Sicherheitspolitik

Deutschland schafft die Grundlage für eine mögliche Rückkehr der Wehrpflicht

Das seit Januar geltende Gesetz hält den Dienst vorerst freiwillig, baut aber einen rechtlichen Hebel ein, um ihn bei zu wenigen Freiwilligen verpflichtend zu machen. Die Musterung beginnt Mitte 2027.

Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Bundeswehr-Rekruten in Flecktarn-Uniformen neben einem Militärfahrzeug mit dem schwarzen Balkenkreuz
Bundeswehr-Rekruten in Flecktarn-Uniformen, daneben ein Militärfahrzeug mit dem schwarzen Balkenkreuz der Bundeswehr (illustratives, KI-generiertes Bild). Illustration: KI-generiert — Status

BERLIN — Fünfzehn Jahre nach der Aussetzung der Wehrpflicht hat Deutschland die rechtlichen Werkzeuge bereitgelegt, um sie im Bedarfsfall wieder scharf zu stellen. Europas größte Volkswirtschaft will eine Truppe wiederaufbauen, die sie angesichts der Bedrohung durch Russland inzwischen für gefährlich unterbesetzt hält.

Das Wehrdienstmodernisierungsgesetz (WDModG) trat am 1. Januar 2026 in Kraft, nachdem der Bundestag es am 5. Dezember 2025 beschlossen hatte. Vorerst bleibt der Dienst freiwillig. Doch das Gesetz schreibt zugleich einen Mechanismus fest, mit dem das Parlament eine sogenannte bedarfsgerechte Wehrpflicht aktivieren könnte, falls sich zu wenige junge Menschen freiwillig melden — aus einem werbenden Anreizmodell würde dann ein Pflichtdienst.

Die ersten konkreten Pflichten greifen bereits. Seit Januar muss jeder Mann, der 18 wird — beginnend mit dem Jahrgang 2008 —, einen amtlichen Fragebogen zu Gesundheit, Ausbildung und Bereitschaft zum Dienst ausfüllen; Frauen dürfen antworten, sind dazu aber nicht verpflichtet. Ab dem 1. Juli 2027 folgt für dieselben Jahrgänge eine verpflichtende Musterung in einem von 24 Erfassungszentren, die das Verteidigungsministerium aufbaut. Bis Mitte 2027 soll das System vollständig arbeitsfähig sein.

„Wenn das nicht ausreicht, werden wir nicht umhinkommen, eine teilweise Wehrpflicht einzuführen", sagte Verteidigungsminister Boris Pistorius, dessen Freiwilligenmodell jährlich rund 30.000 Rekruten gewinnen soll.

Freiwilligkeit mit eingebautem Notschalter

Die Bundesregierung betont, das neue System solle „so lange wie möglich" auf Freiwillige setzen. Um den Dienst attraktiver zu machen, leisten Rekruten zwischen sechs und elf Monate und verdienen rund 2.600 Euro brutto im Monat, mit der Option zu verlängern. Zivile Alternativen bleiben bestehen, und Frauen können sich melden, ohne verpflichtet werden zu können.

Der entscheidende Unterschied zu einer reinen Werbekampagne ist der eingebaute Auslöser. Bleiben die Freiwilligenzahlen hinter den Nato-Vorgaben zurück, kann das Parlament den Pflichtdienst aktivieren — allerdings nur durch ein erneutes Gesetz des Bundestags, eine bewusst gesetzte politische Bremse statt eines Automatismus. Konservative Stimmen in der Koalition, darunter Unionsfraktionschef Jens Spahn, drangen auf einen verbindlichen Aufwuchspfad mit regelmäßiger Berichtspflicht, damit ein Mangel früh sichtbar wird. Im Falle eines Angriffs erlaubt das Gesetz, die volle Wehrpflicht sofort wieder in Kraft zu setzen.

Kritik kommt von beiden Seiten: Die einen warnen, die Halbherzigkeit liefere nicht schnell genug Soldaten; die anderen lehnen es ab, eine Generation zu verpflichten, die nur eine Freiwilligenarmee kennt. Deutschland hatte die Wehrpflicht im Frieden 2011 ausgesetzt — ein ganzer Jahrgang junger Erwachsener wuchs ohne die Aussicht auf einen Einberufungsbescheid auf.

Die Zahlen hinter dem Tempo

Die Rechnung ist ernüchternd. Ende 2025 zählte die Bundeswehr rund 184.000 aktive Soldatinnen und Soldaten — deutlich weniger, als die Verbündeten nach Ansicht der Militärführung künftig verlangen.

  • Berlin will die Truppe bis Mitte der 2030er-Jahre auf etwa 260.000 aktive Kräfte sowie rund 200.000 Reservisten aufstocken, manche Planungen reichen darüber hinaus.
  • Pistorius beziffert den zusätzlichen Bedarf auf 60.000 bis 100.000 Soldaten, um die Nato-Fähigkeitsziele zu erfüllen und die Truppe kriegstüchtig zu machen.
  • Das Freiwilligenmodell ist auf rund 30.000 Rekruten pro Jahr ausgelegt — wird diese Schwelle verfehlt, kommt der Pflicht-Hebel ins Spiel.

Treiber des Zeitplans ist eine härtere Lagebeurteilung gegenüber Russland. Deutsche und verbündete Planer warnen seit Längerem, Moskau könnte binnen weniger Jahre zu einem großangelegten Angriff auf Nato-Gebiet fähig sein; als Zieldatum für die Verteidigungsbereitschaft der Bundeswehr gilt 2029.

Europa rüstet auf — auch Luxemburg spürt den Druck

Der deutsche Schritt ist das gewichtigste Stück einer kontinentweiten Wende. Auf ihrem Gipfel in Den Haag am 25. Juni 2025 einigten sich die Nato-Staaten auf eine weitreichende neue Ausgabenmarke und verwiesen auf „die langfristige Bedrohung der euro-atlantischen Sicherheit durch Russland".

Laut der Erklärung verpflichten sich die „Verbündeten, bis 2035 jährlich 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in zentrale Verteidigungsanforderungen sowie in verteidigungs- und sicherheitsbezogene Ausgaben zu investieren" — mindestens 3,5 Prozent für militärische Kernaufgaben wie Personal, Ausrüstung und Einsatzbereitschaft und bis zu weitere 1,5 Prozent für Infrastruktur, Cyberabwehr und Resilienz. Der Kurs soll 2029 überprüft werden.

Für Luxemburg, ein Nato-Gründungsmitglied ohne Streitkräfte deutscher Größenordnung, ist das Ziel anspruchsvoll. Das Großherzogtum bemisst seinen Beitrag am Bruttonationaleinkommen statt am Bruttoinlandsprodukt — wegen des übergroßen Gewichts seines Finanzsektors — und gab 2024 rund 728 Millionen Euro für Verteidigung aus. Der Fahrplan der Regierung, so bestätigt das Verteidigungsministerium, peilt weiterhin 2 Prozent des BNE bis 2030 an — knapp 1,5 Milliarden Euro —, während das neue Bündnisziel von 5 Prozent bis 2035 einen der steilsten proportionalen Anstiege überhaupt bedeutet.

„Derzeit gilt weiterhin der von der Regierung im Juni 2024 festgelegte Fahrplan: 2 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) im Jahr 2030", teilte das Büro von Verteidigungsministerin Yuriko Backes mit und deutete zugleich an, dass Luxemburg eine Beschleunigung prüft. Die Botschaft aus Berlin lautet: Die Rechnung für Europas Sicherheit steigt rasch — und selbst die kleinsten Mitglieder des Bündnisses werden einen Anteil schultern müssen, den sie sich seit einer Generation nicht mehr vorstellen mussten.

Häufig gefragt

Gilt in Deutschland seit 2026 wieder die Wehrpflicht?
Nein. Der Wehrdienst bleibt vorerst freiwillig. Das Wehrdienstmodernisierungsgesetz schafft jedoch den rechtlichen Mechanismus, um eine bedarfsgerechte Wehrpflicht zu aktivieren — dafür ist ein separater Beschluss des Bundestags nötig. Bei einem Angriff kann die volle Wehrpflicht sofort wieder in Kraft gesetzt werden.
Wer muss den Fragebogen ausfüllen und zur Musterung?
Seit Januar 2026 müssen alle Männer, die 18 werden — beginnend mit dem Jahrgang 2008 —, einen amtlichen Fragebogen zu Gesundheit, Ausbildung und Dienstbereitschaft ausfüllen. Frauen dürfen antworten, sind aber nicht verpflichtet. Ab 1. Juli 2027 ist für dieselben Jahrgänge eine Musterung verpflichtend.
Was bedeutet das Nato-Ziel von 5 Prozent für Luxemburg?
Luxemburg bemisst seinen Beitrag am Bruttonationaleinkommen statt am BIP und gab 2024 rund 728 Millionen Euro aus. Der Fahrplan zielt auf 2 Prozent des BNE bis 2030 (knapp 1,5 Milliarden Euro). Das neue Bündnisziel von 5 Prozent bis 2035 bedeutet für das Land einen der steilsten proportionalen Anstiege.
Quellen(10)
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