Atomstreit mit Iran
Iran verwehrt Kontrolleuren Zugang zu bombardierten Atomanlagen – trotz Annäherung an die USA
Teheran öffnet die durch Luftschläge beschädigten Anlagen Fordo, Natans und Isfahan keinen UN-Inspekteuren – obwohl Iran und die USA einen 60-Tage-Fahrplan zu einem Abkommen vereinbart haben.
Von Camille Reuter · · 5 Min. Lesezeit

Es ist ein Widerspruch, der die gesamte Diplomatie unterläuft: Während Teheran und Washington in der Schweiz einen Fahrplan zu einem Atomabkommen aushandeln, verweigert die iranische Führung den Kontrolleuren der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) weiter den Zugang zu jenen drei Anlagen, die vor einem Jahr von amerikanischen Bomben getroffen wurden.
Das iranische Außenministerium erklärte am 23. Juni, eine Inspektion der beschädigten Standorte sei nicht vorgesehen; ein Treffen iranischer Vertreter mit IAEO-Generaldirektor Rafael Grossi am Rande der Gespräche in der Schweiz habe nicht stattgefunden. Für die Kontrolle von Anlagen, die bei Militärschlägen zerstört wurden, gebe es „kein Protokoll“. Seinen bestehenden Verpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag (NVV) und dem Sicherungsabkommen werde Iran weiter nachkommen – doch diese reichten, so die Botschaft, nicht mehr bis zu den getroffenen Werken in Fordo, Natans und Isfahan.
Neu ist diese Haltung nicht. Doch ihr Zeitpunkt verschärft den Kern des Problems: Verhandelt wird über das Schicksal des heikelsten Nuklearmaterials Irans – ausgerechnet in dem Moment, in dem die Behörde, die dieses Material überprüfen soll, von den mutmaßlichen Lagerorten ausgesperrt ist.
Ein Jahr ohne Blick auf das angereicherte Uran
Der Streit reicht zurück bis in den Juni 2025. Während eines zwölftägigen Krieges mit Israel bombardierten die Vereinigten Staaten am 22. Juni Fordo, Natans und Isfahan mit bunkerbrechender Munition. Binnen weniger Tage stimmte das iranische Parlament mit 221 zu 0 Stimmen dafür, die Zusammenarbeit mit der IAEO auszusetzen; Präsident Massud Peseschkian setzte das Gesetz am 2. Juli 2025 in Kraft. Seither dürfen Inspekteure Atomanlagen nur noch mit Zustimmung des Obersten Nationalen Sicherheitsrats betreten.
Zu den unbeschädigten Standorten sind die Kontrolleure inzwischen zurückgekehrt – mit dem Kernkraftwerk Buschehr als wichtigster Ausnahme. Die zerstörten Anlagen aber bleiben tabu. Grossi nennt die teilweise Wiederaufnahme wichtig, aber unzureichend.
Wir dürfen nur jene Standorte betreten, die nicht getroffen wurden.
Im Dezember sagte Grossi der russischen Agentur RIA Nowosti, gerade Fordo, Natans und Isfahan – also die für Inspekteure unzugänglichen Anlagen – enthielten „weiterhin erhebliche Mengen an Nuklearmaterial und Ausrüstung“. Der blinde Fleck wiegt schwer. Bis Mitte Juni 2025 hatte Iran rund 440 Kilogramm auf 60 Prozent U-235 angereichertes Uran angehäuft; etwa 432 Kilogramm davon waren überprüft, bevor der Zugang beschränkt wurde. Nach dem Sicherungsabkommen müsste dieser hochangereicherte Bestand etwa alle 30 Tage kontrolliert werden – seit einem Jahr ist er weitgehend ungeprüft. Iran bleibt der einzige Nicht-Kernwaffenstaat, der je Uran auf 60 Prozent angereichert und eingelagert hat – ein technisch kleiner Schritt zu waffenfähigem Material.
Verhandlungstisch und Kontrolllücke
Der Stillstand bei der Überprüfung läuft der Bewegung am Verhandlungstisch direkt zuwider. Ein Memorandum von Ende Mai verlängerte eine fragile Waffenruhe um 60 Tage. Nach einer ersten Runde hochrangiger Gespräche, die am 21. Juni in der Schweiz endete, einigten sich beide Seiten nach Angaben der Vermittler auf einen „Fahrplan“ zu einem endgültigen Abkommen binnen 60 Tagen – sowie auf einen Kommunikationskanal, der „Zwischenfälle“ in der Straße von Hormus verhindern soll.
Die US-Delegation führt Vizepräsident JD Vance an, unterstützt vom Sondergesandten Steve Witkoff; auf iranischer Seite leitet Außenminister Abbas Araghtschi die Verhandlungen. Pakistan und Katar vermitteln. Eingerichtet wurden drei Arbeitsgruppen:
- zur Aufsicht über das Programm,
- zu den Sanktionen,
- zu den Nuklearfragen – wobei das erste Thema die Anreicherung und die Beseitigung des hochangereicherten Bestands ist.
Genau hier liegt der Knoten. Der Fahrplan sieht vor, Material zu entfernen oder zu verdünnen, das die IAEO derzeit weder lokalisieren noch zählen noch dort bestätigen kann, wo Iran es zuletzt deklariert hat. Ohne Inspekteure an den beschädigten Standorten beruhte jede Vereinbarung über die Beseitigung des Bestands allein auf dem Wort Teherans statt auf unabhängiger Überprüfung – just jenem Prinzip, auf dem das gesamte Nichtverbreitungssystem ruht.
Europa pocht – doch die Hebel sind kurz
Für die europäischen Unterzeichner des Atomabkommens von 2015 – Frankreich, Deutschland und Großbritannien, die sogenannten E3 – ist die Funkstille eine akute Sorge. Am 10. Juni verabschiedete der IAEO-Gouverneursrat eine von den USA verfasste und von den E3 eingebrachte Resolution, die Iran zur unverzüglichen Wiederaufnahme der Zusammenarbeit auffordert. Sie passierte das Gremium mit 19 zu drei Stimmen bei elf Enthaltungen; Russland, China und Burkina Faso stimmten dagegen.
In einer gemeinsamen Erklärung an den Rat hielten die vier Regierungen fest, Iran habe den Zugang zu seinen proliferationssensibelsten Anlagen „seit einem Jahr“ verweigert; die Behörde könne „für 2025 keine Sicherungsschlussfolgerung ziehen“. Man fordere Iran auf, „unverzüglich zur vollständigen Einhaltung seiner rechtsverbindlichen Verpflichtungen aus dem NVV-Sicherungsabkommen und den einschlägigen Resolutionen des UN-Sicherheitsrats zurückzukehren“. Iran habe Schritte unternommen, die seine Vertragsverletzung sogar vertieft hätten.
Teheran zeigt sich unbeeindruckt. Mohammad Eslami, Chef der iranischen Atomenergie-Organisation, verlangt, die IAEO müsse zunächst die Regeln für die Inspektion zerbombter Anlagen definieren – faktisch die Forderung, die Behörde solle ein Verfahren für Standorte festschreiben, die unter laufender Überwachung angegriffen wurden. „Wenn es festgelegte Verfahren für die Nachkriegssituation gibt, sollte die Behörde sie bekannt geben“, sagte er im Dezember und fügte hinzu, Iran werde sich „politischem und psychologischem Druck“ nicht beugen.
Die Tragweite reicht weit über den Golf hinaus. Europa, das in Reichweite jeder größeren regionalen Eskalation liegt, hat seine eigene Sicherheit an den Grundsatz geknüpft, dass Irans Programm unabhängig überwacht werden kann. Die E3 könnten den „Snapback“-Mechanismus auslösen und die UN-Sanktionen wieder in Kraft setzen – doch das könnte just jene Gespräche zum Einsturz bringen, die sie schützen wollen. Genau diese Zwickmühle lässt ihre Hebel kurz erscheinen.
Vorerst bewegen sich Diplomatie und Kontrolle in entgegengesetzte Richtungen. In der Schweiz skizzieren Unterhändler einen Weg zur Beseitigung eines Bestands, den die Atominspekteure der Welt nicht mehr sehen können. Ob die Behörde wieder Zugang zu Fordo, Natans und Isfahan erhält, dürfte zur Angel werden, an der die gesamte Deeskalation hängt.
Häufig gefragt
- Warum lässt Iran keine Inspekteure zu den bombardierten Anlagen?
- Teheran argumentiert, es gebe „kein Protokoll“ für die Inspektion von Anlagen, die bei Militärschlägen zerstört wurden. Atomchef Mohammad Eslami fordert, die IAEO müsse erst Regeln für die „Nachkriegssituation“ festlegen. Seit einem Parlamentsbeschluss von 2025 dürfen Inspekteure Atomanlagen zudem nur mit Zustimmung des Obersten Nationalen Sicherheitsrats betreten.
- Worum geht es bei den Gesprächen zwischen Iran und den USA?
- Nach Verhandlungen in der Schweiz, die am 21. Juni 2026 endeten, einigten sich beide Seiten auf einen Fahrplan zu einem endgültigen Abkommen binnen 60 Tagen sowie auf einen Kommunikationskanal gegen Zwischenfälle in der Straße von Hormus. Arbeitsgruppen befassen sich mit Aufsicht, Sanktionen und Nuklearfragen; das erste Nuklearthema ist die Anreicherung und die Entsorgung des hochangereicherten Urans.
- Warum ist der fehlende Zugang so brisant?
- Iran ist der einzige Nicht-Kernwaffenstaat, der je Uran auf 60 Prozent angereichert hat – ein kleiner technischer Schritt zu waffenfähigem Material. Da die IAEO die rund 440 Kilogramm derzeit nicht überprüfen kann, müsste jede Vereinbarung über deren Beseitigung allein auf Irans Wort beruhen statt auf unabhängiger Kontrolle.
Quellen(14)
- 1Iran says IAEA inspections of damaged nuclear sites are not planned (liveblog, 23 June 2026)The Times of Israel · timesofisrael.com
- 2Iran rejects inspections of bombed nuclear sites without IAEA frameworkAl Jazeera · aljazeera.com
- 3Iran refuses inspection of nuclear sites until IAEA provides new guidelines after bombingCNN · cnn.com
- 4Nuclear watchdog yet to regain access to key Iranian sites, Grossi saysIran International · iranintl.com
- 5Iran president signs law suspending cooperation with IAEAAl Jazeera · aljazeera.com
- 6Iran's president approves law suspending cooperation with UN nuclear watchdogCNN · cnn.com
- 7NPT Safeguards Agreement with Iran: Quad statement to the IAEA Board of Governors, June 2026GOV.UK (FCDO) · gov.uk
- 8NPT Safeguards Agreement with Iran: Resolution to the IAEA Board of Governors, June 2026GOV.UK (FCDO) · gov.uk
- 9UN nuclear watchdog board demands urgent Iran cooperation and access to nuclear sitesThe Washington Post · washingtonpost.com
- 10The U.S. and Iran agree to a 'road map' for a final deal, mediators sayNPR · npr.org
- 11U.S., Iran agree on roadmap for final deal and plan to end military operations in LebanonCNBC · cnbc.com
- 12US-Iran 60-day proposal: What we knowAl Jazeera · aljazeera.com
- 13Analysis of IAEA Iran Verification and Monitoring and NPT Safeguards Reports — June 2026Institute for Science and International Security (ISIS) · isis-online.org
- 142025–2026 Iran–United States negotiationsWikipedia · en.wikipedia.org
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