Energiekrise am Golf
Vier katarische LNG-Tanker passieren Hormus — Risiko für Europas Gasversorgung bleibt
Während der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus fast zum Erliegen kam, passierten am Montag vier katarische Gastanker die Meerenge — ein dünner Faden, an dem Europas Gasversorgung hängt.
Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

An den meisten Tagen dieser Woche war die Straße von Hormus so leer wie selten zuvor. Am Sonntag zählten die Schiffsverfolger der Analysefirma Kpler gerade einmal fünf Schiffe, die die strategisch wichtigste Meerenge der Welt durchquerten — nach 26 am Tag davor. Umso bemerkenswerter war, was am Montag geschah: Vier von Katar kontrollierte Flüssigerdgas-Tanker steuerten in die umkämpfte Fahrrinne hinein und nahmen die iranische Route. Es war ihre erste Passage, seit am 28. Februar der amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran begonnen hatte.
Die Schiffe — die Wadi Al Sail, die Mekaines, die Al Sadd und die Mesaimeer — wurden von Kpler erfasst, dessen Daten die Nachrichtenagentur Reuters zitierte. QatarEnergy, dessen Ausfuhren seit Kriegsbeginn drastisch eingeschränkt sind, beantwortete eine Anfrage von Reuters nicht.
Die Entscheidung, weiterzufahren, reicht weit über Doha hinaus. Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Flüssigerdgases passiert Hormus, nahezu vollständig aus Katar — und eine Alternative über Pipelines oder Land gibt es nicht. Ob Doha wenigstens einen Teil seiner Ladungen in Bewegung hält, ist damit faktisch das Scharnier zwischen einer eingedämmten Regionalkrise und einem erneuten Preisschock für Europa.
Eine Fahrrinne für ein Fünftel des Welt-Gases
Hormus ist der empfindlichste Engpass des globalen Energiesystems. Analysten von Goldman Sachs schätzen, dass jährlich etwa 80 Millionen Tonnen LNG durch die Meerenge laufen — gut 19 Prozent des weltweiten Angebots, das meiste davon aus Katar. Hinzu kommen rund 20 bis 25 Prozent des seewärts transportierten Öls. Allein auf QatarEnergy entfallen knapp 20 Prozent der globalen LNG-Exporte.
Diese Konzentration hat sich bereits gerächt. Nach iranischen Drohnenangriffen auf die Anlage in Ras Laffan büßte der Konzern rund 17 Prozent seiner LNG-Exportkapazität ein, wie Al Jazeera und die Financial Times berichteten: Zwei von 14 LNG-Trains und eine von zwei GTL-Einheiten fielen aus. Geschätzte 12,8 Millionen Tonnen Jahresproduktion und etwa 20 Milliarden Dollar Erlös pro Jahr brechen für drei bis fünf Jahre weg. Am 24. März erklärte QatarEnergy höhere Gewalt für langfristige Lieferverträge mit Abnehmern in Italien, Belgien, Südkorea und China.
Was eine Durchfahrt heute kostet
Für die wenigen Reedereien, die die Passage noch wagen, hat sich die Rechnung grundlegend verschoben. Kriegsrisikoprämien, die normalerweise bei rund 0,25 Prozent des Schiffswerts liegen, kletterten auf dem Höhepunkt der Krise auf drei bis acht Prozent — das entspricht drei bis acht Millionen Dollar pro Durchfahrt eines großen Tankers. Einige Versicherer zogen sich vollständig aus dem Golf zurück, wie die Khaleej Times meldete.
Die Frachtraten zogen nach. Die Tagescharterraten für LNG sprangen um mehr als 40 Prozent; der Referenzsatz für einen Supertanker auf der Route Golf–China erreichte mit rund 423.736 Dollar pro Tag einen Allzeithöchststand — ein Plus von über 90 Prozent innerhalb einer einzigen Handelssitzung. Wer fährt und wer nicht, ordnete sich neu:
- Die Containerreedereien Maersk, CMA CGM und Hapag-Lloyd setzten ihre Golf-Anläufe aus.
- Mehr als 150 Schiffe ankerten vor der Meerenge.
- Einzelne Betreiber, darunter die emiratische ADNOC, wurden auf „dunklen" Fahrten mit abgeschalteten Transpondern verfolgt.
Zur Routenführung ihrer Schiffe erklärte eine ADNOC-Sprecherin: „Wir äußern uns grundsätzlich nicht zu Position, Bewegungen und Routenführung unserer Schiffe oder zu Berichten Dritter."
„Das wird die Volkswirtschaften der Welt in die Knie zwingen."
Mit diesen Worten warnte Saad al-Kaabi, Katars Energieminister und Chef von QatarEnergy, früh im Konflikt gegenüber der Financial Times. Halte der Krieg an, werde jeder Exporteur am Golf zur Erklärung höherer Gewalt gezwungen sein. „Jeder, der das noch nicht getan hat, wird das nach unserer Erwartung in den nächsten Tagen tun", sagte er. Der Rohölpreis könne auf 150 Dollar je Barrel steigen, und Europa drohe „erheblicher Schmerz", weil asiatische Käufer es bei den knappen Ladungen überböten.
Europas verwundbare Flanke
Auf den europäischen Gasmärkten schlug das unmittelbar durch. Der niederländische Title Transfer Facility (TTF), der Referenzpreis des Kontinents, sprang am ersten vollen Handelstag der Krise um rund 46 Prozent auf etwa 46,55 Euro je Megawattstunde und übertraf kurzzeitig 60 Euro — nach etwa 32 Euro Ende Februar. Goldman Sachs warnte, eine vollständige einmonatige Sperrung von Hormus könne den TTF auf rund 74 Euro treiben, etwa 130 Prozent über dem Vorkrisenniveau; bei einer Störung von mehr als zwei Monaten seien Preise über 100 Euro möglich. Analysten von Energy Aspects nannten gegenüber Euronews bei einem dreimonatigen Ausfall katarischer Mengen sogar einen Wert in Richtung 155 Euro.
Vorerst nimmt ein vorläufiges Abkommen zwischen den USA und dem Iran den Druck. Bis Ende Juni gab der TTF auf rund 40,6 Euro nach, den niedrigsten Stand seit dem 20. April — auch wenn die erneute Sperr-Erklärung der Revolutionsgarden am Wochenende zeigte, wie schnell die Stimmung kippen kann. Das Risiko ist nicht nur akut, sondern strukturell: Versicherer und Reeder warnen, dass Prämien und Frachten nicht auf das Vorkriegsniveau zurückfallen werden, selbst wenn die Waffen schweigen.
„Um die Straße vollständig wieder zu öffnen, wird höchstwahrscheinlich eine Minenräumung nötig sein", sagte Jakob Larsen, Leiter für maritime Sicherheit beim Schifffahrtsverband BIMCO. Oscar Seikaly, Vorstandschef der NSI Insurance Group, brachte das Dilemma der Versicherer auf den Punkt: „Der Markt kann Volatilität versichern, doch mit Unsicherheit tut er sich schwer."
Katars stilles Beharren — vier Schiffsrümpfe, die durch eine fast leere Meerenge gleiten — ist der dünne Faden, der diese Unsicherheit von einer neuen europäischen Preisspirale trennt. Da die Speicher der EU vor der Auffüllsaison weiterhin unter ihren Fünfjahresmittelwerten liegen, ist der Spielraum schmal. Solange die Tanker fahren, bleibt die Krise eingedämmt; das Wochenende war eine Erinnerung daran, an wie wenig das hängt.
Häufig gefragt
- Warum ist die Straße von Hormus für Europas Gasversorgung so wichtig?
- Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Flüssigerdgases passiert die Meerenge, fast ausschließlich aus Katar. Da es keine Pipeline- oder Landroute als Ersatz gibt, entscheidet die Passierbarkeit von Hormus direkt über das verfügbare LNG-Angebot — und damit über die europäischen Gaspreise.
- Wie stark haben die europäischen Gaspreise reagiert?
- Der niederländische TTF sprang am ersten vollen Krisenhandelstag um rund 46 Prozent auf etwa 46,55 Euro je Megawattstunde und überschritt kurz 60 Euro, nach rund 32 Euro Ende Februar. Bis Ende Juni gab er nach einem vorläufigen US-Iran-Abkommen wieder auf rund 40,6 Euro nach.
- Welche Schäden hat QatarEnergy erlitten?
- Iranische Drohnenangriffe auf die Anlage Ras Laffan legten zwei von 14 LNG-Trains und eine von zwei GTL-Einheiten lahm — etwa 17 Prozent der Exportkapazität. Das entspricht rund 12,8 Millionen Tonnen Jahresproduktion und etwa 20 Milliarden Dollar Erlös pro Jahr. Am 24. März erklärte das Unternehmen höhere Gewalt.
- Wird sich die Lage rasch normalisieren, wenn der Krieg endet?
- Versicherer und Reeder warnen, dass Prämien und Frachtraten nicht sofort auf das Vorkriegsniveau zurückfallen. Laut BIMCO ist zudem wahrscheinlich eine Minenräumung nötig, um die Meerenge vollständig wieder zu öffnen.
Quellen(11)
- 1Qatar brings LNG tankers into Hormuz despite shipping slowdownReuters (via Zawya) · zawya.com
- 2Shipping slows after Iran says it has again shut the Strait of HormuzReuters (via Investing.com) · investing.com
- 3Qatari LNG Carriers Re-Enter Hormuz as Traffic Through Strait SlumpsMarineLink · marinelink.com
- 4QatarEnergy declares force majeure on some LNG contracts due to Iran warAl Jazeera · aljazeera.com
- 5Qatar Warns War Will Force Gulf to Stop Energy Exports 'Within Days'EnergyNow (republishing Financial Times) · energynow.ca
- 6Strait of Hormuz reopening won't mean cheaper shipping as insurance premiums surgeKhaleej Times · khaleejtimes.com
- 7European gas prices could jump 130% on Hormuz disruption, Goldman estimatesInvesting.com · investing.com
- 8Europe's gas prices on the brink as Qatari LNG flows stallEuronews · euronews.com
- 9Oil supertanker rates hit all-time high as insurers drop war risk protection in the Middle EastCNBC · cnbc.com
- 102026 Strait of Hormuz crisisWikipedia · en.wikipedia.org
- 11Gas prices soar as QatarEnergy halts LNG production after Iran attacksAl Jazeera · aljazeera.com



