Autoindustrie
VW erwägt Abbau von bis zu 100.000 Stellen und Schließung von vier Werken
Berichten zufolge will Konzernchef Oliver Blume bis zu 100.000 Jobs streichen und vier deutsche Werke schließen – doppelt so viel wie im März. Die Folgen reichen bis in die Großregion.
Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Volkswagen, Europas größter Automobilkonzern, bereitet offenbar den tiefsten Einschnitt seiner 89-jährigen Geschichte vor. Nach übereinstimmenden Berichten will Vorstandsvorsitzender Oliver Blume bis zu 100.000 Stellen streichen und die Produktion an vier deutschen Standorten beenden. Zuerst hatte das Manager Magazin am 26. Juni unter Berufung auf Insider darüber berichtet; Reuters und weitere Medien bestätigten die Zahl. Sie würde den im März angekündigten Abbau von rund 50.000 Arbeitsplätzen in Deutschland bis 2030 glatt verdoppeln.
Der berichtete Plan entspricht etwa 15 Prozent einer weltweiten Belegschaft von mehr als 600.000 Beschäftigten. Zugleich soll Volkswagen die geplanten Investitionen um rund 15 Prozent auf gut 130 Milliarden Euro über die kommenden fünf Jahre kürzen. Die Kernmarke VW und die Komponentensparte sollen den Berichten zufolge in eigenständige Gesellschaften ausgegliedert werden, die später an die Börse gehen könnten. Treibende Kräfte hinter dem Vorhaben sind Blume und Finanzchef Arno Antlitz.
Die vier Standorte, denen nach Auslaufen der aktuellen Modelle das Aus droht, sind die VW-Werke in Hannover, Zwickau und Emden sowie das Audi-Werk im baden-württembergischen Neckarsulm. Der Vorstand befasste sich in dieser Woche mit der Strategie; der Aufsichtsrat, der das letzte Wort hat, will am 9. Juli darüber beraten.
Eine Bilanz unter Druck
Die Eskalation folgt auf eine schwierige Phase für den Wolfsburger Konzern. Der Nettogewinn brach 2025 um 44 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro ein – das schwächste Ergebnis seit dem Dieselskandal von 2015. Das operative Ergebnis halbierte sich nahezu, die operative Marge sackte auf 2,8 Prozent. Eine Entspannung ist nicht in Sicht: Im ersten Quartal 2026 fiel der Nettogewinn um 28 Prozent auf 1,56 Milliarden Euro. Die US-Importzölle kosten den Konzern schätzungsweise vier Milliarden Euro pro Jahr, das Geschäft in China schrumpfte um rund ein Fünftel.
In diesen Zahlen bündeln sich die drei Kräfte, die Europas Autobranche zugleich in die Zange nehmen: hartnäckig hohe Kosten am Heimatstandort, der teure und holprige Umstieg auf die Elektromobilität sowie der wachsende Druck chinesischer Hersteller. Auf sie entfiel in den ersten fünf Monaten des Jahres fast jede zehnte Neuzulassung in der Europäischen Union. Volkswagen hat mit Verkäufen gegengesteuert – darunter 7,4 Milliarden Euro aus der Veräußerung der Schiffsmotorensparte Everllence an Bain Capital –, doch das Kostenproblem bleibt der Kern.
Den Konzern wollte die Zahlen nicht bestätigen. Eine Entscheidung liege allein bei den zuständigen Gremien, hieß es in einer Stellungnahme.
Die maßgeblichen Sachverhalte werden in den zuständigen Gremien beraten und beschlossen. Wir greifen diesem Prozess nicht vor.
Zugleich räumte das Unternehmen die Dimension der Aufgabe ein: „Der gesamte Konzern, einschließlich seiner Marken und Tochtergesellschaften, muss sich tiefgreifend wandeln.“
Gewerkschaften kündigen Widerstand an
Die Berichte prallen frontal auf Zusagen, die Volkswagen seiner eigenen Belegschaft gegeben hat. Eine Vereinbarung von 2024 schließt die Schließung deutscher Werke in diesem Jahrzehnt aus; Beschäftigungsgarantien laufen bei der Marke VW bis Ende 2030 und bei Audi bis Ende 2033. Wie Werksschließungen unter geltendem Arbeits- und Tarifrecht überhaupt umzusetzen wären, bleibt damit offen. Die Arbeitnehmervertreter reagierten mit scharfer Kritik. In einer gemeinsamen Erklärung kündigten der VW-Gesamtbetriebsrat unter Vorsitz von Daniela Cavallo und die IG Metall unter Führung von Christiane Benner Widerstand an.
„Sollten solche Pläne kommen, würden wir alles in unserer Macht Stehende tun, um sie zu verhindern“, erklärten sie. Ein Versuch, Werke zu schließen, dürfte eine der härtesten industriellen Auseinandersetzungen seit Jahren auslösen – die IG Metall stellt die Hälfte der Sitze im Aufsichtsrat, und das Land Niedersachsen als Großaktionär hat sich traditionell schützend vor die Beschäftigten gestellt.
Warum es die Großregion trifft
Die Erschütterungen aus Wolfsburg enden nicht an Deutschlands Grenzen. Volkswagen steht an der Spitze einer kontinentalen Zulieferpyramide, und Luxemburg ist Teil davon. Die staatliche Investitionsagentur des Großherzogtums beschreibt das Land als Teil eines Automobilnetzwerks von mehr als 300 Unternehmen – sieben großen Herstellerwerken, über 20 globalen Zulieferern und 15 Forschungseinrichtungen –, das mehr als 220.000 Arbeitsplätze in sechs Regionen Belgiens, Frankreichs, Deutschlands und Luxemburgs trägt.
In diesem Geflecht sitzen weltweit bedeutende Arbeitgeber mit Sitz im Großherzogtum, deren Geschäft eng am Wohlergehen von Herstellern wie Volkswagen hängt:
- Goodyear, dessen Forschungs- und Produktionskomplex rund um Colmar-Berg, Bissen und Düdelingen etwa 3.500 Menschen beschäftigt – der größte Standort außerhalb der Vereinigten Staaten.
- IEE, ein Sensorspezialist, der globale Fahrzeughersteller mit Sicherheitssystemen beliefert.
- Cebi International, BorgWarner und weitere Komponenten- und Elektronikzulieferer für europäische Montagebänder.
Auch menschlich ist die Abhängigkeit groß. Luxemburgs Wirtschaft stützt sich auf mehr als 200.000 Grenzgänger, viele davon aus dem deutschen Saarland und dem französischen Lothringen – beides Kernregionen der Automobilzulieferung, in denen Betriebe ihre Belegschaften bereits ausgedünnt haben, weil die Hersteller weniger bestellen. Ein Rückbau beim größten Produzenten Europas pflanzt sich bis zu den Tier-1- und Tier-2-Zulieferern fort, die diese Arbeitskräfte beschäftigen – und von dort in die regionale Wirtschaft, deren Anker Luxemburg ist.
Noch ist die Zahl von 100.000 ein berichteter Plan, keine Entscheidung; die Bewährungsprobe kommt, wenn der Aufsichtsrat am 9. Juli zusammentritt. Die Richtung aber ist unverkennbar. Im März lautete die Frage, wie tief ein einzelner Hersteller schneiden würde. Im Juni geht es darum, wie weit Europas industrielles Aushängeschild – und die breite Fertigungswirtschaft, die sich auf es stützt – schrumpfen muss, um zu überleben.
Häufig gefragt
- Wie viele Stellen will Volkswagen abbauen?
- Nach Berichten des Manager Magazins, bestätigt von Reuters, plant Volkswagen den Abbau von bis zu 100.000 Stellen – etwa 15 Prozent der weltweiten Belegschaft von mehr als 600.000 Beschäftigten. Das wäre rund doppelt so viel wie die im März 2026 angekündigten 50.000 Stellen.
- Welche Werke sollen geschlossen werden?
- Den Berichten zufolge stehen die VW-Werke in Hannover, Zwickau und Emden sowie das Audi-Werk in Neckarsulm vor dem Aus, sobald die aktuellen Modelle auslaufen. Eine endgültige Entscheidung soll der Aufsichtsrat am 9. Juli treffen.
- Welche Folgen hätte das für Luxemburg und die Großregion?
- Luxemburg ist Teil eines Automobilnetzwerks von mehr als 300 Unternehmen, das über 220.000 Arbeitsplätze in sechs Regionen trägt. Zulieferer wie Goodyear (rund 3.500 Beschäftigte), IEE, Cebi und BorgWarner sowie mehr als 200.000 Grenzgänger aus dem Saarland und Lothringen wären von einem Rückbau bei Volkswagen betroffen.
- Warum gerät Volkswagen so unter Druck?
- 2025 brach der Nettogewinn um 44 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro ein. US-Importzölle kosten den Konzern rund vier Milliarden Euro jährlich, das China-Geschäft schrumpfte um etwa ein Fünftel, und chinesische Hersteller stellten zuletzt fast jede zehnte Neuzulassung in der EU.
Quellen(7)
- 1Volkswagen CEO aims to cut 100,000 jobs in major overhaulRTÉ (Reuters) · rte.ie
- 2Up to 100,000 jobs and four plants: Volkswagen reportedly plans radical overhaulEuronews · euronews.com
- 3Volkswagen to axe up to 100,000 jobs in sweeping cost-cutting driveThe Irish Times · irishtimes.com
- 4Volkswagen plans to cut 15% of its workforce and close four German plants, report saysCNBC · cnbc.com
- 5Volkswagen CEO aims to cut up to 100,000 jobs in next years: reportBusiness Standard (Reuters) · business-standard.com
- 6Volkswagen slashes 50,000 jobs after profits collapse by nearly halfEuronews · euronews.com
- 7Automotive sector — Luxembourg Trade & InvestLuxembourg Trade & Invest · luxembourgtradeandinvest.com



