Forschung & Energie

Wenn das Funknetz schlafen lernt: Luxemburg drosselt den Stromhunger des Mobilfunks per KI

Das Forschungsinstitut LIST und der Betreiber Orange wollen den Energieverbrauch des luxemburgischen Mobilfunknetzes um mindestens ein Zehntel senken – mit künstlicher Intelligenz und ohne spürbaren Qualitätsverlust.

Von Marc Weber · · 4 Min. Lesezeit

Mobilfunkmast auf einem bewaldeten Höhenzug im Morgengrauen, am Fuß ein kleiner grauer Technikschrank.
Ein Mobilfunkmast mit Technikschrank im Morgenlicht – Sinnbild für den verborgenen Energieverbrauch der Funknetze. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Jeder Anruf, jede Nachricht, jeder Videostream in Luxemburg läuft über Antennen und Basisstationen – und genau diese Technik zählt zu den größten, kaum beachteten Stromfressern des Landes. Ein neues Forschungsprojekt will diesen Verbrauch nun mithilfe künstlicher Intelligenz drücken: um mindestens zehn Prozent, ohne dass Kundinnen und Kunden ein schwächeres Signal bemerken.

Am 16. Juni haben das Luxembourg Institute of Science and Technology (LIST) und der Mobilfunkbetreiber Orange Luxembourg den Start von RAISE bekanntgegeben. Das Kürzel steht für „Radio Access Intelligence for Saving Energy". Über 36 Monate soll das Vorhaben den Energieverbrauch des nationalen Mobilfunknetzes per KI um mindestens 10 Prozent verringern, während die Dienstqualität unangetastet bleibt. Mitfinanziert wird die Arbeit vom Luxemburger Nationalfonds für Forschung (FNR) und dem Wirtschaftsministerium; das Budget liegt bei rund 1,3 Millionen Euro.

Der größte Energieposten steckt in der Antenne

RAISE konzentriert sich auf das sogenannte Radio Access Network (RAN) – jene Ebene aus Antennen und Basisstationen, die Smartphones und Geräte mit dem übrigen Netz verbindet. Nach Angaben der Projektpartner entfallen auf das RAN mehr als drei Viertel des Energieverbrauchs eines Mobilfunkbetreibers. Damit ist es der vielversprechendste Hebel, um Strom einzusparen.

Statt am laufenden Netz zu experimentieren, von dem Millionen Verbindungen abhängen, bauen die Forschenden einen „digitalen Zwilling": ein virtuelles Abbild des Orange-Netzes, gespeist mit echten Betriebsdaten wie Verkehrsmengen, Energiemesswerten und technischen Leistungsprotokollen. In dieser geschützten Versuchsumgebung lassen sich Sparmaßnahmen gefahrlos erproben, bevor sie bei realen Kunden zum Einsatz kommen.

Mit RAISE holen wir die KI aus dem Simulationslabor heraus und setzen sie an einem der energieintensivsten Bereiche unseres digitalen Alltags ein.

So formuliert es Sébastien Faye, der die Forschungsgruppe Distributed & Intelligent Connectivity am LIST leitet. Den Einsatz echter Betreiberdaten hält er für den entscheidenden Unterschied zu rein akademischer Forschung: „Mit echten Daten eines aktiven Netzbetreibers zu arbeiten, macht den ganzen Unterschied: Die Lösungen, die wir entwickeln, funktionieren nach dem Ausrollen auch in der Praxis – und nicht nur in der Theorie."

Drei Werkzeuge, eine Aufgabe

Hinter RAISE steht kein einzelner Algorithmus, sondern ein ganzes Bündel von KI-Werkzeugen mit je eigener Aufgabe. Die Partner beschreiben unter anderem:

  • ein Prognose-Werkzeug, das die Netzaktivität für die kommenden 24 Stunden vorhersagt und so ruhige wie ausgelastete Phasen frühzeitig erkennt;
  • ein zweites Werkzeug, das entscheidet, wann Antennen gefahrlos in einen Strom­sparmodus oder Ruhezustand wechseln können – etwa nachts, wenn die Nachfrage einbricht;
  • ein drittes, das die an einzelnen Standorten installierten Batterien steuert: Es lädt sie, wenn der Strom günstig ist, und greift in teuren Spitzenstunden darauf zurück.

Der erhoffte Gewinn ist dreifach: niedrigere Stromrechnungen, geringere CO₂-Emissionen und – so die Hoffnung der Partner – eine Vorlage, die andere Betreiber in Europa übernehmen könnten. Christophe Van Yck, Head of Network & Strategic Projects bei Orange Luxembourg, ordnet das Projekt in eine größere unternehmerische Linie ein: „Diese Initiative ist Ausdruck unseres Engagements für eine verantwortungsvollere und nachhaltigere digitale Zukunft."

Ein kleines Land, ein kontinentales Problem

Der Energiehunger der Mobilfunknetze ist alles andere als ein Randthema. Der gesamte Sektor der Informations- und Kommunikationstechnik verschlingt rund 4 Prozent des weltweiten Stroms – in der Größenordnung von 1.100 Terawattstunden im Jahr 2024. Allein die Mobilfunkbetreiber kamen 2023 auf etwa 290 Terawattstunden, knapp 1 Prozent des globalen Stromverbrauchs, wie der Branchenverband GSMA schätzt. Während sich 5G ausbreitet und der Datenverkehr weiter steigt, ist es zur Daueraufgabe der gesamten Branche geworden, diese Zahl im Zaum zu halten.

Damit ist Luxemburgs Versuch mehr als ein lokales Effizienzprogramm. Orange Luxembourg gehört zum Orange-Konzern, einem paneuropäischen Anbieter, der in 26 Ländern präsent ist, rund 340 Millionen Kundinnen und Kunden verbindet und sich verpflichtet hat, bis 2040 klimaneutral zu werden – mit einer Reduktion aller Emissionen um 45 Prozent bis 2030 gegenüber 2020. Eine Methode, die sich im überschaubaren luxemburgischen Netz bewährt, ließe sich im Prinzip auf weit größere Märkte übertragen.

Zugleich passt das Vorhaben zur europäischen Politik. Mit ihrer Strategie der „Digitalen Dekade" hat die EU das Ziel ausgegeben, bis 2030 klimaneutrale und hocheffiziente Rechenzentren und elektronische Kommunikationsnetze zu erreichen – eine Vorgabe, die den Stromverbrauch der Mobilfunkinfrastruktur neben Abdeckung und Geschwindigkeit fest auf die regulatorische Agenda setzt.

Eines von neun Projekten

RAISE entstand nicht im luftleeren Raum. Es ist eines von neun Projekten, die im Frühjahr 2025 im Rahmen eines gemeinsamen Aufrufs zu „Hochleistungsrechnen und künstlicher Intelligenz" ausgewählt wurden. Die Ergebnisse gab Lex Delles, Minister für Wirtschaft, Mittelstand, Energie und Tourismus, im Februar 2026 bekannt. Zusammen teilen sich die neun Gewinner 11,587 Millionen Euro an öffentlicher Kofinanzierung; Partner sind der FNR und die Innovationsagentur Luxinnovation. Die ausgewählten Projekte reichen von Gesundheit über Klimatechnik bis zur Industrie – RAISE steht für den Bereich Telekommunikation und Energie.

Vorerst bleibt die Arbeit in der Modellierungsphase: Die ersten Ergebnisse sollen am virtuellen Abbild des Netzes entstehen, bevor ein Werkzeug eine reale Antenne berührt. Bis 2029 ist das Projekt angesetzt. Ob das Zehn-Prozent-Ziel auch dann hält, wenn die Theorie auf das unordentliche Zusammenspiel aus Wetter, Verkehrsspitzen und alternder Technik trifft, ist genau die Frage, die RAISE beantworten soll – und zwar, so die Hoffnung der Beteiligten, auf eine Weise, die dem übrigen Europa nützt.

Häufig gefragt

Was ist RAISE?
RAISE (Radio Access Intelligence for Saving Energy) ist ein gemeinsames Forschungsprojekt des LIST und von Orange Luxembourg. Es soll den Energieverbrauch des luxemburgischen Mobilfunknetzes mithilfe künstlicher Intelligenz um mindestens 10 Prozent senken, ohne die Dienstqualität zu beeinträchtigen.
Wie soll die KI Strom sparen?
Ein Bündel von KI-Werkzeugen übernimmt verschiedene Aufgaben: Eines prognostiziert die Netzaktivität für die kommenden 24 Stunden, eines schaltet Antennen bei geringer Nachfrage in einen Strom­sparmodus, und eines steuert Standortbatterien, die bei günstigem Strom laden und in teuren Spitzenstunden entladen.
Wer finanziert das Projekt und wie lange läuft es?
RAISE wird vom Luxemburger Nationalfonds für Forschung (FNR) und dem Wirtschaftsministerium mitfinanziert, mit einem Budget von rund 1,3 Millionen Euro. Das Projekt läuft über 36 Monate bis 2029.
Warum ist der Stromverbrauch von Mobilfunknetzen relevant?
Der gesamte IKT-Sektor verbraucht rund 4 Prozent des weltweiten Stroms; Mobilfunkbetreiber allein kamen 2023 auf etwa 290 Terawattstunden, knapp 1 Prozent des globalen Verbrauchs. Mit der Ausbreitung von 5G und steigendem Datenverkehr wird Effizienz zur branchenweiten Aufgabe.

Quellen

  1. LIST, Orange Launch AI Project to Cut Mobile Network Energy Use · Chronicle.lu
  2. Orange Luxembourg targets 10% cut in mobile network energy use with AI-driven optimisation · Telecompaper
  3. Nine AI and HPC projects co-funded in Luxembourg · Paperjam
  4. Results of the joint call for projects aimed at accelerating the use of artificial intelligence and/or high-performance computing within the Luxembourg innovation ecosystem · The Luxembourg Government
  5. From Healthcare To Climate Tech: Nine Projects Win Luxembourg's HPC-AI BRIDGES Call · Silicon Luxembourg
  6. Communication on Europe's digital decade: 2030 digital targets · European Parliament
  7. Net zero carbon by 2040 · Orange S.A.
  8. Our presence in Europe · Orange S.A.
  9. Global electricity usage of ICT network operators · Ericsson

Themen List, Orange, Mobile Networks, Artificial Intelligence, Energy Efficiency, Luxembourg, Digital Decade, 5g

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