NATO-Gipfel in Ankara

Trump macht US-Truppen in Europa zum Faustpfand im Streit um Grönland

Beim Bündnistreffen in der Türkei knüpft der US-Präsident den Verbleib von rund 80.000 Soldaten in Europa an Kopenhagens Verzicht auf die Arktisinsel. Damit bekommt die amerikanische Sicherheitsgarantie erstmals offen einen Preis.

Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Die grönländische Flagge Erfalasorput weht über der Hauptstadt Nuuk vor arktischer Kulisse.
Die Nationalflagge Grönlands (Erfalasorput) über der Hauptstadt Nuuk. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Zum ersten Mal knüpft ein amerikanischer Präsident die Kernzusage der transatlantischen Sicherheit offen an eine Gebietsforderung gegenüber einem Verbündeten: Donald Trump hat durchblicken lassen, dass die Zukunft der rund 80.000 in Europa stationierten US-Soldaten davon abhängen könnte, ob Dänemark die Kontrolle über Grönland abgibt.

Am Rande des zweitägigen NATO-Gipfels in der türkischen Hauptstadt Ankara sagte Trump vor Journalisten, Washington könne "alle unsere Soldaten aus Europa abziehen" — und machte deutlich, dass jede Entscheidung am Schicksal der Arktisinsel hänge. Auf die Frage nach weiteren Truppenkürzungen antwortete er ausdrücklich mit Blick auf Grönland.

"Vieles wird von Grönland abhängen, sehr vieles, und ich glaube, [wir können] in Grönland ein sehr gutes Geschäft machen — und wenn nicht, dann tue ich es vielleicht selbst", sagte Trump laut dem Washington Examiner vor Reportern.

Der Auftritt vor den Staats- und Regierungschefs der 32 Bündnispartner sollte eigentlich den Verteidigungsausgaben gelten. Stattdessen wurde der Gipfel zur Probe darauf, wie geschäftsmäßig das amerikanische Engagement für Europa inzwischen ausfällt. Trump begehrt Grönland, seit er 2025 ins Amt zurückkehrte; der Streit verschärfte sich in diesem Jahr drastisch, nachdem er einen Waffeneinsatz nicht ausgeschlossen und Zölle gegen europäische Hauptstädte angedroht hatte, die sich hinter Kopenhagen stellten.

Kopenhagen bleibt hart

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen wies die Forderung rundheraus zurück. Grönland stehe nicht zur Disposition, betonte sie; Dänemark sei "bereit, jeden Zentimeter der NATO zu verteidigen, einschließlich unseres eigenen Territoriums", und verlasse sich darauf, dass die Verbündeten ihre Beistandspflichten einhielten.

"Grönland ist selbstverständlich nicht zu verkaufen", sagte Frederiksen.

Trump zeigte sich unbeeindruckt und argumentierte, die größte Insel der Welt bedeute Washington mehr als Kopenhagen. "Grönland ist sehr wichtig für die Vereinigten Staaten, aber es ist nicht wichtig für Dänemark", sagte er; die US-Kontrolle sei "zum Schutz der Welt" notwendig. Auf dem autonomen dänischen Territorium mit rund 56.000 Einwohnern betreiben die USA im äußersten Nordwesten bereits die Pituffik Space Base, wo etwa 150 amerikanische Kräfte Systeme zur Raketenfrühwarnung und Weltraumüberwachung bedienen.

Die Europäische Union schloss die Reihen hinter Dänemark. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte, die Gemeinschaft werde "geeint, koordiniert und entschlossen bleiben, ihre Souveränität zu wahren". Ratspräsident António Costa kündigte einen außerordentlichen Gipfel an, um die "Solidarität mit Dänemark und Grönland" zu bekräftigen.

Eine schrumpfende — und nun bedingte — Präsenz

Die Drohung trifft auf bereits laufende Reduzierungen. Anfang 2026 bestätigte das Pentagon nach einer Überprüfung der Truppenaufstellung den Abzug von rund 5.000 Soldaten aus Deutschland; CNN berichtete, Trump habe intern erwogen, das europäische Kontingent um bis zu ein Drittel zu verringern, um den Verbündeten ein Signal zu senden. Nach amerikanischem Recht muss das Militär mindestens 76.000 Soldaten samt schwerem Gerät auf dem Kontinent halten, es sei denn, die NATO-Partner werden konsultiert und ein Abzug wird als im US-Interesse liegend bewertet.

Die zentralen Zahlen hinter dem Kräftemessen:

  • rund 80.000 US-Soldaten derzeit in ganz Europa stationiert.
  • 76.000 gesetzliche Untergrenze, die ohne Konsultation der Verbündeten nicht unterschritten werden darf.
  • rund 5.000 in diesem Jahr bereits aus Deutschland abgezogene Soldaten.
  • rund 56.000 Einwohner Grönlands; etwa 150 US-Kräfte auf der Pituffik Space Base.

Außenminister Marco Rubio hat von einer "breiten Anerkennung" gesprochen, "dass es in Europa letztlich weniger US-Truppen geben wird, als historisch üblich war". Neu ist die Verknüpfung: Statt Kürzungen als Lastenteilung oder strategische Hinwendung zu Asien zu begründen, koppelt Trump sie an die Forderung, ein Verbündeter möge Territorium abtreten.

Was das für Luxemburg und Europa bedeutet

Für Planer von Warschau bis Luxemburg erzwingt der Vorgang eine unbequeme Rechnung. Die US-Präsenz — Stützpunkte, Luftwaffe, Logistik und der nukleare Schirm — untermauert die Abschreckung der NATO an der Ostflanke gegenüber Russland. Diese Präsenz von einem bilateralen Handel über Grönland abhängig zu machen, versieht eine Garantie, die europäische Regierungen lange als bedingungslos betrachtet haben, mit einem ausdrücklichen Preisschild.

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas warnte, das interne Gezänk nütze allein den Gegnern Europas.

"China und Russland dürften ihre helle Freude haben. Sie sind es, die von Spaltungen unter Verbündeten profitieren", sagte Kallas.

Die praktische Antwort besteht darin, den Kurs zu einer "europäischeren NATO" zu forcieren. Dänemark hat zweistellige Milliardenbeträge in Kronen für die Verteidigung der Arktis zugesagt, und während der Zuspitzung im Winter verlegten mehrere europäische Streitkräfte Truppen nach Grönland — als Zeichen der Solidarität. Für kleinere Mitglieder wie Luxemburg, das für seine Verteidigung vollständig auf das Bündnis angewiesen ist, lautet die Botschaft: Der amerikanische Rückhalt ist nicht länger ohne politische Bedingungen zu haben.

Ob Trump das gesamte Kontingent tatsächlich abziehen würde — und ob das Gesetz es erlaubte — bleibt offen; er lobte das Treffen in Ankara zugleich für seine "Einheit". Doch indem er Grönland zur Variable erklärt, hat er den transatlantischen Handel neu definiert. Europas Hauptstädte müssen sich fortan auf eine Sicherheitsgarantie einstellen, der womöglich eine Rechnung beiliegt.

Häufig gefragt

Was genau hat Trump in Ankara gefordert?
Trump stellte den Verbleib der rund 80.000 US-Soldaten in Europa in Aussicht abhängig davon, ob Dänemark die Kontrolle über Grönland abgibt. Er erklärte, Washington könne 'alle unsere Soldaten aus Europa abziehen', und band die Entscheidung ausdrücklich an einen Grönland-Deal.
Kann Trump die US-Truppen einfach abziehen?
Nach amerikanischem Recht muss das Militär mindestens 76.000 Soldaten samt schwerem Gerät in Europa halten, es sei denn, die NATO-Partner werden konsultiert und ein Abzug gilt als im US-Interesse. Ein vollständiger Abzug ist rechtlich und praktisch offen.
Warum ist Grönland strategisch wichtig?
Das autonome dänische Territorium mit rund 56.000 Einwohnern beherbergt die US-Basis Pituffik im Nordwesten, wo etwa 150 amerikanische Kräfte Raketenfrühwarnung und Weltraumüberwachung betreiben — ein Schlüsselposten für die Kontrolle der arktischen Zugänge.
Was bedeutet der Streit für Luxemburg?
Luxemburg verlässt sich für seine Verteidigung vollständig auf die NATO. Wird die US-Präsenz an einen Handel über Grönland gekoppelt, erhält die bislang als bedingungslos geltende Schutzgarantie einen politischen Preis — mit direkten Folgen für die Abschreckung an der Ostflanke.
Quellen(11)
  1. 1Trump threatens troop withdrawals if deal on Greenland isn't struckWashington Examiner · washingtonexaminer.com
  2. 2Trump warns US could withdraw troops from Europe over Greenland disputeStars and Stripes · stripes.com
  3. 3Trump renews Greenland threats at NATO summit, says U.S. could remove troops from EuropeCNBC · cnbc.com
  4. 4Trump doubles down on push for control over Greenland as Denmark vows to defend itCNBC · cnbc.com
  5. 5Trump mused about cutting troops in Europe by a third to send a message to NATOCNN · cnn.com
  6. 6Danish PM says Greenland is 'not for sale' as Trump joins NATO leaders in TurkeyABC News / Associated Press · abcnews.com
  7. 7Trump turns on Spain and demands Greenland as NATO summit exposes cracksDefense News · defensenews.com
  8. 8NATO allies bewildered by Trump's about-face on U.S. troop moves in EuropePBS NewsHour · pbs.org
  9. 9Europe 'united' in face of Trump's Greenland threats, tariffs, EU chief saysABC News · abcnews.com
  10. 10Greenland crisisWikipedia · en.wikipedia.org
  11. 11Pituffik Space BaseWikipedia · en.wikipedia.org

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