EU-China-Handel

Pekings Handelsminister in Brüssel: Gespräche über Zölle und Seltene Erden

Wang Wentao trifft EU-Handelschef Maroš Šefčovič zu zweitägigen Verhandlungen – im Schatten von E-Auto-Zöllen, blockierten Exportlizenzen für Seltene Erden und einem Defizit von 360 Milliarden Euro.

Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Das Berlaymont-Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel mit gehissten EU- und chinesischen Nationalflaggen
Das Berlaymont-Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel, hier mit EU- und chinesischen Flaggen anlässlich eines bilateralen Handelsbesuchs. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Selten lag so viel Spannung über einem Handelstreffen: Chinas Handelsminister Wang Wentao ist am Montag in Brüssel eingetroffen, um zwei Tage lang mit dem Handelsbeauftragten der Europäischen Union, Maroš Šefčovič, zu verhandeln. Die Beziehung zwischen der EU und ihrem zweitgrößten Warenhandelspartner steckt in der tiefsten Krise seit Jahren – und genau das prägt die Atmosphäre der Begegnung.

Die Europäische Kommission bestätigte das Treffen am 22. Juni; dass Wang am 29. und 30. Juni für einen Verhandlungstag und ein Arbeitsessen in der belgischen Hauptstadt sein würde, ehe er nach London weiterreist, hatte zuerst die South China Morning Post berichtet. Vorausgegangen war ein Auftrag der EU-Spitzen: Weniger als zwei Wochen zuvor hatten sie die Kommission angewiesen, den Dialog mit Peking zu suchen und zugleich härtere Schutzinstrumente vorzubereiten, wie die Nachrichtenagentur AFP meldete.

Den Hintergrund bildet ein historisches Ungleichgewicht. Das Warendefizit der EU gegenüber China erreichte 2025 rund 360 Milliarden Euro – nach Angaben von Euronews exakt 359,9 Milliarden. Brüssel führt diese Lücke auf eine Flut staatlich subventionierter chinesischer Exporte zurück. Mit Verweis auf ökonomische Studien hält AFP fest, dass chinesische Unternehmen zwischen 2005 und 2024 etwa drei- bis achtmal so viel staatliche Unterstützung erhielten wie Firmen in den OECD-Staaten.

Seltene Erden und Elektroautos als Zündstoff

Zwei Konflikte überlagern alles. Der erste betrifft Chinas immer engere Kontrolle über Seltene Erden – jene Metalle, die für Elektromotoren, Windturbinen, Triebwerke und Waffensysteme unverzichtbar sind. Der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments verweist auf zwei Wellen von Exportkontrollen im April und Oktober 2025; die zweite Welle wurde bis November 2026 ausgesetzt. Europas Industrie klagt über lähmende Verzögerungen: Von mehr als 140 Lizenzanträgen, die von Verbänden unter dem Dach der EU-Handelskammer in China erfasst wurden, war bis Mitte September weniger als ein Viertel genehmigt.

Šefčovič hat die Restriktionen zur Vertrauensfrage erklärt.

Diese Situation wirft einen Schatten auf unsere Beziehung. Eine rasche Lösung ist daher unerlässlich. — Maroš Šefčovič, Exekutiv-Vizepräsident der Europäischen Kommission für Handel

Der zweite Brandherd sind Elektroautos. 2024 verhängte die EU zusätzliche Anti-Subventions-Zölle – laut Atlantic Council rund 17 Prozent auf BYD, 18,8 Prozent auf Geely und mehr als 35 Prozent auf SAIC, jeweils zusätzlich zum üblichen Pkw-Zoll von zehn Prozent. Den Handelsstrom bremste das kaum: Die chinesischen Pkw-Exporte nach Europa stiegen von 2024 auf 2025 dennoch um 26 Prozent auf fast 1,2 Millionen Fahrzeuge. Im Januar 2026 legte die Kommission Leitlinien vor, um die Zölle durch Mindesteinfuhrpreise – sogenannte Preisverpflichtungen – zu ersetzen. Beamte räumen jedoch ein, dass solche Preisuntergrenzen bei fertigen Fahrzeugen weit schwerer zu überwachen sind als bei Rohstoffen.

Ein Block, der über die Härte uneins bleibt

Während Brüssel verhandelt, schmiedet es zugleich an einem schärferen Instrumentarium. Im Gespräch ist ein neues Instrument gegen „Überkapazitäten“ beziehungsweise zur Lieferantendiversifizierung, das Chinas Griff nach Chips und kritischen Rohstoffen lockern soll. Ab Juli kürzt die EU laut Atlantic Council ihre zollfreien Stahlquoten um 47 Prozent und verdoppelt die Zölle außerhalb der Quote auf 50 Prozent. Verschärft hat die Lage der Fall Nexperia: Die niederländischen Aktivitäten des chinesisch kontrollierten Chipherstellers wurden unter staatliche Aufsicht gestellt, woraufhin Peking einen Teil der Chiplieferungen stoppte.

Doch über das richtige Maß der Härte sind sich die 27 Mitgliedstaaten alles andere als einig. Ein gemeinsames Papier von Frankreich, Italien, Spanien, den Niederlanden und Litauen dringt laut Euronews auf einen schnelleren Einsatz von Zöllen und Quoten – während Deutschland, dessen Autobauer auf den chinesischen Markt angewiesen sind, deren Zugang schützen will. Peking wiederum hat angekündigt, gegen aus seiner Sicht unfaire Maßnahmen zurückzuschlagen, und nahm bereits europäischen Cognac, Schweinefleisch und Milchprodukte ins Visier. Chinas EU-Botschafter Cai Run mahnte zur Zurückhaltung und sagte vor Brüsseler Publikum, beide Seiten seien „Partner, keine Rivalen und schon gar keine Feinde“.

Warum eine kleine, offene Wirtschaft wie Luxemburg genau hinschaut

Für einen handelsabhängigen Mitgliedstaat wie Luxemburg sind die Folgen sehr konkret. Das nationale Statistikamt STATEC berichtet, dass das Großherzogtum 2025 chinesische Waren im Wert von 922 Millionen Euro einführte und für 346 Millionen Euro exportierte – vor allem Industriearmaturen und Kupferfolie. China macht zwar nur etwa drei Prozent der luxemburgischen Importe nach Wert aus, doch sein Gewicht in strategischen Kategorien wächst rasant: In den ersten zehn Monaten 2025 lieferte das Land laut STATEC 20 Prozent der Einfuhren an Elektro-, Audio- und Videogeräten – nach drei Prozent ein Jahr zuvor.

Diese Verflechtung schneidet in beide Richtungen. Als offene Volkswirtschaft, die von reibungslosem Handel und Direktinvestitionen lebt, hätte Luxemburg viel zu verlieren – sowohl bei einer Zollspirale nach dem Muster „Auge um Auge“ als auch bei Lieferschocks bei jenen Seltenen Erden und Bauteilen, auf die die Fabriken der Nachbarländer angewiesen sind. Etwaige neue Maßnahmen könnten den EU-Spitzen im Herbst vorgelegt werden, hieß es aus der Kommission; Beamte deuteten konkrete Schritte bis Oktober an. Die Gespräche dieses Montags in Brüssel waren damit der bislang deutlichste Test, ob Verhandlungen eine breitere Konfrontation noch abwenden können.

Häufig gefragt

Worum geht es bei dem Treffen in Brüssel?
Chinas Handelsminister Wang Wentao verhandelt am 29. und 30. Juni 2026 zwei Tage lang mit EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič. Es geht um die zunehmenden Handelsspannungen, insbesondere um Seltene Erden, Elektroauto-Zölle und das hohe Warendefizit der EU.
Warum sind Seltene Erden ein zentraler Streitpunkt?
China verhängte 2025 zwei Wellen von Exportkontrollen für Seltene Erden, die für Elektromotoren, Windturbinen, Triebwerke und Waffensysteme unverzichtbar sind. Europas Industrie klagt über Verzögerungen: Von mehr als 140 Lizenzanträgen war bis Mitte September weniger als ein Viertel genehmigt.
Welche Bedeutung hat der Konflikt für Luxemburg?
Luxemburg importierte 2025 chinesische Waren für 922 Millionen Euro und exportierte für 346 Millionen Euro. China deckt zwar nur rund drei Prozent der Importe nach Wert, lieferte aber zuletzt 20 Prozent der Einfuhren an Elektro-, Audio- und Videogeräten. Als offene Wirtschaft ist das Land sowohl durch eine Zollspirale als auch durch Lieferschocks verwundbar.
Quellen(10)
  1. 1EU, China trade tensions loom over minister visitAFP via Yahoo Finance · finance.yahoo.com
  2. 2China's commerce chief Wang Wentao expected in Brussels on June 29 and 30: sourcesSouth China Morning Post · scmp.com
  3. 3EU trade chief to meet China envoy amid heated trade tensionsEuronews · euronews.com
  4. 4Europe has had enough of China's export surgeAtlantic Council · atlanticcouncil.org
  5. 5China's rare-earth export restrictionsEuropean Parliament (EPRS) · epthinktank.eu
  6. 6Commission issues Guidance Document on submission of price undertaking offers for battery electric vehicles from ChinaEuropean Commission, DG Trade · policy.trade.ec.europa.eu
  7. 7Conjoncture Flash January 2026: Record trade surplus for China in 2025STATEC (Luxembourg statistics portal) · statistiques.public.lu
  8. 8Chinese commerce minister to visit Brussels in 'coming days' to discuss rare earths: European trade commissionerAnadolu Agency · aa.com.tr
  9. 9China threatens retaliation over new EU tool to curb Chinese 'overcapacity'EUobserver · euobserver.com
  10. 10China agrees to crisis talks in Brussels as rare earth and Nexperia sagas boil overSouth China Morning Post · scmp.com

navigierenöffnenescschließen