Werkstoffwende in der Reifenindustrie

Goodyear verkauft Reifen zu über der Hälfte aus nachhaltigem Material – Brüssel verschärft Recyclingvorgaben

Ein Straßenreifen, dessen Material zu mindestens 50 Prozent nachhaltig ist, gilt Goodyear als Wegmarke. Entwickelt wird die Chemie auch in Colmar-Berg – einem der größten Arbeitgeber Luxemburgs.

Von Marc Weber · · 4 Min. Lesezeit

Stillleben auf einer Werkbank mit Reisspelzen, einem Becher Sojaöl, recyceltem Gummi und einem Querschnitt durch ein Reifenprofil
Rohstoffe eines Reifens als Werkbank-Stillleben: Reisspelzen, Sojaöl, recycelter Gummi und ein Profilquerschnitt. Illustrative, KI-generierte Darstellung. Illustration: KI-generiert — Status

Wer einen Autoreifen aufschneidet, findet vor allem Erdöl und Ruß. Seit mehr als hundert Jahren folgt die Branche im Kern derselben Rezeptur – Natur- und Synthesekautschuk, Industrieruß, Kieselsäure, Stahl und Verstärkungsgewebe –, und beinahe alles davon stammt aus fossilen, frisch geförderten Quellen. Goodyear, dessen europäischer Forschungs- und Produktionsschwerpunkt in der zentralluxemburgischen Gemeinde Colmar-Berg liegt, erklärt nun, eine lange als fern geltende Schwelle überschritten zu haben: Der US-Konzern verkauft Straßenreifen, bei denen mehr als die Hälfte des Materials biobasiert, nachwachsend oder recycelt ist.

Der im Januar 2024 vorgestellte ElectricDrive 2 ist nach Angaben des Unternehmens so konstruiert, dass pro Reifen mindestens 50 Prozent des Gewichts auf nachhaltige Materialien entfallen. Die Zutatenliste klingt eher nach Speisekammer als nach Chemiewerk: Sojaöl ersetzt einen Teil der erdölbasierten Prozessöle, die Kieselsäure entsteht aus der Asche von Reisspelzen, und der Naturkautschuk stammt laut Goodyear aus nachhaltigem Anbau. Als nachhaltig gilt dem Konzern ein Material, das biobasiert, erneuerbar oder recycelt ist – oder mit Verfahren hergestellt wurde, die Ressourcen schonen und Emissionen senken.

Sojaöl, Reisspelzen und ein 90-Prozent-Prototyp

Der 50-Prozent-Reifen ist die marktreife Spitze einer längeren Entwicklungsarbeit. Schon im Januar 2022 zeigte Goodyear einen Reifen mit 70 Prozent nachhaltigem Materialanteil, ein Jahr später folgte ein Demonstrationsreifen mit 90 Prozent, der nach Konzernangaben behördliche und interne Prüfungen bestanden hatte und für den Straßenverkehr zugelassen war. Dieser Prototyp vereinte 17 Inhaltsstoffe in zwölf Bauteilen, darunter vier Rußsorten aus Methan, Kohlendioxid, Pflanzenöl und dem Pyrolyseöl ausgedienter Reifen, dazu Polyester aus gebrauchten Getränkeflaschen und Stahl mit hohem Recyclinganteil.

Bis 2030 will Goodyear den ersten Reifen der Branche aus zu 100 Prozent nachhaltigen Materialien auf den Markt bringen – und arbeitet die neue Chemie zugleich in Serienprodukte ein: Acht Reifenlinien enthalten inzwischen Sojaöl, der Einsatz von Kieselsäure aus Reisspelzenasche hat sich seit 2018 nach Unternehmensangaben mehr als verdoppelt. Für die FIA-Truck-Racing-Europameisterschaft entwickelte der Hersteller zudem einen Rennreifen mit 55 Prozent nachhaltigem Materialanteil.

Wir machen weiter Fortschritte auf dem Weg zu unserem Ziel, bis 2030 den branchenweit ersten Reifen aus zu 100 Prozent nachhaltigen Materialien einzuführen.

Mit diesen Worten ordnet Chris Helsel, bei Goodyear Senior Vice President für die weltweiten Betriebe und Technikvorstand, den 50-Prozent-Reifen als Zwischenstation ein, nicht als Ziel. „Wir wissen, dass Fahrer von Elektroautos auf Leistung und einen nachhaltigeren Reifen Wert legen“, sagte David Reese, Vice President für Produktentwicklung bei Goodyear Americas, zum Marktstart des ElectricDrive 2. „Der ElectricDrive 2 wurde mit mindestens 50 Prozent nachhaltigen Materialien entwickelt – mit dem Fokus auf mehr Traktion und einen weiterhin leisen Lauf.“

Luxemburgs industrieller Ankerpunkt

Die Werkstoffforschung hinter diesen Reifen verteilt sich auf Goodyears zwei Innovationszentren – eines in Akron im US-Bundesstaat Ohio, das andere in Colmar-Berg, wo der Konzern seit den frühen 1950er-Jahren produziert und forscht. Der luxemburgische Standort zählt zu den größten privaten Arbeitgebern des Landes: Der Industrieverband FEDIL führt 3.387 Beschäftigte, der Konzern selbst spricht von einem weiteren Forschungs- und Produktionsverbund mit rund 3.500 Mitarbeitenden aus mehr als 80 Nationen, verteilt auf Colmar-Berg, Bissen und Dudelange.

Der Standort dient zugleich als europäische Drehscheibe der Produktentwicklung. Im März 2024 eröffnete Goodyear dort ein Zentrum für Fahrsimulation rund um einen hochwertigen Bewegungssimulator, an dem Ingenieure virtuelle Konzeptreifen gegen Fahrzeuge testen können, die noch am Reißbrett entstehen. Die Anlage spare beim laufenden Projekt schätzungsweise 13.000 reale Reifen und rund 97.500 Kilometer Testfahrten ein, so der Konzern. Den laufenden Fertigungsbetrieb der Werke verantwortet Werkleiter Alex Schumann.

  • Goodyear in Colmar-Berg: Forschungs- und Produktionskomplex, in Betrieb seit den frühen 1950er-Jahren
  • Belegschaft: 3.387 in Luxemburg (FEDIL); rund 3.500 im erweiterten Verbund
  • Rolle: eines von zwei globalen Innovationszentren des Konzerns, dazu EMEA-Produktentwicklung

Brüssel schreibt das Regelwerk neu

Was kaufmännisch sinnvoll ist, gerinnt zunehmend zu geltendem Recht. Am 12. Dezember 2025 erzielten Europäisches Parlament und Rat eine vorläufige Einigung über eine neue Verordnung zu Gestaltung und Verschrottung von Fahrzeugen, die die älteren EU-Regeln zu Altfahrzeugen und zur Typgenehmigung ablöst. Demnach muss jeder neue Fahrzeugtyp binnen sechs Jahren nach Inkrafttreten mindestens 15 Prozent recyceltes Kunststoffmaterial enthalten, binnen zehn Jahren steigt die Quote auf 25 Prozent; ein Fünftel davon soll aus einem geschlossenen Kreislauf ausgedienter Fahrzeuge stammen. Für Stahl und Aluminium muss die EU-Kommission – vorbehaltlich von Machbarkeitsstudien – innerhalb von zwei Jahren eigene Recyclingziele vorschlagen.

Die Einigung zielt auf einen Markt von erheblichem Ausmaß: In der EU sind 285,6 Millionen Kraftfahrzeuge zugelassen, rund 6,5 Millionen erreichen jährlich das Ende ihres Lebenszyklus. „Wir unternehmen wichtige Schritte, um den Übergang des Automobilsektors zur Kreislaufwirtschaft zu beschleunigen“, erklärten die Berichterstatter des Parlaments, Jens Gieseke und Paulius Saudargas, in einer gemeinsamen Mitteilung; man habe „realistische Ziele gesichert“, um die Industrie nicht zu überfordern. Der Rat hatte seine Verhandlungsposition bereits im Juni 2025 festgelegt; die Einigung bedarf nun noch der förmlichen Bestätigung durch beide Institutionen.

Vorerst gelten die verbindlichen Recyclingquoten der Verordnung für Kunststoffe – und perspektivisch für Stahl und Aluminium –, nicht aber für Reifen selbst. Die Richtung jedoch ist eindeutig, und sie trifft sich mit der Wette, die Goodyear in Colmar-Berg eingeht: dass die Autohersteller, von Brüssel gedrängt, fossile Neumaterialien aus ihren Lieferketten zu verbannen, dies zunehmend auch vom Gummi verlangen, auf dem ihre Wagen rollen.

Häufig gefragt

Was bedeutet bei Goodyear „nachhaltiges Material“?
Der Konzern versteht darunter Materialien, die biobasiert, erneuerbar oder recycelt sind oder mit ressourcenschonenden und emissionsmindernden Verfahren hergestellt werden – einschließlich des Massenbilanzansatzes nach ISCC PLUS.
Welche Rolle spielt der Standort Colmar-Berg?
Colmar-Berg ist eines von zwei globalen Innovationszentren Goodyears (neben Akron, Ohio) und Standort der EMEA-Produktentwicklung. Der Konzern produziert und forscht dort seit den frühen 1950er-Jahren und zählt zu den größten privaten Arbeitgebern Luxemburgs.
Schreibt die neue EU-Verordnung Recyclinganteile für Reifen vor?
Nein. Die verbindlichen Quoten der am 12. Dezember 2025 vorläufig vereinbarten Verordnung betreffen recycelten Kunststoff sowie perspektivisch Stahl und Aluminium, nicht aber Reifen. Die Einigung muss zudem noch förmlich von Parlament und Rat bestätigt werden.
Quellen(11)
  1. 1Goodyear introduces Goodyear ElectricDrive 2 with elevated performance capability and sustainable materialsGoodyear (newsroom) · news.goodyear.com
  2. 2Goodyear unveils 90% sustainable-material demonstration tire, approved for road useGoodyear EU (newsroom) · news.goodyear.eu
  3. 3Goodyear develops 70% sustainable-material tire with industry-leading innovationsGoodyear (newsroom) · news.goodyear.com
  4. 4Goodyear unveils 90% sustainable-material demonstration tire, approved for road usePR Newswire · prnewswire.com
  5. 5Introducing 55% sustainable-material truck racing tyres for the Goodyear FIA European Truck Racing ChampionshipGoodyear EU (newsroom) · news.goodyear.eu
  6. 6Circular economy: deal on new EU rules for the automotive sectorEuropean Parliament · europarl.europa.eu
  7. 7Circular economy: Council and Parliament strike deal on rules for vehicle circularity and management of end-of-life vehiclesCouncil of the EU (Consilium) · consilium.europa.eu
  8. 8Circular economy: Council adopts position on the recycling of vehicles at the end of their lifeCouncil of the EU (Consilium) · consilium.europa.eu
  9. 9Goodyear S.A. — member profileFEDIL · fedil.lu
  10. 10From tyres to data: Alex Schumann's strategic journeyPaperjam · en.paperjam.lu
  11. 11Goodyear inaugurates Simulation Center in Colmar-BergSilicon Luxembourg · siliconluxembourg.lu

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