Wirtschaftskriminalität
Caritas-Skandal in Luxemburg: Festnahme in Rom lenkt Blick auf eine Geldspur quer durch Europa
Eine Festnahme nahe Rom bringt den 61,2-Millionen-Euro-Betrug bei der Caritas Luxemburg zurück in die Schlagzeilen – und zeigt, wie weit das Geld verschoben wurde.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Eine Festnahme in der Nähe von Rom hat den größten Spendenskandal der jüngeren luxemburgischen Geschichte erneut auf die Titelseiten gebracht. Italienische Ermittler nahmen Anfang Juni eine 41 Jahre alte Frau fest, die in Gerichtsdokumenten als Clarissa La Porta geführt wird. Grundlage war ein Europäischer Haftbefehl, den ein luxemburgischer Untersuchungsrichter ausgestellt hatte. Die Beschuldigte soll eine zentrale Rolle bei der Geldwäsche der rund 61,2 Millionen Euro gespielt haben, die der katholischen Hilfsorganisation Caritas Luxemburg entzogen wurden. Sie gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig.
Die Festnahme ist der vorläufig jüngste Schritt einer weitverzweigten Ermittlung, die im Sommer 2024 mit einer einzigen Strafanzeige in Luxemburg-Stadt begann und inzwischen Gerichtssäle und Konten in mehreren EU-Staaten erreicht hat. Für ein Land, das sich als streng regulierter Finanzplatz versteht, ist der Fall zu einer unbequemen Prüfung geworden – eine Prüfung der Frage, wie gut gemeinnützige Träger und die sie betreuenden Banken öffentliche Mittel und Spendengelder schützen.
Ein Jahresbudget, in fünf Monaten verschwunden
Zwischen Februar und Juli 2024 flossen nach Berichten luxemburgischer und internationaler Medien, die sich auf die Staatsanwaltschaft berufen, rund 61,2 Millionen Euro von den Konten der Caritas ab – nahezu das gesamte Jahresbudget der Organisation. Insgesamt waren es etwa 8.200 Überweisungen. Jede einzelne lag unter 500.000 Euro; diese Schwelle wählten die Täter den Ermittlern zufolge bewusst, um automatische Kontrollen zu umgehen.
Die Polizei spricht von einem CEO-Betrug oder Fake-President-Betrug: Dabei gibt sich jemand als hochrangige Führungskraft aus und drängt Mitarbeitende, eilige Zahlungen auf Konten der Betrüger freizugeben. Nachdem die Unregelmäßigkeiten aufgefallen waren, erstattete die Caritas am 19. Juli 2024 Strafanzeige. Es folgten öffentliche Empörung und eine landesweite Debatte über die Kontrolle von Organisationen, die staatliche Zuschüsse erhalten. Bis September 2024 hatte die Hilfsorganisation begonnen, Auslandsprojekte einzustellen – rund 100 Stellen galten als gefährdet.
Eine Spur über viele Grenzen
Was den Fall Caritas auszeichnet, ist das Tempo, mit dem das Geld verteilt wurde. Die Summen liefen zunächst überwiegend auf Konten in Spanien und wurden anschließend über Briefkastenfirmen und weitere Konten in verschiedenen Ländern gestreut. Die Ermittlungen führten in mehreren Staaten zu Festnahmen und Verurteilungen:
- Im Januar 2025 meldete die Staatsanwaltschaft acht Festnahmen nach abgestimmten Einsätzen in Bulgarien, Frankreich und Großbritannien; ein neunter Verdächtiger, ein bulgarischer Staatsangehöriger, wurde später im selben Monat gefasst.
- Im Juli 2025 wurden zwei Bulgaren als sogenannte Money Mules verurteilt. Beide erhielten je 18 Monate Haft, davon den überwiegenden Teil zur Bewährung, weil sie spanische Konten für den Empfang der Gelder eröffnet hatten.
- Im Juni 2026 folgte die Festnahme von La Porta im Raum Rom. Ihr wird vorgeworfen, in Ländern wie Italien, Österreich, Schweden und Portugal Scheinfirmen und Konten eingerichtet zu haben, um die Herkunft des Geldes zu verschleiern.
Die luxemburgischen Behörden stützten sich stark auf die europäische Justizzusammenarbeit. Sie richteten Dutzende Europäische Ermittlungsanordnungen und Rechtshilfeersuchen an Stellen in rund 13 Staaten und erwirkten 54 Anordnungen zum Einfrieren von Vermögenswerten im In- und Ausland. Dennoch warnten die Ankläger, ein großer Teil des Geldes lasse sich womöglich nie zurückholen.
Diese Fortschritte in den Ermittlungen waren nur dank des beständigen und akribischen Einsatzes aller nationalen Akteure sowie zuverlässiger internationaler Kooperationswege wie Europol, Interpol und Eurojust möglich.
Mit diesen Worten kommentierte die luxemburgische Staatsanwaltschaft die erste Festnahmewelle. Für alle Inhaftierten gilt bis zu einer Verurteilung die Unschuldsvermutung.
Die Aufarbeitung im eigenen Land
Die Folgen beschränken sich nicht auf das kriminelle Netzwerk im Ausland. Die luxemburgische Finanzaufsicht CSSF verhängte 2025 gegen die staatliche Bank Spuerkeess eine Geldbuße von 4.968.780 Euro wegen Schwächen in ihren Kontrollen gegen Geldwäsche. Diese hätten es zugelassen, dass Tausende verdächtige Überweisungen mit zu geringer Prüfung durchliefen. Die auf Mai datierte Sanktion wurde Ende Juli 2025 öffentlich gemacht.
Auch die Bücher der Caritas selbst rückten in den Blick. Berichten zufolge sieht sich die frühere Finanzchefin der Organisation mit Vorwürfen im Zusammenhang mit Überweisungen konfrontiert, die sie freigegeben haben soll. Sie weist die Vorwürfe zurück und erklärt, auch sie sei durch den Fake-President-Betrug getäuscht worden. Eine Schuld wurde ihr bislang nicht nachgewiesen.
Branchenverbände werten den Fall als Warnung für den gesamten Sektor. Die luxemburgische Bankenvereinigung ABBL erklärte, die angewandten Methoden deuteten auf Insiderwissen über die Arbeitsweise der Hilfsorganisation hin.
„Es spricht alles dafür, dass dieser Betrug von Fachleuten mit tiefgreifender Kenntnis der internen Abläufe der Caritas begangen wurde“, erklärte der Verband. Die CSSF wiederum erinnerte die Geldhäuser daran, dass „Banken verpflichtet sind, ihre Kunden zu kennen sowie Transaktionen, die über ihre Bücher laufen, zu überwachen und zu dokumentieren“.
Knapp zwei Jahre nach Bekanntwerden bleibt die Affäre der größte Fall von Spendenbetrug, an den man sich in Luxemburg erinnert: ein Skandal, der das Vertrauen in den gemeinnützigen Sektor erschüttert, einer einheimischen Bank eine Rekordstrafe der Aufsicht eingebracht hat und mit jeder neuen Festnahme im Ausland zeigt, wie weit das Geld gereist ist.
Häufig gefragt
- Wie viel Geld wurde der Caritas Luxemburg entzogen?
- Rund 61,2 Millionen Euro – nahezu das gesamte Jahresbudget der Organisation. Das Geld floss zwischen Februar und Juli 2024 über etwa 8.200 Überweisungen ab, die jeweils unter 500.000 Euro lagen, um Kontrollen zu umgehen.
- Wer wurde im Juni 2026 in Italien festgenommen?
- Eine 41 Jahre alte Frau, in Gerichtsdokumenten als Clarissa La Porta geführt, wurde im Raum Rom per Europäischem Haftbefehl gefasst. Ihr wird vorgeworfen, in Ländern wie Italien, Österreich, Schweden und Portugal Scheinfirmen und Konten zur Geldwäsche eingerichtet zu haben. Sie gilt als unschuldig.
- Welche Konsequenzen hatte der Fall in Luxemburg selbst?
- Die Finanzaufsicht CSSF verhängte gegen die staatliche Bank Spuerkeess eine Geldbuße von 4.968.780 Euro wegen Mängeln bei der Geldwäschekontrolle. Zudem sieht sich die frühere Finanzchefin der Caritas mit Vorwürfen konfrontiert; sie weist diese zurück, eine Schuld wurde nicht nachgewiesen.
- Kann das gestohlene Geld zurückgeholt werden?
- Die Ankläger warnten, dass ein großer Teil der Summe womöglich nie zurückzuholen sei. Die Behörden erwirkten allerdings 54 Anordnungen zum Einfrieren von Vermögenswerten im In- und Ausland.
Quellen(11)
- 1Prosecutor's office announces eight arrests in Caritas caseDelano · delano.lu
- 2Key figure in Caritas case arrested in RomePaperjam · en.paperjam.lu
- 3Lessons to be learned from the Caritas affairPaperjam · en.paperjam.lu
- 4Caritas Luxembourg may be 'fake president fraud' victimThe Pillar · pillarcatholic.com
- 5Two convicted for 'money mule' role in Caritas Luxembourg fraudThe Pillar · pillarcatholic.com
- 6New arrest in Caritas Luxembourg embezzlement scandalThe Pillar · pillarcatholic.com
- 7Luxembourg church reels from massive embezzlement at Caritas charityNational Catholic Reporter · ncronline.org
- 8Caritas Luxembourg €61 Million Fraud Probe Reaches RomeFincrime Central · fincrimecentral.com
- 9Arrest in Rome Linked to €61.2 Million Caritas Luxembourg Fraud and Money Laundering ScandalComsure · comsuregroup.com
- 10Luxembourg's state-owned bank is fined €5 million following the €61.2 million Caritas fraudComsure · comsuregroup.com
- 11Caritas LuxembourgWikipedia · en.wikipedia.org



