Alterssicherung
Luxemburgs Rentendebatte hat eine Datenlücke
Eine IGSS-Analyse belegt keinen Zusammenhang zwischen Einkommensbasis und Sterblichkeit. Für ein Urteil über die lebenslange Verteilungswirkung fehlen jedoch die entscheidenden Daten.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Die politisch entscheidende Frage ist präzise formuliert – beantwortet ist sie nicht. Marc Baum, Abgeordneter von déi Lénk, verlangte Auskunft über „den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Einkommensquintilen (oder -dezilen) von Rentnern und der Zeit, die sie durchschnittlich im Ruhestand verbringen“. Die verfügbaren Luxemburger Daten liefern diesen Vergleich nicht.
Damit fehlt eine wesentliche Grundlage für die Beurteilung der Verteilungsgerechtigkeit. Der monatliche Rentenbetrag ist nur eine Seite der Rechnung; ebenso relevant ist die Bezugsdauer. Sollten Menschen mit hohen Renten systematisch länger leben, könnte sich über die gesamte Ruhestandsphase eine andere Verteilungswirkung ergeben als beim bloßen Vergleich der Monatsbeträge. Nachgewiesen ist ein solcher Zusammenhang für Luxemburg bislang jedoch nicht.
Eine eng abgegrenzte Kohorte statt eines Gesamtbilds
Der Aperçu Nr. 30 der Inspection générale de la sécurité sociale ist eine administrative Überlebenszeitanalyse. Untersucht wurden ausschließlich 5.264 Personen, denen zwischen 2010 und 2012 eine neue vorgezogene Altersrente zuerkannt wurde. Sie waren beim Renteneintritt 57 bis 62 Jahre alt und wechselten unmittelbar aus einer Beschäftigung in Luxemburg in den Ruhestand. Bis 2024 wurden 606 Todesfälle beobachtet.
- Zur Kohorte gehörten 3.742 Männer und 1.522 Frauen.
- 3.840 Personen lebten in Luxemburg, 1.424 im Ausland.
- Die geschätzte Überlebenswahrscheinlichkeit nach 13 Jahren betrug 89,4 Prozent.
- Ausgeschlossen blieben unter anderem reguläre Renteneintritte mit 65 Jahren, Invaliditätsrenten und die Sondersysteme des öffentlichen Dienstes.
Auch die meisten späteren Rentnerkohorten sowie Personen, die nicht unmittelbar aus einer Luxemburger Beschäftigung ausschieden, sind nicht erfasst. Die Angabe „2010–2024“ bezeichnet den Beobachtungszeitraum – nicht 15 jährliche Renteneintrittskohorten.
Da der überwiegende Teil der Teilnehmer am Ende des Zeitraums noch lebte und statistisch zensiert wurde, berechnete die IGSS Überlebenswahrscheinlichkeiten nach Kaplan-Meier und verwendete eine Cox-Proportional-Hazards-Regression. Abgeschlossene durchschnittliche Rentenbezugszeiten lassen sich daraus nicht ableiten.
Der Einkommensindikator bleibt ohne signifikanten Befund
Das Hauptmodell berücksichtigte Geschlecht, Wohnsitz, Nationalität, Renteneintrittsalter, Dauer der Luxemburger Versicherungslaufbahn sowie eine Schätzung der Einkommensbasis, die der Rentenberechnung zugrunde lag. Dieser Indikator war weder die tatsächlich ausgezahlte Monatsrente noch eine Einteilung nach Rentenquintilen oder -dezilen.
Für die Einkommensbasis ergab sich eine Hazard Ratio von 0,98 bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,90 bis 1,08 und einem p-Wert von 0,7. Damit besteht im beobachteten Zeitraum kein statistisch signifikanter Zusammenhang mit dem Sterberisiko. Auch das Renteneintrittsalter war nicht signifikant: HR 0,98; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,94 bis 1,03; p=0,5.
Deutlich war dagegen der Geschlechterunterschied. Das geschätzte Sterberisiko der Männer lag beim 2,20-Fachen des Risikos der Frauen; das 95-Prozent-Konfidenzintervall betrug 1,77 bis 2,73, der p-Wert lag unter 0,001. Schon dieser Befund zeigt, weshalb ein einfacher Vergleich von Rentenhöhe und Lebensdauer ohne Berücksichtigung der Zusammensetzung der Gruppen irreführen könnte.
„Die Analyse zeigt keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftszweig der letzten Beschäftigung und der Sterbewahrscheinlichkeit.“
So fasst die Luxemburger Sozialversicherungsaufsicht eine gesonderte Auswertung breiter NACELUX-Wirtschaftszweige zusammen, die jeweils mindestens 5 Prozent der Kohorte ausmachten. Dieses Modell wurde nach Geschlecht bereinigt, erfasste aber nicht den individuellen Beruf. Kein Sektor zeigte einen statistisch signifikanten Zusammenhang. Der Wirtschaftszweig des letzten Arbeitgebers bildet körperliche Belastungen oder Gefahren eines gesamten Erwerbslebens ohnehin nur unvollkommen ab.
Kein Befund ist noch kein Gegenbeweis
Die Aussagegrenzen wirken in beide Richtungen. Aus dem nicht signifikanten Einkommensindikator folgt weder, dass hohe Renten länger bezogen werden, noch, dass zwischen sozialen Gruppen keinerlei Unterschiede bestehen. Die Stichprobe ist eng zugeschnitten, lediglich 606 Todesfälle wurden beobachtet, und für die meisten Teilnehmer ist die gesamte Ruhestandsdauer noch unbekannt.
Ebenso wäre selbst ein statistischer Zusammenhang kein Beleg dafür, dass eine höhere Rente das Leben verlängert. Bildung, Arbeitsbedingungen, Gesundheitszustand vor dem Ruhestand, Wohnverhältnisse, Vermögen und Zugang zur Versorgung können sowohl Einkommen als auch Lebenserwartung beeinflussen. Eine Gleichsetzung von Korrelation und Ursache wäre daher methodisch unhaltbar.
Die OECD weist im internationalen Kontext darauf hin, dass Berechnungen mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung das lebenslange Rentenvermögen von Geringverdienern tendenziell überschätzen und jenes von Besserverdienern unterschätzen können. Das begründet Untersuchungsbedarf in Luxemburg, ersetzt aber keine landesspezifische Datengrundlage.
Die Reform löst die Verteilungsfrage nicht
Die im Dezember 2025 beschlossene Reform wird seit Januar 2026 schrittweise umgesetzt. Der Gesamtbeitragssatz stieg von 24 auf 25,5 Prozent. Die erforderliche Versicherungsdauer für die meisten vorgezogenen Renten ab 60 Jahren erhöht sich bis 2030 um bis zu acht Monate. Zugleich wurde die progressive Rente eingeführt; das gesetzliche Rentenalter blieb bei 65 Jahren.
Eine Anpassung nach Rentenhöhe oder gruppenspezifischer Sterblichkeit enthält das Paket nicht. Gesundheits- und Sozialversicherungsministerin Martine Deprez hatte die politische Ausgangslage mit dem Satz zusammengefasst: „Nichts zu tun ist keine Option.“ Nach Einschätzung sowohl der Europäischen Kommission als auch der OECD bestehen die langfristigen Finanzierungsprobleme dennoch fort.
Für eine belastbare Verteilungsanalyse müssten tatsächliche Rentenzahlungen und Sterbedaten über mehrere vollständige Kohorten hinweg verknüpft werden – getrennt nach Geschlecht, Beruf, Renteneintrittsalter, Kohorte, Erwerbsverlauf und Rentensystem. Bis dahin bleibt die ungleiche Lebensdauer eine berechtigte sozialpolitische Frage. Die Behauptung, Luxemburgs höchste Renten würden nachweislich am längsten gezahlt, geht über die vorhandene Evidenz hinaus.
Häufig gefragt
- Belegt die IGSS-Studie, dass hohe Renten länger bezogen werden?
- Nein. Der verwendete Schätzwert der Einkommensbasis zeigte keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit dem Sterberisiko; tatsächliche Monatsrenten oder Rentenquintile wurden nicht untersucht.
- Wen umfasst die untersuchte Kohorte?
- 5.264 Empfänger neuer vorgezogener Altersrenten aus den Jahren 2010 bis 2012, die im Alter von 57 bis 62 Jahren unmittelbar nach einer Beschäftigung in Luxemburg in Rente gingen.
- Warum lässt sich die durchschnittliche Ruhestandsdauer nicht bestimmen?
- Bis 2024 wurden nur 606 Todesfälle beobachtet. Die meisten Teilnehmer lebten noch und wurden statistisch zensiert, weshalb keine abgeschlossenen durchschnittlichen Bezugszeiten vorliegen.
- Welche Daten wären für eine belastbare Verteilungsanalyse nötig?
- Erforderlich wären verknüpfte Längsschnittdaten zu tatsächlichen Rentenzahlungen, Renteneintritt und Todesfällen, differenziert nach Geschlecht, Beruf, Eintrittsalter, Kohorte, Erwerbsverlauf und Rentensystem.
Quellen(8)
- 1Aperçu no 30 — Analyse de survie des nouveaux retraités du régime général d’assurance pension sur la période 2010-2024Inspection générale de la sécurité sociale · igss.gouvernement.lu
- 2Question parlementaire no 2465 — Temps moyen passé à la retraiteChamber of Deputies of Luxembourg · wdocs-pub.chd.lu
- 3Compte rendu officiel no 40 — Question 2465 and ministerial responseChamber of Deputies of Luxembourg · chd.lu
- 4Vote des adaptations du régime de pension: des mesures pour garantir la viabilité du systèmeLuxembourg Ministry of Health and Social Security · m3s.gouvernement.lu
- 5Recommendation for a Council recommendation on the economic, social, employment, structural and budgetary policies of LuxembourgEuropean Commission · reforms-investments.ec.europa.eu
- 6Securing the pension system for future generations: OECD Economic Surveys: Luxembourg 2025OECD · oecd.org
- 7Gross pension wealth: Pensions at a Glance 2025OECD · oecd.org
- 8Réforme des retraites: L’allongement des carrières est toujours envisagé au LuxembourgRTL Infos · infos.rtl.lu
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