Rentenreform in Deutschland

Höhere Beiträge, späterer Ruhestand: Rentenkommission legt Merz 33-Punkte-Plan vor

Eine Regierungskommission koppelt das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung, lenkt neue Beiträge in einen Aktienfonds und weitet die Versicherungspflicht aus. Gesetze sollen 2026 folgen.

Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Das Reichstagsgebäude in Berlin mit heller Sandsteinfassade, vier Ecktürmen und gläserner Kuppel, Sitz des Deutschen Bundestags.
Das Reichstagsgebäude in Berlin, Sitz des Deutschen Bundestags, der über die Rentenreform abstimmen soll. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

BERLIN — Wer in Deutschland arbeitet, soll künftig länger einzahlen und später in Rente gehen. Eine von der Bundesregierung eingesetzte Kommission übergab Kanzler Friedrich Merz am Dienstag in Berlin einen umfassenden Plan, mit dem die Finanzen des größten Alterssicherungssystems Europas auf Dauer tragfähig gemacht werden sollen.

Der Bericht umfasst 33 Punkte. Er empfiehlt, das gesetzliche Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu binden und es über die kommenden Jahrzehnte schrittweise von 67 in Richtung 70 anzuheben, eine beliebte Möglichkeit des vorgezogenen Ruhestands auslaufen zu lassen, den Kreis der Beitragspflichtigen zu erweitern und eine neue, kapitalgedeckte Säule nach dem Vorbild des schwedischen Staatsfonds einzuziehen. Merz, der eine spannungsreiche Koalition aus seiner konservativen Union und der SPD führt, drängte sein Kabinett, das Paket vollständig umzusetzen.

„Alle Elemente dieses Reformpakets müssen jetzt zügig umgesetzt werden“, sagte Merz. Ein Scheitern, fügte er hinzu, sei keine Option.

Was die Kommission ändern will

Den Vorsitz der Kommission teilen sich der frühere Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, und die Rechtswissenschaftlerin Constanze Janda. Ihr Katalog soll ein System stabilisieren, in dem eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung eine wachsende Zahl von Rentnerinnen und Rentnern trägt. Die zentralen Empfehlungen:

  • Ein höheres, an die Lebenserwartung gekoppeltes Eintrittsalter. Nach geltendem Recht steigt die Regelaltersgrenze bis 2031 auf 67 Jahre; danach soll sie an die Langlebigkeit gebunden werden, je Jahrzehnt um rund sechs Monate steigen und bis Anfang der 2090er-Jahre etwa 70 Jahre erreichen.
  • Das Aus für die „Rente mit 63“. Der abschlagsfreie Frühausstieg nach 45 Beitragsjahren soll auslaufen; die Mindestaltersgrenze steigt zunächst von 63 auf 64 Jahre.
  • Eine Kapitalsäule nach schwedischem Muster. Ein neuer Beitrag von anfangs 1 Prozent des Bruttolohns — je zur Hälfte von Arbeitgeber und Beschäftigten getragen — soll mit der Zeit auf 2 Prozent steigen und in einen zentral verwalteten Fonds nach dem Vorbild des schwedischen AP7 fließen.
  • Eine breitere Beitragsbasis. Selbstständige, Abgeordnete von Bund und Ländern sowie Vorstände börsennotierter Unternehmen sollen in die gesetzliche Versicherung einbezogen werden; die Befreiung der Minijobs entfällt. Beamte behalten ihr eigenes System, doch Neuverbeamtungen sollen deutlich verringert werden.
  • Strengere Teilrente. Das Alter für die Teilrente steigt von 55 auf 58 Jahre.

Janda betonte, die Änderungen würden das Renteneintrittsalter nur „moderat“ verschieben. Weise stellte in Aussicht, das Zusammenspiel aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge solle Ruheständlern „langfristig 70 Prozent ihres letzten Nettogehalts“ sichern. Das von der Sozialdemokratin Bärbel Bas geführte Arbeitsministerium soll die Vorschläge in Gesetzentwürfe gießen; die Abstimmungen im Parlament werden noch im Lauf des Jahres 2026 erwartet.

Politik und Preis der Reform

Der Bericht trifft auf ein bereits umstrittenes Rentenpaket, das der Bundestag am 5. Dezember 2025 beschloss. Es garantiert das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent des Durchschnittslohns und weitet die „Mütterrente“ für ältere Mütter aus. Festgeschrieben wurde dort auch der Anstieg des Beitragssatzes von 18,6 auf 18,8 Prozent des Bruttolohns ab 2027 — paritätisch von 9,3 auf 9,4 Prozent je Seite — und damit der erste Schritt auf einem Pfad, der mit dem Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge weiter steigen dürfte.

Die zugrunde liegende Rechnung ist nüchtern: Immer weniger Beitragszahler müssen die Renten von immer mehr Ruheständlern finanzieren. Schon das Dezember-Paket belastete die Koalition: Es passierte den Bundestag mit 318 zu 224 Stimmen bei 53 Enthaltungen erst nach Zugeständnissen an Abweichler aus der Jungen Union, die sich an zusätzlichen Langfristkosten von rund 120 Milliarden Euro für die Jahre 2032 bis 2040 stießen. Den neuen, weit ehrgeizigeren Entwurf in Gesetze zu überführen, verspricht eine noch härtere Auseinandersetzung. Bereits beschlossen ist zudem ein staatlich finanziertes „Generationenkapital“, eine Aktienrücklage, die auf rund 150 bis 200 Milliarden Euro anwachsen soll.

Ein europäisches Problem mit Luxemburger Bezug

Deutschland steht damit nicht allein. Der Altenquotient in der EU — die Zahl der über 65-Jährigen im Verhältnis zu den Menschen im Erwerbsalter — stieg zum Jahresbeginn 2025 auf 34,5 Prozent, nach 33,9 Prozent im Jahr 2024; rechnerisch kommen damit gut drei Erwerbsfähige auf einen Menschen über 65. Eurostat erwartet bis 2100 einen Anstieg auf etwa 59,7 Prozent. Frankreich wiederum hat 2026 Teile seiner umstrittenen Anhebung des Eintrittsalters auf 64 Jahre auf Bitten der Gewerkschaft CFDT vorerst ausgesetzt — vor Januar 2028 soll es keine Erhöhung geben.

Für die Großregion sind die Folgen unmittelbar. Deutschland ist Luxemburgs größter Nachbar und Handelspartner, und die Bewohner des Saarlandes und von Rheinland-Pfalz sind in genau jenem deutschen System versichert, das die Reform umbauen würde. Rund 52.000 Deutsche pendeln zudem täglich zur Arbeit ins Großherzogtum — Teil einer grenzüberschreitenden Erwerbsbevölkerung, die fast die Hälfte der etwa 484.000 Arbeitsplätze füllt und nach den EU-Koordinierungsregeln Rentenansprüche auf beiden Seiten der Grenze aufbaut.

Die Debatte spiegelt auch Luxemburgs eigene Lage. Das Großherzogtum hat mit rund 22 Prozent den niedrigsten Altenquotienten der EU, doch sein gesetzliches System dürfte ab 2026 mehr ausgeben als einnehmen; die Reserve des allgemeinen Systems könnte um 2045 erschöpft sein. Im Dezember 2025 setzte die Regierung von Luc Frieden eine Reform durch, die den Beitragssatz zum 1. Januar von 24 auf 25,5 Prozent anhob — je 8,5 Prozent von Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Staat —, den vorgezogenen Ruhestand verschärfte und das gesetzliche Eintrittsalter bei 65 Jahren beließ. Ein sanfteres Paket als das Berliner, doch getrieben von derselben demografischen Arithmetik, vor der heute weite Teile des Kontinents stehen.

Häufig gefragt

Auf welches Renteneintrittsalter zielt die Kommission?
Nach geltendem Recht steigt die Regelaltersgrenze bis 2031 auf 67 Jahre. Danach soll sie an die Lebenserwartung gekoppelt werden, je Jahrzehnt um rund sechs Monate steigen und bis Anfang der 2090er-Jahre etwa 70 Jahre erreichen.
Was ändert sich beim Beitragssatz?
Der bereits im Dezember 2025 beschlossene Anstieg führt den Satz ab 2027 von 18,6 auf 18,8 Prozent des Bruttolohns (je 9,4 Prozent für Arbeitgeber und Beschäftigte). Zusätzlich empfiehlt die Kommission einen neuen Kapitalbeitrag von anfangs 1 Prozent, der mit der Zeit auf 2 Prozent steigt.
Was bedeutet die Reform für Grenzgänger und die Großregion?
Bewohner des Saarlandes und von Rheinland-Pfalz sind im deutschen System versichert, und rund 52.000 Deutsche pendeln täglich nach Luxemburg. Nach den EU-Koordinierungsregeln bauen grenzüberschreitend Beschäftigte Rentenansprüche in mehreren Ländern auf.
Wie geht es politisch weiter?
Das Arbeitsministerium unter Bärbel Bas soll die Vorschläge in Gesetzentwürfe überführen. Die Abstimmungen im Parlament werden im weiteren Verlauf des Jahres 2026 erwartet; ein harter Streit in der Koalition gilt als wahrscheinlich.
Quellen(14)
  1. 1What Germany's planned pension reform means for youThe Local Germany · thelocal.de
  2. 2Germany's leader pledges to reform a creaking pension system and says 'failure is not an option'Associated Press via ABC News · abcnews.com
  3. 3German Commission Proposes Retirement Age Hike, New Pension FundReuters via Global Banking & Finance Review · globalbankingandfinance.com
  4. 4Germany Bets on Sweden's Pension Model to Save Its OwnEuropean Business Magazine · europeanbusinessmagazine.com
  5. 5Merz vows to fully implement pension report proposing sweeping changedpa via A News · anews.com.tr
  6. 6How is Germany planning to reform its ailing pension system?IamExpat Germany · iamexpat.de
  7. 7Germany: Will pensions standoff bring Merz's government into question?Euronews · euronews.com
  8. 8Merz cabinetWikipedia · en.wikipedia.org
  9. 9Old-age dependency growing across EU regionsEurostat · ec.europa.eu
  10. 10Population structure and ageingEurostat · ec.europa.eu
  11. 11Luxembourg pension reforms to provide flexibilityInvestment & Pensions Europe (IPE) · ipe.com
  12. 12Pensions, health: new balances to be foundDelano · delano.lu
  13. 13Cross-border workers in Luxembourg: who are they and why are they important?Luxtoday.lu · luxtoday.lu
  14. 14Retirement age in France should be pushed back to 67 and six months, report urgesThe Connexion · connexionfrance.com

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