Handelsstreit USA–EU
Trumps Drohung: 100 Prozent Zoll auf Frankreichs Wein
US-Präsident Trump knüpft Strafzölle auf Champagner und Wein an das Ende der französischen Digitalsteuer. Macron lehnt ab – und stellt den erst ein Jahr alten EU-Zollkompromiss auf die Probe.
Von Marc Weber · · 5 Min. Lesezeit

Wenige Stunden vor dem Gipfel der sieben führenden Industrienationen, den Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Kurort Évian-les-Bains am Genfersee ausrichtete, hat US-Präsident Donald Trump den Gastgeber öffentlich unter Druck gesetzt: Er drohte mit einem Zoll von 100 Prozent auf sämtlichen französischen Wein und Champagner – falls Paris nicht die Steuer abschaffe, die es großen amerikanischen Technologiekonzernen auferlegt.
In einem Interview mit der „New York Post" am Montag, dem 15. Juni, koppelte Trump die angedrohten Abgaben unmittelbar an die französische Digitalsteuer, jene Abgabe von drei Prozent auf Umsätze digitaler Dienste, die Washington seit Langem als Diskriminierung amerikanischer Unternehmen brandmarkt.
Ich habe ihn gebeten, amerikanische Unternehmen nicht zur Kasse zu bitten, und wenn sie es doch tun, bleibt mir keine Wahl, als einen Zoll von 100 Prozent auf allen Champagner und allen Wein zu erheben, der aus Frankreich kommt.
„Macron muss nur die Verkaufssteuer abschaffen, dann hätte er diesen Druck nicht", fügte Trump hinzu. Die Drohung würde die Last der französischen Exporteure mehr als verdoppeln: Auf Wein und Spirituosen zahlen sie ohnehin schon einen US-Zoll von 15 Prozent – jenen Satz, auf den sich die Europäische Union im vergangenen Jahr mit Washington geeinigt hatte.
Eine Abgabe, die seit Jahren reizt
Frankreich führte seine Digitalsteuer 2019 ein, und seither ist sie ein transatlantischer Dauerkonflikt. Die Regelung verbindet mehrere Merkmale:
- einen Satz von drei Prozent auf die in Frankreich erzielten Erlöse aus erfassten digitalen Diensten;
- einen Anwendungsbereich, der auf Konzerne mit mehr als 750 Millionen Euro weltweitem Digitalumsatz und 25 Millionen Euro in Frankreich beschränkt ist;
- eine Konstruktion, die vor allem US-Gruppen wie Google, Apple, Facebook und Amazon trifft – jenes Quartett, das man in Paris spöttisch als „GAFA"-Steuer zusammenfasst.
Der Konflikt reicht weit vor Trumps zweite Amtszeit zurück. Bereits 2019 eröffnete das Büro des US-Handelsbeauftragten ein Verfahren nach Abschnitt 301 und schlug Abgaben von bis zu 100 Prozent auf französische Waren im Wert von rund 2,4 Milliarden Dollar vor – von Champagner über Käse bis hin zu Handtaschen. Diese Zölle wurden später auf 25 Prozent festgesetzt, im Umfang verengt und schließlich ausgesetzt, um Raum für die globalen Steuerverhandlungen bei der OECD zu schaffen. Die jüngste Warnung lässt nun die alte Maximalforderung wieder aufleben – und trifft auf eine Pariser Debatte: Die Abgeordneten hatten Ende 2025 für eine deutliche Anhebung der Abgabe gestimmt (im Gespräch waren sechs und 15 Prozent für 2026), doch die Minderheitsregierung signalisierte, sie wolle die Erhöhung kippen.
Macron bleibt hart
Macron weigerte sich nachzugeben. Im Sender TF1 stellte er die Steuer als Frage souveränen europäischen Rechts dar, nicht als Verhandlungsmasse, und warnte, ein neuer Weinzoll würde den Kompromiss verletzen, den seine EU-Partner 2025 mit Washington geschlossen hatten.
„Diese Digitalsteuer haben die Europäer beschlossen, und mehrere Länder haben sie umgesetzt. Sie ist Teil unseres Rechts. Es ist nicht Sache der USA, über französisches und europäisches Recht zu entscheiden."
Frankreichs Winzer, ohnehin angeschlagen, riefen zur Mäßigung statt zur Eskalation auf. Der Verband der französischen Wein- und Spirituosenexporteure forderte eine „ausgewogene und konstruktive Handelsbeziehung zwischen Frankreich und den USA". Die Branche hat Grund zur Sorge: Die Ausfuhren in die Vereinigten Staaten sanken 2025 wertmäßig um rund 21 Prozent auf etwa drei Milliarden Euro. Die USA bleiben Frankreichs größter Einzelmarkt für Wein und Spirituosen und nehmen knapp ein Fünftel – mehr als 18 Prozent – aller Ausfuhren der Branche ab. Die gesamten französischen Wein- und Spirituosenexporte fielen um rund acht Prozent auf 14,3 Milliarden Euro, den tiefsten Stand seit Jahren – auch bedingt durch Zolldrohungen, darunter eine erst im Januar 2026 ins Spiel gebrachte Marke von 200 Prozent.
Eine Last, die ganz Europa trägt
So sehr der Blick auf Bordeaux und die Champagne fällt – Frankreich kann Trump nicht allein antworten. Nach der gemeinsamen Handelspolitik der EU ist der Handel eine ausschließliche Zuständigkeit der Europäischen Kommission, die im Namen aller 27 Mitgliedstaaten verhandelt und auch Gegenmaßnahmen ergreift. Damit wird die Weindrohung ebenso sehr zum Prüfstein der kollektiven Handelsverteidigung des Blocks wie der französischen Diplomatie.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte sich im Juli 2025 im schottischen Turnberry mit Trump auf eine Obergrenze von 15 Prozent für nahezu alle EU-Waren verständigt – jenen Pakt, den ein Weinzoll von 100 Prozent nach Macrons Lesart brechen würde. Brüssel verfügt zudem über schärfere Instrumente, darunter das 2023 beschlossene Anti-Coercion-Instrument: eine bislang ungenutzte „Handels-Bazooka", die der EU erlauben würde, US-Handel, -Dienstleistungen und den Zugang zu öffentlichen Aufträgen einzuschränken, sollte sie zu dem Schluss kommen, dass Washington mit Zöllen das nationale Recht eines Mitgliedstaats beugen will. Ein Einsatz gegen die Vereinigten Staaten wäre beispiellos und politisch heikel.
Warum es Luxemburg angeht
Der Streit dreht sich um französische Weinberge, doch sein Risiko verteilt sich über den gesamten Binnenmarkt – Luxemburg eingeschlossen. Als EU-Mitglied verfügt das Großherzogtum über keinen eigenen Zollhebel; es ist vollständig auf die Antwort der Kommission angewiesen, und seine Stimme läuft über den Rat in Brüssel, nicht über einen bilateralen Draht nach Washington.
Das wiegt für Luxemburg schwerer als für die meisten. Das Land zählt zu den handelsoffensten Volkswirtschaften der Union, mit grenzüberschreitenden Strömen, die den eigenen Binnenmarkt weit übersteigen – eine erneute Zollspirale zwischen den USA und der EU bedroht seine Exporteure also weit über das Weinregal hinaus. Zugleich hat Luxemburg einen kleinen eigenen Anteil an dem Produkt, um das gestritten wird: Die Terrassenlagen an der luxemburgischen Mosel bringen Stillweine und Crémant hervor, eine Nische, aber ein symbolträchtiger Sektor, der wie der französische auf der falschen Seite jeder Eskalation steht.
Ob Trump seine Drohung wahr macht, ist offen. Sein Muster war bisher, hohe Abgaben anzukündigen und sie dann am Verhandlungstisch wieder fallen zu lassen; Frankreichs Weinlobby setzt auf Entspannung. Doch solange der Steuerstreit ungelöst bleibt, der EU-Kompromiss erst ein Jahr alt ist und eine Kommission ängstlich über ihn wacht, ist die Champagnerflasche einmal mehr zum Faustpfand geworden – in einem Ringen darum, wie Europa amerikanische Technologie besteuert.
Häufig gefragt
- Was verlangt Trump von Frankreich?
- Trump fordert die Abschaffung der französischen Digitalsteuer – einer Abgabe von drei Prozent auf die Umsätze großer Technologiekonzerne. Andernfalls droht er mit einem Zoll von 100 Prozent auf sämtlichen französischen Wein und Champagner.
- Welche Zölle gelten derzeit auf französischen Wein?
- Französischer und EU-Wein unterliegt bereits einem US-Zoll von 15 Prozent. Dieser Satz geht auf den Kompromiss zwischen Trump und Kommissionspräsidentin von der Leyen vom Juli 2025 zurück, der eine Obergrenze von 15 Prozent für nahezu alle EU-Waren festlegte.
- Warum kann Frankreich nicht allein verhandeln?
- Handel ist eine ausschließliche Zuständigkeit der EU. Die Europäische Kommission verhandelt und reagiert im Namen aller 27 Mitgliedstaaten, weshalb die Drohung zum Prüfstein der kollektiven Handelsverteidigung des Blocks wird.
- Welche Bedeutung hat der Streit für Luxemburg?
- Luxemburg hat als EU-Mitglied keinen eigenen Zollhebel und ist auf die Kommission angewiesen. Als eine der handelsoffensten Volkswirtschaften der Union wäre es von einer neuen Zollspirale stark betroffen – und es hat mit den Stillweinen und dem Crémant von der Mosel einen kleinen eigenen Weinsektor.
Quellen(14)
- 1Trump threatens 100% tariff on French wines over digital services tax before G7 summitFox Business · foxbusiness.com
- 2Trump threatens 100% tariff on French wine and champagne over digital taxEuronews · euronews.com
- 3Trump threatens 100% tariff on French wine over tax on US tech giants Apple, Amazon, FacebookFrance 24 · france24.com
- 4Trump threatens 100% tariff on French wine as Macron digs in over digital taxBM Magazine · bmmagazine.co.uk
- 5Trump says France must scrap tech 'sales tax' or face 100% wine tariffsCNBC · cnbc.com
- 6Macron Brushes Off Trump's 100% Tariff Threat on French WineBloomberg · bloomberg.com
- 7U.S. buyers drove nearly one-fifth of French wine and spirits exportsVinetur · vinetur.com
- 8French Wine and Spirits Exports Fall to 25-Year Low in 2025Vino Joy News · vino-joy.com
- 9US vows 100% tariffs on French cheese, champagne, luxury goods over digital taxFrance 24 (2019) · france24.com
- 10Notice of Action in the Section 301 Investigation of France's Digital Services TaxUS Federal Register / USTR · federalregister.gov
- 11Von der Leyen and Trump strike EU-US trade deal with 15% tariff for the blocEuronews · euronews.com
- 12The EU could respond to Trump's tariffs with a new 'anti-coercion instrument.' Here's what to know.Atlantic Council · atlanticcouncil.org
- 13EU-US tariffs: tensions, trade deal and what could changeEuropean Parliament · europarl.europa.eu
- 14France Raises Digital Services Tax on Tech Giants from 3% to 15% Starting 2026VATupdate · vatupdate.com
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