Naher Osten
Israels Kabinett erkennt den Völkermord an den Armeniern an
Mit einem einstimmigen Beschluss macht Israel die Anerkennung erstmals zur Staatspolitik – ein Bruch, der den Konflikt mit der Türkei kurz vor dem NATO-Gipfel in Ankara verschärft.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Mehr als ein Jahrhundert lang hatte sich Israel in vorsichtigem Schweigen geübt. Am Sonntag fiel diese Zurückhaltung: Das Kabinett in Jerusalem beschloss einstimmig, den Völkermord an den Armeniern von 1915 anzuerkennen. Erstmals macht der israelische Staat damit aus einer historisch heiklen Frage einen Akt der Politik – und vertieft den Riss mit der Türkei, nur wenige Tage bevor Ankara einen NATO-Gipfel ausrichtet.
Die ohne Gegenstimme verabschiedete Resolution erklärt, dass Israel die systematische Vernichtung der osmanischen Armenier während des Ersten Weltkriegs als Völkermord anerkennt und Leugnungsversuche zurückweist. Der Text geht nun zur parlamentarischen Abstimmung an das Plenum der Knesset. Bis zu diesem Jahr hatte Israel die Tötungen weder förmlich anerkannt noch bestritten – eine kalkulierte Unschärfe, lange aus Rücksicht auf die Beziehungen zur Türkei und zu Aserbaidschan gewahrt.
Ein Beschluss mit langem Vorlauf
Außenminister Gideon Sa'ar, der die Initiative vorantrieb, hatte sein Vorhaben Anfang der Woche über X angekündigt und es in der jüdischen Geschichte verankert. Er nannte 1,5 Millionen armenische Opfer – die von Armenien verwendete Zahl – und sprach von einer institutionalisierten Kampagne der Leugnung, der der Völkermord ausgesetzt geblieben sei.
Die Anerkennung des Völkermords, der in den letzten Jahren des Osmanischen Reiches am armenischen Volk verübt wurde, ist eine moralische wie historische Pflicht.
"Es ist nie zu spät, das Richtige zu tun", fügte Sa'ar hinzu. Die Schätzungen von Historikern zur Zahl der Todesopfer gehen auseinander; Euronews beziffert die Spanne auf rund 664.000 bis 1,2 Millionen Menschen, die zwischen dem Frühjahr 1915 und dem Herbst 1916 ums Leben kamen, als armenische Gemeinden in ganz Anatolien deportiert und ermordet wurden.
Der Beschluss baut auf einer persönlichen Kehrtwende von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf. Im August 2025 hatte dieser in einem Podcast-Gespräch als erster amtierender israelischer Regierungschef das Wort Völkermord für die Ereignisse benutzt – eine persönliche Aussage, die hinter offizieller Politik zurückblieb. Die Kabinettsentscheidung vom Sonntag schließt diese Lücke und verwandelt das individuelle Eingeständnis in eine Position der israelischen Regierung.
Ankara spricht von einem "politischen" Manöver
Die Türkei reagierte mit Empörung. Sie lehnt die Bezeichnung Völkermord ab und besteht darauf, dass die Toten im Chaos des Krieges zu beklagen gewesen seien; die Anerkennung verurteilte sie als zynisch und eigennützig.
In einer Erklärung warf das türkische Außenministerium Israel vor, es versuche, "durch die politische Entscheidung, die es zu den Ereignissen von 1915 getroffen hat, seine eigenen Verbrechen zu verschleiern". Das Ministerium verwies auf das Verfahren, das gegen Israel wegen seines Vorgehens im Gazastreifen vor dem Internationalen Gerichtshof geführt wird, und beschuldigte Israel, "das palästinensische Volk vor den Augen der ganzen Welt systematisch verfolgt" zu haben.
Das Verhältnis der einstigen Partner ist seit Beginn des Gaza-Kriegs zusammengebrochen, der auf den Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 folgte. Präsident Recep Tayyip Erdoğan verglich Israels Militäroffensive mit jener Nazi-Deutschlands, ließ den einst regen Handel nahezu versiegen und verschärfte seine Rhetorik gegen die israelische Regierung. Die Anerkennung des Völkermords ist der jüngste und schärfste Affront – sie trifft eine historische Frage, die Ankara als rote Linie der nationalen Identität behandelt.
Das Kalkül mit Baku
Jahrelang war nicht die Türkei die stärkste Bremse für eine israelische Anerkennung, sondern Aserbaidschan – ein enger strategischer Partner, der an Iran grenzt. Die Verbindung ist tief und handfest:
- Aserbaidschan liefert schätzungsweise 40 bis 60 Prozent des israelischen Rohöls.
- Der staatliche Energiekonzern SOCAR erwarb Anfang 2025 einen Anteil von rund zehn Prozent am israelischen Offshore-Gasfeld Tamar.
- Der bilaterale Handel erreichte 2024 etwa 1,4 Milliarden Dollar, getragen von umfangreichen Waffengeschäften.
Diese Bande hatten aus armenischer Sicht ihren Preis. Israel lieferte Aserbaidschan Waffen während dessen Offensive 2023, mit der Berg-Karabach zurückerobert wurde und die mehr als 100.000 ethnische Armenier zur Flucht zwang. Einwände aus Baku wie aus Ankara hatten eine Anerkennung in der Knesset wiederholt blockiert. Dass das Kabinett nun dennoch handelte, zeigt, wie weit sich das strategische Kalkül verschoben hat – eine jahrhundertealte Frage historischer Wahrheit, am Ende entschieden auf dem Boden gegenwärtiger Geopolitik.
Eine Probe am Vorabend des NATO-Gipfels
Der Zeitpunkt ist auffällig. Die Türkei richtet am 7. und 8. Juli 2026 in Ankara den NATO-Gipfel aus und versammelt Dutzende Staats- und Regierungschefs im Beştepe-Präsidentenkomplex – erst der zweite NATO-Gipfel überhaupt auf türkischem Boden. Israels Anerkennung fällt in jene Tage, in denen Erdoğan sich als Gastgeber des Bündnisses vorbereitet – eine unbequeme Kulisse für einen Staatschef, der sich als schärfster Kritiker Israels in der muslimischen Welt inszeniert.
Mit dem Schritt reiht sich Israel in den Kreis von mehr als 30 UN-Mitgliedstaaten ein – darunter die Vereinigten Staaten, Frankreich, Deutschland, Kanada und Russland –, die den Völkermord förmlich anerkennen. Für Armenien, lange enttäuscht über Israels Zurückhaltung, ist es ein symbolischer Sieg, auch wenn armenische Stimmen anmerken, dass die Anerkennung neben Israels Waffenbeziehungen zu Aserbaidschan fortbesteht. Für die Türkei ist es eine frische Wunde in einem ohnehin nahezu zerrütteten Verhältnis. Und für die weitere Region ist es eine Erinnerung daran, dass die Politik der Erinnerung, ein Jahrhundert nach den Ereignissen, weiterhin den Bündnissen der Gegenwart gehorcht.
Häufig gefragt
- Was genau hat Israels Kabinett beschlossen?
- Das Kabinett stimmte am 28. Juni 2026 in Jerusalem einstimmig dafür, den Völkermord an den Armeniern von 1915 anzuerkennen. Es ist der erste offizielle Staatsakt dieser Art. Die Resolution geht nun an das Plenum der Knesset zur parlamentarischen Abstimmung.
- Warum hatte Israel den Völkermord bis 2026 nicht anerkannt?
- Israel hatte die Tötungen weder förmlich anerkannt noch bestritten – aus Rücksicht auf die Beziehungen zur Türkei und zu Aserbaidschan. Ministerpräsident Netanjahu hatte den Begriff im August 2025 persönlich verwendet, doch das blieb eine private Aussage ohne offizielle Geltung.
- Wie reagierte die Türkei?
- Das türkische Außenministerium verurteilte den Beschluss als 'politisch' und warf Israel vor, durch die Entscheidung eigene Verbrechen verschleiern zu wollen. Es verwies auf das IGH-Verfahren zu Gaza. Die Türkei lehnt die Bezeichnung Völkermord weiterhin ab.
- Welche Rolle spielt Aserbaidschan?
- Aserbaidschan ist ein enger strategischer Partner Israels, liefert 40 bis 60 Prozent seines Rohöls und unterhält Waffengeschäfte. Einwände aus Baku und Ankara hatten eine Anerkennung lange blockiert. Israel hatte Aserbaidschan 2023 bei der Rückeroberung Berg-Karabachs mit Waffen beliefert.
Quellen(10)
- 1Israel formally recognises Armenian World War I 'genocide'Euronews · euronews.com
- 2Israel recognizes Armenian genocide, amid frosty ties with TurkeyThe Times of Israel · timesofisrael.com
- 3Turkey denounces Israel's 'political' recognition of Armenian genocideThe Times of Israel · timesofisrael.com
- 4Israeli government votes unanimously to recognize Armenian genocide, risking new tensions with TurkeyYnetnews · ynetnews.com
- 5'Not an act of retaliation against Turkey': Israeli gov't approves Armenian Genocide recognition pending Knesset voteHaaretz · haaretz.com
- 6Sa'ar to bring Armenian Genocide recognition to vote, cites Israel's 'moral, historical duty'The Jerusalem Post · jpost.com
- 7Israel Moves to Formally Recognize Armenian WWI Deaths as a GenocideU.S. News & World Report · usnews.com
- 8In a first for an Israeli leader, Netanyahu says he recognizes the Armenian genocideJewish Telegraphic Agency · jta.org
- 9Israel recognises Armenian genocide in rebuke to TurkeyThe New Arab · newarab.com
- 10Türkiye to host 2026 NATO Summit in Ankara, 7-8 July 2026NATO · nato.int



