Organisierte Kriminalität
Europol: 731 kriminelle Netzwerke unterwandern Europas Wirtschaft
Die neue Europol-Lagebewertung zählt über 400.000 Mitglieder aus 118 Nationalitäten und warnt, dass sich die meisten Gruppen hinter legalen Firmen verstecken – relevant auch für Luxemburg.
Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Die Grenze zwischen legaler und krimineller Wirtschaft verschwimmt. Zu diesem Schluss kommt Europol in einer neuen Lagebewertung, die 731 kriminelle Netzwerke als größte Bedrohung für die innere Sicherheit der Europäischen Union einstuft. Zusammen zählen sie mehr als 400.000 Mitglieder aus 118 Nationalitäten – und sie operieren immer seltener am Rand der Gesellschaft, sondern mitten in ihr.
Die Zahlen stammen aus der zweiten Auflage des Vorzeigeberichts der Behörde, Decoding the EU's Most Threatening Criminal Networks: Issue 2 – The Blueprint of Criminal Opportunism. Vorgestellt wurde er am 26. Juni 2026 auf einer Pressekonferenz, die die zyprische EU-Ratspräsidentschaft, die Europäische Kommission und Europol gemeinsam ausrichteten. Der Bericht aktualisiert eine erste Analyse aus dem April 2024, die 821 Netzwerke untersucht und ihnen das Etikett „agil, grenzenlos, kontrollierend und zerstörerisch“ verpasst hatte.
Die Netzwerke seien, so Europol, vor allem im Drogenhandel und im Betrug aktiv. Die zentrale Warnung des Berichts betrifft jedoch ihre Reichweite: 85 Prozent der Gruppen nutzen oder missbrauchen legale Unternehmensstrukturen, um ihre Geschäfte abzuwickeln oder zu verschleiern.
Wo die Geschäfte gemacht werden
Der Drogenhandel bleibt das mit Abstand wichtigste Tätigkeitsfeld. Doch als am schnellsten wachsenden Bereich der organisierten Kriminalität nennt Europol den – häufig online begangenen – Betrug. Die gefährlichsten Netzwerke betreiben zudem Menschenhandel, Schleusung von Migranten und Eigentumsdelikte. Sie alle eint ein Bedürfnis: Erlöse müssen bewegt und unkenntlich gemacht werden.
Genau hier kommen legale Unternehmen ins Spiel. Tarnfirmen in bargeldintensiven und grenzüberschreitend tätigen Branchen erlauben es den Netzwerken, Geld zu waschen, an Aufträge zu gelangen und sich in der offiziellen Wirtschaft festzusetzen. Jürgen Ebner, der amtierende Exekutivdirektor von Europol, beschrieb einen Gegner, der einem Konzern immer ähnlicher wird.
„Sie verfügen über eine sehr starke finanzielle Absicherung. Sie setzen ausgeklügelte Gegenmaßnahmen ein. Sie greifen in hohem Maße auf Korruption zurück. Es sind global vernetzte Zellen innerhalb der EU und darüber hinaus – ein internationales Unternehmen“, sagte Ebner.
Korruption und digitale Werkzeuge
Korruption und Technologie wirken in dem Bericht als die beiden Triebkräfte der modernen organisierten Kriminalität. Die Netzwerke bestechen Amtsträger und schüchtern ein, um Ermittlungen zu behindern. Gleichzeitig beschleunigen verschlüsselte Kommunikation, Anonymisierungswerkzeuge und zunehmend künstliche Intelligenz ihre Abläufe und erschweren die Strafverfolgung.
„Jede Form von Kriminalität wird online genährt und durch KI und Technologie beschleunigt“, sagte Ebner vor Journalisten. Aus einst lokal verwurzelten Banden würden so grenzüberschreitende Unternehmen, die EU-weit und darüber hinaus rekrutieren, betrügen und koordinieren. In ihrer Analyse zur internetgestützten Kriminalität bezeichnet Europol Betrugsmaschen unterdessen als den am schnellsten wachsenden Bereich.
Ein Finanzplatz in Habachtstellung
Für Luxemburg trifft die Bewertung einen wunden Punkt. Als einer der größten internationalen Finanzplätze der EU ist das Großherzogtum weniger durch lokale Kriminalität gefährdet als durch die Wäsche von Geldern, die andernorts erwirtschaftet wurden – also durch genau jene grenzüberschreitenden Ströme, die Europol beschreibt.
Luxemburgs eigene Nationale Risikobewertung 2025, herausgegeben vom Justizministerium und der Finanzaufsicht CSSF, gelangt zu einem ähnlichen Befund: Die Geldwäschegefahr gehe vor allem von Erträgen aus Vortaten aus, die im Ausland begangen wurden – eine Folge der Stellung des Landes als internationaler Finanzplatz. Als wichtigste externe Bedrohungen nennt sie Betrug und Urkundenfälschung, Steuerstraftaten und Korruption – dieselben Felder, die Europol ins Zentrum der gefährlichsten Netzwerke der EU rückt.
Die luxemburgische Bewertung stuft das inhärente Geldwäscherisiko bei Banken, Investmentfirmen, E-Geld- und Zahlungsinstituten, Dienstleistern im Bereich virtueller Vermögenswerte sowie Lebensversicherern als „hoch“ ein, ebenso bei Rechts- und Buchhaltungsberufen. Als am stärksten exponiert gelten Rechtskonstruktionen. Durch Gegenmaßnahmen, so der Bericht, sinke das Restrisiko in den meisten Fällen auf ein mittleres Niveau.
Was die Behörden antworten
Europols Rezept lautet, nicht länger einzelnen Tätern hinterherzulaufen, sondern ganze Netzwerke zu zerschlagen – ihre Führung, ihre Infrastruktur und die Vermögenswerte, die sie tragen. Der Weg dorthin führe über grenzüberschreitende Zusammenarbeit und das konsequente Verfolgen der Geldspuren.
Die Stärke krimineller Netzwerke liegt in ihrer Fähigkeit, über Grenzen hinweg zu agieren. Deshalb muss unsere Stärke in unserer Fähigkeit liegen, über sie hinweg zusammenzuarbeiten.
Dieser Appell von Themistos Arnaoutis, dem Chef der zyprischen Polizei, fällt mit Bestrebungen in Brüssel zusammen, der Behörde mehr Gewicht zu geben. Am 24. Juni 2026 schlug die Europäische Kommission ein gestärktes Europol-Mandat vor – darunter ein automatisierter Informationsaustausch über einen gemeinsamen polizeilichen Datenraum, Europol-Unterstützungsbüros in den Mitgliedstaaten, ein Technologie- und Innovationszentrum sowie eine engere Zusammenarbeit mit Eurojust und der Europäischen Staatsanwaltschaft. Berichten zufolge würde das Paket Europols Haushalt auf rund drei Milliarden Euro etwa verdoppeln.
Die Vorschläge fallen in eine Phase des Führungswechsels: Catherine De Bolle schied am 1. Mai 2026 als Exekutivdirektorin aus. Ebner steht der Behörde seither kommissarisch vor – ausgerechnet in dem Moment, in dem der Bericht und mit ihm die Argumente für eine schlagkräftigere Europol den Regierungen Europas vorgelegt werden.
Häufig gefragt
- Wie viele kriminelle Netzwerke hat Europol identifiziert?
- Europol stuft in seinem zweiten Bericht 731 kriminelle Netzwerke als größte Bedrohung für die innere Sicherheit der EU ein. Sie zählen zusammen mehr als 400.000 Mitglieder aus 118 Nationalitäten. Der erste Bericht von April 2024 hatte 821 Netzwerke analysiert.
- Warum ist der Bericht für Luxemburg relevant?
- Als großer internationaler Finanzplatz ist Luxemburg vor allem durch die Wäsche von Geldern gefährdet, die im Ausland erwirtschaftet wurden. Luxemburgs Nationale Risikobewertung 2025 nennt Betrug und Urkundenfälschung, Steuerstraftaten und Korruption als wichtigste externe Bedrohungen – dieselben Felder, die Europol hervorhebt.
- Was schlägt die EU-Kommission für Europol vor?
- Am 24. Juni 2026 schlug die Kommission ein gestärktes Mandat vor: automatisierter Datenaustausch über einen gemeinsamen polizeilichen Datenraum, Unterstützungsbüros in den Mitgliedstaaten, ein Technologie- und Innovationszentrum und engere Zusammenarbeit mit Eurojust und der Europäischen Staatsanwaltschaft. Berichten zufolge würde der Haushalt auf rund drei Milliarden Euro verdoppelt.
Quellen(11)
- 1The blueprint of criminal opportunism – Decoding the EU's most threatening criminal networks - Issue 2Europol · europol.europa.eu
- 2The DNA of organised crime is changing – and so is the threat to EuropeEuropol · europol.europa.eu
- 3Press conference: new edition of the Europol mapping reportEuropol · europol.europa.eu
- 4Europol identifies 731 organised crime networks operating across the EUWTX News · wtxnews.com
- 5Criminalità organizzata nell'UE, l'Europol registra 731 reti e 400mila affiliatiEunews · eunews.it
- 6Europol report identifies the most threatening criminal networks in the EU (821 networks, ABCD framework)Europol · europol.europa.eu
- 7Commission strengthens Europol to step up the fight against cross-border crime and terrorismEuropean Commission – Migration and Home Affairs · home-affairs.ec.europa.eu
- 8EU proposes to double Europol budget to €3bn to boost cross-border policingAML Intelligence · amlintelligence.com
- 92025 National Risk Assessment of Money LaunderingGovernment of Luxembourg / Ministry of Justice · gouvernement.lu
- 10National risk assessment of money laundering and terrorist financingCSSF · cssf.lu
- 11Luxembourg Updates National Money Laundering Risk AssessmentChronicle.lu · chronicle.lu
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