Weltwirtschaft

Scheidender IWF-Chefökonom: Globalisierung wird umgebaut, nicht abgewickelt

Pierre-Olivier Gourinchas verlässt den Währungsfonds mit einer These, die für kein Land so viel wiegt wie für Luxemburg: Zölle und neue Handelsblöcke verlegen die Handelsströme, sie kappen sie nicht.

Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Hauptsitz des Internationalen Währungsfonds (Gebäude HQ1) an der 19th Street in Washington, D.C., mit der IWF-Flagge und dem Emblem.
Der Hauptsitz des Internationalen Währungsfonds (HQ1) an der 19th Street in Washington, D.C., mit Flagge und Emblem. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Wer das Ende der Globalisierung ausruft, hat ihren Umbau übersehen. Mit dieser Botschaft verlässt Pierre-Olivier Gourinchas den Internationalen Währungsfonds, dessen Chefökonom er vier Jahre lang in einer der unruhigsten Phasen der jüngeren Wirtschaftsgeschichte war.

In Interviews am 26. Juni am IWF-Hauptsitz in Washington trat Gourinchas der verbreiteten Lesart entgegen, Zölle und Handelskriege machten Jahrzehnte der Verflechtung rückgängig. Tot sei die Globalisierung „ganz sicher nicht“, sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

„Wir haben keine Entglobalisierung erlebt. Wir haben erlebt, dass sie umgebaut wird.“

Die Unterscheidung ist mehr als akademische Feinheit. Für eine extrem offene Volkswirtschaft wie die luxemburgische — in der grenzüberschreitende Finanzgeschäfte, Dienstleistungen und Handel die heimische Wertschöpfung um ein Vielfaches übersteigen — entscheidet sie über die Geschäftsgrundlage. Zerfällt die Welt in abgeschottete Blöcke, oder sucht sich der Handel lediglich neue Wege um die Hindernisse herum? Davon hängen die Aussichten der Fondsindustrie, der Exporteure und der Zehntausenden ab, die täglich zur Arbeit über die Grenze pendeln.

Anpassung statt Abriss

Gourinchas’ Argument lautet: Der Handel passt sich an, statt zusammenzubrechen. Als Washington die Zölle anhob und den bilateralen Warenaustausch mit China zurückfahren wollte, fand der Handel neue Kanäle. „Andere Akteure sind eingesprungen. Die Lieferketten haben sich angepasst, die Mexikos und Vietnams dieser Welt sind eingesprungen“, sagte er AFP.

Dass Zölle dauerhaft Druck erzeugen, bezweifelt er. „Kurzfristig hat man durchaus Hebelwirkung, und dann reagieren die Akteure auf der anderen Seite“, sagte er Reuters. Die betroffenen Länder „finden Wege, sie zu umgehen, ihre eigene Innovation zu beschleunigen oder neue Handelsbeziehungen aufzubauen“. Auf längere Sicht funktionierten solche Instrumente „fast nie“.

Der deutlichste Beleg ist für ihn das Tempo, in dem sich andere Mächte zusammenschließen. Die Europäische Union unterzeichnete am 17. Januar 2026 ein Partnerschaftsabkommen mit dem südamerikanischen Mercosur-Block — nach der politischen Einigung vom Dezember 2024 — und schloss zehn Tage später, am 27. Januar, ein lange blockiertes Freihandelsabkommen mit Indien ab. Beide Vereinbarungen lassen die Vereinigten Staaten außen vor.

„Plötzlich sind beide in weniger als einem Jahr unterschrieben. Das ist kein Zufall.“

Diese Neuordnung bildet den Kern seiner These, die er über seine gesamte Amtszeit entwickelt hat: Das Handelssystem der Nachkriegszeit wird in eine multipolarere, von Blöcken geprägte Form überführt, nicht abgeschafft. Der jährliche Weltwirtschaftsausblick des IWF trug im April 2025 bezeichnenderweise den Titel „Globalization Reconfigured“ — Globalisierung neu konfiguriert.

Eine trübere Konjunktur

Der Umbau vollzieht sich vor einem schwächeren konjunkturellen Hintergrund. In seinem Weltwirtschaftsausblick vom April 2026, untertitelt „Global Economy in the Shadow of War“, rechnet der IWF mit einer Verlangsamung des globalen Wachstums auf 3,1 Prozent im Jahr 2026 und 3,2 Prozent 2027, bei einer Inflation von rund 4,4 Prozent in diesem Jahr. Das war eine Abwärtskorrektur gegenüber den 3,3 Prozent, die der Fonds noch im Januar prognostiziert hatte — maßgeblich wegen des ausgebrochenen Konflikts im Nahen Osten und der Gefahr eines Energiepreisschocks.

Der Fonds wurde deutlich: Der Schaden ist hausgemacht und an Bedingungen geknüpft. Ohne den Krieg, hieß es, hätte man die Wachstumsprognose für 2026 auf 3,4 Prozent angehoben — getragen von einem Investitionsboom in der Technologie, niedrigeren Zinsen und US-Zöllen, die unter den angekündigten Sätzen blieben. Gourinchas warnte, die Risiken kippten nach unten:

  • Referenzszenario: 3,1 Prozent Wachstum, 4,4 Prozent Inflation 2026.
  • Adverses Szenario: 2,5 Prozent Wachstum, 5,4 Prozent Inflation.
  • Schweres Szenario: Wachstum um die 2 Prozent, Inflation über 6 Prozent.

„Ich würde sagen, dass wir irgendwo zwischen dem Referenzszenario und dem adversen Szenario liegen“, sagte er im April und mahnte, „mit jedem Tag, der vergeht … treiben wir näher an das adverse Szenario heran“.

Eine Säule jedoch habe sich nicht bewegt: der Dollar. „Wir befinden uns sehr fest in einer dollarzentrierten Welt“, sagte Gourinchas vor Journalisten. Der Fonds sehe „sehr, sehr wenig“, das auf ein Nachlassen des Dollargriffs auf Handel, Bankwesen und Reserven hindeute — selbst wenn sich die Handelswege um ihn herum verschieben.

Warum für Luxemburg mehr auf dem Spiel steht

Kaum eine Volkswirtschaft ist diesen Strömungen so ausgesetzt wie die luxemburgische. Gemessen am üblichen Offenheitsgrad — Exporte plus Importe im Verhältnis zum BIP — ist das Großherzogtum die offenste Volkswirtschaft der Welt: rund 394 Prozent im Jahr 2023 laut Weltbankdaten, bei einem globalen Durchschnitt unter 100 Prozent. Sein Wohlstand beruht darauf, Kapital, Dienstleistungen und Menschen über Grenzen zu bewegen — nicht Waren durch Häfen.

Der Finanzplatz bündelt diese Abhängigkeit. Luxemburg ist nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Fondsstandort der Welt, mit einem verwalteten Fondsvermögen von rund 7,6 Billionen Euro im August 2025 und nahezu der Hälfte des weltweiten grenzüberschreitenden Fondsvertriebs. Diese Fonds werden in Dutzende Rechtsräume verkauft; eine stärker fragmentierte Blockwelt mit auseinanderlaufenden Regeln, Zahlungsinfrastrukturen und Marktzugängen bedroht ein Geschäftsmodell unmittelbar, das auf reibungslose grenzüberschreitende Reichweite setzt. Ein weiterhin dollarzentriertes System wirkt für einen Platz, der globale Ersparnisse vermittelt, dagegen beruhigend.

Ebenso ausgeprägt ist die menschliche Abhängigkeit. Rund 229.000 Grenzgänger pendelten im ersten Quartal 2025 nach Luxemburg — etwa 54 Prozent aus Frankreich, 23 Prozent aus Belgien und 23 Prozent aus Deutschland —, fast die Hälfte aller Lohnempfänger, so das Statistikamt STATEC. Dieser Arbeitsmarkt lebt von offenen Grenzen und einer gesunden Großregion, beides empfindlich gegenüber der Frage, wie Handels- und Investitionsströme in Europa neu geordnet werden.

Gourinchas übergibt an einen noch nicht benannten Nachfolger, wenn er am 1. Juli an die University of California in Berkeley zurückkehrt. Sein Abschiedsbefund — umgebaut, nicht abgewickelt — ist für Luxemburg weniger Beruhigung als Auftrag: Die Frage ist nicht, ob die Globalisierung überlebt, sondern zu wessen Bedingungen sie neu errichtet wird.

Häufig gefragt

Was meint Gourinchas mit dem „Umbau“ der Globalisierung?
Er widerspricht der These einer Entglobalisierung. Statt zu schrumpfen, verlagere sich der Handel auf neue Wege: Wo etwa die USA Zölle gegen China erhoben, sprangen Länder wie Mexiko und Vietnam ein, und die Lieferketten passten sich an. Das System werde multipolarer und stärker von Blöcken geprägt, aber nicht abgeschafft.
Welche Wachstumszahlen nennt der IWF für 2026?
Im Weltwirtschaftsausblick vom April 2026 erwartet der IWF ein globales Wachstum von 3,1 Prozent für 2026 und 3,2 Prozent für 2027, bei rund 4,4 Prozent Inflation. Das ist eine Abwärtskorrektur gegenüber den im Januar prognostizierten 3,3 Prozent, vor allem wegen des Konflikts im Nahen Osten.
Warum ist die These für Luxemburg besonders relevant?
Luxemburg ist gemessen an der Handelsoffenheit (rund 394 Prozent des BIP im Jahr 2023) die offenste Volkswirtschaft der Welt, der zweitgrößte Fondsstandort mit etwa 7,6 Billionen Euro Vermögen und Ziel von rund 229.000 Grenzgängern. Eine in Blöcke zerfallende Weltordnung bedroht dieses auf grenzenlose Reichweite gebaute Modell unmittelbar.
Verliert der Dollar an Bedeutung?
Nach Einschätzung von Gourinchas nicht. Man befinde sich „sehr fest in einer dollarzentrierten Welt“, und der IWF sehe kaum Anzeichen dafür, dass der Dollar seine Rolle in Handel, Bankwesen und Reserven verliert — selbst wenn sich die Handelswege verschieben.
Quellen(13)
  1. 1Outgoing IMF chief economist sees risks, shifting trade ties and continued uncertainty on global outlookReuters / Investing.com · investing.com
  2. 2Globalization isn't dead, just 'transformed,' says IMF chief economistAFP / Digital Journal · digitaljournal.com
  3. 3IMF chief economist Gourinchas says global economy remains firmly 'dollar-centered'Reuters / Yahoo Finance · ca.finance.yahoo.com
  4. 4World Economic Outlook, April 2026: Global Economy in the Shadow of WarInternational Monetary Fund · imf.org
  5. 5IMF cuts the outlook for global growth in the fallout from the Iran warPBS NewsHour / AP · pbs.org
  6. 6Pierre-Olivier Gourinchas to Step Down as IMF Economic Counsellor and Director of the Research DepartmentInternational Monetary Fund · imf.org
  7. 7Gourinchas to step down as IMF chief economistCentral Banking · centralbanking.com
  8. 8EU-Mercosur: Council greenlights signature of the comprehensive partnership and trade agreementCouncil of the European Union · consilium.europa.eu
  9. 9EU and India conclude landmark Free Trade AgreementEuropean Commission · ec.europa.eu
  10. 10Luxembourg financial centre records strong growth across sectors in 2025Luxembourg for Finance · luxembourgforfinance.com
  11. 11Investment Funds 2025 – LuxembourgChambers and Partners · practiceguides.chambers.com
  12. 12Luxembourg Trade openness – data, chartTheGlobalEconomy.com (World Bank data) · theglobaleconomy.com
  13. 13Domestic payroll employment: Q1 2025STATEC (Luxembourg Statistics Portal) · statistiques.public.lu

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