Zahlungssouveränität

Digitaler Euro vor der Schlüsselabstimmung: Europa will unabhängiger von Visa und Mastercard werden

Das EU-Parlament beugt sich am 23. Juni über das EZB-Projekt einer eigenen Zahlungsschiene – mit unmittelbaren Folgen für Luxemburgs Banken, Fonds und Zahlungsbranche.

Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Smartphone mit einer digitalen Euro-Wallet-App an einem kontaktlosen Kassenterminal, daneben eine beiseitegelegte Bankkarte
Ein Smartphone mit einer Zahlungs-App für den digitalen Euro hält an ein kontaktloses Kassenterminal, eine Bankkarte liegt beiseite – Sinnbild für die von der EZB geplante eigene Zahlungsschiene. Illustration, mit KI erzeugtes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Für ein Vorhaben, über das Brüssel seit Jahren ringt, fällt diese Woche eine Vorentscheidung. Der Ausschuss für Wirtschaft und Währung (ECON) des Europäischen Parlaments befasst sich mit der Verordnung, die den rechtlichen Weg für einen digitalen Euro ebnen würde. Laut dem Gesetzgebungsregister des Parlaments und Berichten von Agence Europe war die Abstimmung über den Bericht für den 23. Juni angesetzt; das Plenum dürfte im Juli folgen.

Der Vorschlag, den die Europäische Kommission am 28. Juni 2023 vorlegte, ist zum Herzstück einer Brüsseler Idee geworden, die ihre Verfechter Zahlungssouveränität nennen. Die Diagnose ist unverblümt: Europa wickelt einen zu großen Teil seines täglichen Zahlungsverkehrs über Infrastruktur ab, die ihm nicht gehört. Die Europäische Zentralbank verweist darauf, dass fast zwei Drittel aller Kartenzahlungen im Euroraum von nichteuropäischen Unternehmen verarbeitet werden – allen voran die US-Netzwerke Visa und Mastercard. Die Nachrichtenagentur AFP berichtet zudem, dass 13 der 21 Euro-Länder über kein eigenes nationales Kartensystem verfügen.

Eine politische Setzung, kein Ruf des Marktes

EZB-Präsidentin Christine Lagarde deutet diese Abhängigkeit als strategische Verwundbarkeit und spielt damit implizit darauf an, wie westliche Sanktionen Russland 2022 von Visa und Mastercard abschnitten.

Es ist für uns wichtig, den digitalen Zahlungsverkehr unter unserer eigenen Kontrolle zu haben.

Lagarde äußerte sich in The Pat Kenny Show des Senders Newstalk. Ob Europäer eine Karte oder ein Smartphone an das Terminal hielten, sagte sie, laufe die Transaktion „in der Regel über Visa, Mastercard, PayPal, Alipay" – Infrastruktur mit Wurzeln in den USA oder China. Der digitale Euro, so die Befürworter, gäbe der Union eine eigene, europaweite Schiene, die Bargeld und private Lösungen ergänzt, statt sie zu ersetzen.

Geteilt wird diese Logik nicht überall. Der zentristische Europaabgeordnete Gilles Boyer brachte die politische Stimmung auf den Punkt und mahnte zugleich, der Entschlossenheit folgten zu selten Taten: „Wir Europäer hatten viele Weckrufe über unsere Abhängigkeit von den USA. Wir sind jetzt hellwach, aber wir handeln nicht immer", sagte er der AFP.

Worüber die Abgeordneten wirklich entscheiden

Die Verordnung verpflichtet die EZB nicht, die Währung auszugeben; sie schafft erst den rechtlichen Rahmen, ohne den keine Ausgabe möglich wäre. Die zweijährige Vorbereitungsphase der EZB endete im Oktober 2025; am 30. Oktober billigte der EZB-Rat den Übergang in die nächste Stufe, die auf technische Einsatzbereitschaft und die Begleitung des Gesetzgebungsverfahrens zielt. Verabschieden die Mitgesetzgeber das Regelwerk im Laufe des Jahres 2026, könnte Mitte 2027 ein Pilotbetrieb starten, eine mögliche Ausgabe wäre für 2029 denkbar.

Die Unterhändler des Parlaments unter Berichterstatter Fernando Navarrete haben sich auf ein Modell mit mehreren prägenden Merkmalen verständigt:

  • Online und offline. Beide Varianten werden mitgetragen; Offline-Zahlungen wären zunächst auf lokale Vorgänge begrenzt und kostenfrei.
  • Haltegrenze. Für Privatpersonen ist eine Obergrenze vorgesehen – diskutiert werden rund 3.000 Euro –, ohne Verzinsung der Guthaben. Der digitale Euro soll ein Zahlungsmittel sein, keine Geldanlage.
  • „Wasserfall"-Mechanismus. Jede Zahlung, die über die Grenze hinausginge, wird automatisch auf ein verknüpftes Geschäftskonto umgeleitet. Für Unternehmen und öffentliche Stellen gilt eine Nullgrenze, eingehende digitale Euro werden sofort in Einlagen umgewandelt.
  • Händlerkosten. Der Handel soll nicht mehr zahlen als heute.

Die Banken rechnen nach

Die zentrale Sorge der Kreditwirtschaft heißt Disintermediation: dass Haushalte ihre Einlagen in Zentralbankgeld umschichten und so die Refinanzierungsbasis schrumpft, mit der Banken Kredite vergeben. Haltegrenze, fehlende Verzinsung und Wasserfall sollen genau dieses Risiko dämpfen. Der zweite Reibungspunkt sind die Kosten. Eine von europäischen Bankenverbänden in Auftrag gegebene PwC-Studie veranschlagt den Anpassungsaufwand der Branche auf nahezu 18 Milliarden Euro, während die EZB selbst von 4 bis 5,8 Milliarden Euro ausgeht – eine Lücke, die die Fronten vor der Abstimmung verhärtet hat.

Das politische Bild bleibt unscharf, weil Navarrete, ein EVP-Abgeordneter, zeitweise Sympathie für privatwirtschaftliche Lösungen erkennen ließ – der Zeitplan des Dossiers ist also umstritten, auch wenn es vorankommt.

Warum Luxemburg genau hinschaut

Für das Großherzogtum steht überdurchschnittlich viel auf dem Spiel. Banken und Fonds tragen eine Volkswirtschaft, deren Finanzplatz über Infrastruktur, Vertrauen und die Einlagenbeziehung konkurriert – genau das Terrain, das der digitale Euro berühren würde. Die Luxemburger Bankenvereinigung ABBL befürwortet ein vermitteltes Modell, das die Banken in der Kundenbeziehung hält, stellt den Sinn eines digitalen Euro für den Einzelhandel aber grundsätzlich infrage.

Ananda Kautz, bei der ABBL zuständig für Innovation, Digital Banking und Zahlungsverkehr, sieht den Anstoß weniger im Markt als in der Politik.

„Der Bedarf kommt nicht vom Markt, sondern aus einer strategischen Entscheidung der EZB."

Mehr Nutzen, so Kautz, hätte die EZB womöglich gestiftet, wenn sie die Abwicklung zwischen Unternehmen – den Großkundenbereich – vorangetrieben hätte, wo sie klareren Mehrwert bei der grenzüberschreitenden Effizienz erkennt. Erfahrung hat Luxemburg dort: Bei den Eurosystem-Versuchen 2024 zur Abwicklung tokenisierter Vermögenswerte in Zentralbankgeld – einer Übung mit 64 Teilnehmern und mehr als 200 Transaktionen im Wert von rund 1,59 Milliarden Euro – erprobten unter anderem Clearstream, die Staatsbank Spuerkeess und die Luxemburger HSBC-Tochter reale Anwendungsfälle, koordiniert von der Banque centrale du Luxembourg.

Zugleich steht der Markt nicht still. Fünf Luxemburger Banken führen Wero ein, die Konto-zu-Konto-Geldbörse der European Payments Initiative, die hierzulande rund um Juni 2026 starten soll – konzipiert als private europäische Antwort auf Visa, Mastercard und PayPal. Ob der digitale Euro am Ende Verbündeter oder Konkurrent solcher Systeme wird, hänge, so die ABBL, an den Haltegrenzen und Interoperabilitätsregeln, um die in Brüssel gerade gerungen wird. Die Abstimmung dieser Woche dürften Luxemburgs Banken deshalb Zeile für Zeile lesen.

Häufig gefragt

Was hat der ECON-Ausschuss am 23. Juni entschieden?
Der Ausschuss für Wirtschaft und Währung des Europaparlaments befasste sich mit der Verordnung, die den Rechtsrahmen für einen digitalen Euro schaffen würde. Die Abstimmung über den Bericht von Berichterstatter Fernando Navarrete war für den 23. Juni angesetzt; eine Abstimmung im Plenum wird für Juli erwartet.
Wann könnte der digitale Euro kommen?
Die Verordnung verpflichtet die EZB nicht zur Ausgabe, sondern schafft erst den rechtlichen Rahmen. Verabschieden die Mitgesetzgeber das Regelwerk 2026, könnte Mitte 2027 ein Pilotbetrieb beginnen; eine mögliche Ausgabe wäre für 2029 denkbar. Die endgültige Entscheidung trifft die EZB.
Wie viel digitalen Euro dürfte man halten?
Für Privatpersonen ist eine Obergrenze vorgesehen – diskutiert werden rund 3.000 Euro –, ohne Verzinsung. Beträge darüber würden über einen „Wasserfall"-Mechanismus automatisch auf ein verknüpftes Geschäftskonto umgeleitet. Für Unternehmen und öffentliche Stellen gilt eine Nullgrenze.
Warum ist das Thema für Luxemburg besonders wichtig?
Der Finanzplatz konkurriert über Infrastruktur, Vertrauen und die Einlagenbeziehung – genau hier setzt der digitale Euro an. Die ABBL befürwortet ein vermitteltes Modell und fordert Folgenabschätzungen. Parallel führen fünf Luxemburger Banken die europäische Wallet Wero ein.
Quellen(11)
  1. 1Digital euro | Legislative Train ScheduleEuropean Parliament · europarl.europa.eu
  2. 2Progress on the digital euroEuropean Central Bank · ecb.europa.eu
  3. 3Eurosystem moving to next phase of digital euro projectEuropean Central Bank · ecb.europa.eu
  4. 4'Europeans are fully awake': Why the EU is pushing for a new 'digital euro'The Local (AFP) · thelocal.it
  5. 5Luxembourg bankers sceptical about digital euro, while ECB sees upsideDelano · delano.lu
  6. 6Europe must end reliance on US technology - Christine LagardeNewstalk · newstalk.com
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