Sicherheitspolitik

Nach 81 Jahren: Kanadas Verteidigungsminister besucht erstmals Luxemburg

David McGuintys Besuch ist der erste eines kanadischen Bundesministers seit Beginn der diplomatischen Beziehungen — ein Signal, wie eng sich Ottawa an Europas Verteidigungsarchitektur bindet.

Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Förmlicher Besprechungsraum in einem Schloss mit leerem Konferenztisch, Wassergläsern und zwei schlichten Fahnenständern an einem hohen Fenster.
Ein für Delegationsgespräche hergerichteter Besprechungsraum in einem Schloss. Illustratives, KI-generiertes Bild — es zeigt keine real identifizierbaren Personen oder Orte. Illustration: KI-generiert — Status

Es war ein Termin von kaum einer Stunde Symbolgehalt und doch von weitreichender Bedeutung: Als der kanadische Verteidigungsminister David McGuinty am 19. Juni 2026 in Luxemburg-Stadt eintraf, war es nach Angaben beider Regierungen der erste Besuch eines Mitglieds der kanadischen Bundesregierung im Großherzogtum seit 81 Jahren diplomatischer Beziehungen. Hinter dem nüchternen Jubiläum verbirgt sich eine Verschiebung der Kräfte — Ottawa rückt näher an die rasch aufrüstende Sicherheitsarchitektur Europas, und kleine Bündnispartner suchen ihren Platz in der transatlantischen Verteidigung.

McGuinty, Minister für nationale Verteidigung in der Regierung von Premierminister Mark Carney, machte in Luxemburg Halt, nachdem er in Brüssel am Treffen der NATO-Verteidigungsminister und an der 35. Sitzung der Ukraine-Kontaktgruppe teilgenommen hatte. Im Großherzogtum führte er auf Schloss Burglinster ein bilaterales Gespräch mit seiner Amtskollegin Yuriko Backes, traf den Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Claude Wiseler, sowie Mitglieder des Außenausschusses und trat mit Backes zu einer gemeinsamen Pressekonferenz im Hôtel Saint Augustin an.

Eine diplomatische Premiere

Die diplomatischen Beziehungen beider Länder reichen bis in den Zweiten Weltkrieg zurück, doch ein kanadischer Bundesminister hatte Luxemburg bis dahin nie offiziell betreten. Der Besuch folgte auf die Eröffnung einer luxemburgischen Botschaft in Ottawa im Jahr 2025 — für beide Seiten das Fundament einer engeren Zusammenarbeit. Backes sprach von einem „historischen Moment“ und dankte McGuinty dafür, „ein so fantastischer Verbündeter und Freund zu sein und heute hier bei uns zu sein“.

McGuinty wiederum deutete die Reise als bewusste Erweiterung kanadischer Allianzen in unruhiger Zeit. Ottawa suche „gleichgesinnte, kleine und mittelgroße Länder“ für die Zusammenarbeit, sagte er vor Journalisten.

„Es ist eine große Ehre, hier für Kanada zu sein.“

Hinter der diplomatischen Wärme stand strategisches Kalkül. Backes würdigte Kanada als „verlässlichen NATO-Verbündeten, gerade in diesen geopolitisch sehr instabilen Zeiten“. Beide Minister betonten die fortgesetzte militärische Unterstützung der Ukraine.

Beide unsere Länder haben die Ukraine unterstützt und tun das weiterhin. Ich halte es für außerordentlich wichtig, ihre Verteidigung gegen den inakzeptablen Krieg, den Russland fortsetzt, weiter zu unterstützen.

Ein Brückenkopf in den europäischen Rüstungsmarkt

Inhaltlich drehte sich der Besuch vor allem darum, Kanada tiefer in europäische Verteidigungsprojekte einzubinden. Beide Seiten erörterten eine engere Kooperation in den aufkommenden Bereichen Weltraum und Cyber, in denen kleine Staaten überproportional Gewicht entfalten können, sowie die geplante Defence, Security and Resilience Bank (DSRB) — eine an der NATO ausgerichtete Initiative, für die sich Luxemburg starkgemacht hat. McGuinty hob zudem Kanadas Beitritt zum EU-Instrument SAFE (Security Action for Europe) hervor, einem 2025 geschaffenen Programm mit einem Volumen von 150 Milliarden Euro, das über gemeinsame Anleihen die Beschaffung von Rüstungsgütern finanziert.

Kanada ist das erste und bislang einzige nichteuropäische Land, das zu SAFE zugelassen wurde. Der EU-Rat schloss das Beteiligungsabkommen am 15. Juni 2026 ab — wenige Tage vor McGuintys Reise. Zuvor war die Vereinbarung im Februar unterzeichnet worden, im Mai hatte das Europäische Parlament zugestimmt. Sie baut auf der Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft auf, die Kanada und die EU bei ihrem Gipfel am 23. Juni 2025 besiegelt hatten. Das Abkommen erlaubt kanadischen Unternehmen die Teilnahme an EU-finanzierten Ausschreibungen; Verhandler sicherten eine Ausnahme, die bei gemeinsamen Beschaffungen einen kanadischen Wertschöpfungsanteil von bis zu 80 Prozent zulässt — deutlich über der üblichen Obergrenze von 35 Prozent für Drittstaaten. Die Aufnahmegebühr Kanadas wird mit 10 Millionen Euro angegeben.

Folgende Stränge wollen die beiden Minister nach eigenen Worten weiterverfolgen:

  • eine engere Verzahnung der kanadischen und der luxemburgischen Streitkräfte;
  • Zusammenarbeit in den Domänen Weltraum und Cyber;
  • gemeinsame Arbeit an der Defence, Security and Resilience Bank;
  • fortgesetzte Abstimmung der Militärhilfe für die Ukraine.

Luxemburgs Aufholjagd bei den Ausgaben

Für Luxemburg fügte sich der Besuch in das eigene Bemühen, die neue Ausgabenlatte der NATO zu erreichen. Beim Gipfel des Bündnisses in Den Haag im Juni 2025 hatten die Mitglieder vereinbart, bis 2035 fünf Prozent der Wirtschaftsleistung — im Fall Luxemburgs des Bruttonationaleinkommens — in Verteidigung und Sicherheit zu investieren, aufgeteilt in 3,5 Prozent für die militärischen Kernausgaben und 1,5 Prozent für die breitere Resilienz.

Am 20. Mai 2026 stellte Backes einen Fahrplan vor, der die Verteidigungsausgaben jährlich um 0,1 Prozentpunkte anhebt: auf 2,1 Prozent des BNE im Jahr 2027 (rund 1.373 Millionen Euro), 2,2 Prozent 2028 (rund 1.513 Millionen Euro) und 2,3 Prozent 2029 (rund 1.665 Millionen Euro). Den Anstieg beschrieb sie als „eine maßvolle Antwort auf die Herausforderungen, die sich aus dem aktuellen geopolitischen Kontext ergeben“. Beim Gipfel in Ankara im Juli 2026 erwartet die NATO von den Verbündeten glaubwürdige Pfade hin zum Ziel für 2035.

Lastenteilung unter Druck

Die bilaterale Annäherung vollzieht sich vor einem angespannten transatlantischen Hintergrund. Während Washington die europäischen Partner drängt, einen größeren Teil der NATO-Lasten zu tragen, und Zweifel an der Beständigkeit amerikanischer Zusagen fortbestehen, vertiefen Europa und Kanada ihre eigenen Bindungen — von der Sicherheitspartnerschaft mit der EU bis zur SAFE-Mitgliedschaft. McGuinty machte die Richtung unmissverständlich klar: Kanada werde „eine sehr starke Beziehung zu unserem südlichen Nachbarn“ pflegen, sie aber „erweitern, besonders im Bereich der Verteidigung“.

Für ein Land mit weniger als 700.000 Einwohnern und einer der kleinsten Streitkräfte der NATO war der erstmalige Empfang eines kanadischen Verteidigungsministers zugleich symbolisch und strategisch: ein Beleg dafür, dass in einem Bündnis, das neu vermisst, wer zahlt und wer führt, auch die kleinsten Mitglieder mitreden wollen. „Luxemburg genießt einen herausragenden Ruf“, sagte McGuinty, getragen von einer Führung, „die meint, was sie sagt, und sagt, was sie meint“.

Häufig gefragt

Warum war McGuintys Besuch historisch?
Nach Angaben beider Regierungen war es der erste Besuch eines Mitglieds der kanadischen Bundesregierung in Luxemburg in 81 Jahren diplomatischer Beziehungen. Er folgte auf die Eröffnung einer luxemburgischen Botschaft in Ottawa im Jahr 2025.
Was ist das SAFE-Programm und welche Rolle spielt Kanada?
SAFE (Security Action for Europe) ist ein 2025 geschaffenes EU-Instrument mit 150 Milliarden Euro, das über gemeinsame Anleihen Rüstungsbeschaffungen finanziert. Kanada ist das erste und bislang einzige zugelassene nichteuropäische Land; der EU-Rat schloss das Beteiligungsabkommen am 15. Juni 2026 ab.
Wie will Luxemburg die NATO-Ausgabenziele erreichen?
Beim NATO-Gipfel in Den Haag 2025 wurden fünf Prozent der Wirtschaftsleistung bis 2035 vereinbart. Luxemburg hebt seine Verteidigungsausgaben jährlich um 0,1 Prozentpunkte an — auf 2,1 Prozent des BNE 2027, 2,2 Prozent 2028 und 2,3 Prozent 2029.
Wurde bei dem Besuch ein bilateraler Vertrag unterzeichnet?
Nein. Bei dem Besuch wurde kein bindender bilateraler Vertrag geschlossen. Der SAFE-Beitritt ist ein Abkommen zwischen der EU und Kanada, nicht zwischen Luxemburg und Kanada.
Quellen(10)
  1. 1Canadian Defence Minister Expresses 'Deep Gratitude' For Relationship With LuxembourgChronicle.lu · chronicle.lu
  2. 2Minister McGuinty Advances NATO Priorities and Defence Cooperation During European VisitDepartment of National Defence (Canada.ca) · canada.ca
  3. 3Minister McGuinty Advances NATO Priorities and Defence Cooperation During European Visit (mirror)GlobalSecurity.org · globalsecurity.org
  4. 4Minister McGuinty Heads to LuxembourgMirage News · miragenews.com
  5. 5Minister McGuinty to travel to LuxembourgDepartment of National Defence (Canada.ca) · canada.ca
  6. 6SAFE: Council concludes agreement with CanadaCouncil of the EU (Consilium) · consilium.europa.eu
  7. 7SAFE: Council clears path for financial assistance to eight member states and concluding the Canada agreementCouncil of the EU (Consilium) · consilium.europa.eu
  8. 8EU formally concludes SAFE agreement with Canada to support participation in joint defence procurement programmesDefence Industry Europe · defence-industry.eu
  9. 9Yuriko Backes presents Luxembourg's defence spending roadmap to 2029The Luxembourg Government (gouvernement.lu) · gouvernement.lu
  10. 10Luxembourg Sets Defence Spending Trajectory Through 2029Chronicle.lu · chronicle.lu

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