  1. 1Defense giant KNDS moves closer to IPO after France-Germany stake dealCNBC · cnbc.com
  2. 2France, Germany reach deal on arms maker KNDS, paving way for IPOReuters (via Yahoo Finance) · finance.yahoo.com
  3. 3France, Germany reach deal on arms maker KNDS, paving way for IPOAFP (via Digital Journal) · digitaljournal.com
  4. 4France, Germany reach deal on arms maker KNDS, paving way for IPOAFP (via France24) · france24.com
  5. 5Germany to take 40% stake in Leopard tank maker KNDS alongside FranceEuronews · euronews.com
  6. 6France, Germany reach deal on arms maker KNDS, paving way for IPOCourthouse News Service · courthousenews.com
  7. 7Germany plans to take 40% in Leopard tank maker KNDS, joining France as stakeholderAssociated Press (via ABC News) · abcnews.com
  8. 8Defence expenditures and NATO's 5% commitmentNATO · nato.int
  9. 9Defence: Luxembourg does not want to spend for spending's sakePaperjam · en.paperjam.lu
  10. 10EU defence in numbersCouncil of the European Union · consilium.europa.eu

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