Waldzustand

Nur noch jeder fünfte Baum in Luxemburg gilt als gesund

Rund 80 Prozent der Bäume im Großherzogtum zeigen nach Dürrejahren, Hitzestress und Borkenkäferbefall sichtbare Schäden – und die Regierung rechnet mit einer weiteren Verschlechterung.

Von Léa Hoffmann · · 5 Min. Lesezeit

Klimageschädigter Misch­wald aus Buchen und Fichten im luxemburgischen Éislek mit lichten braunen Kronen, abgestorbenen Fichten und gefälltem Holz.
Ein klimagestresster Buchen-Fichten-Mischbestand im luxemburgischen Éislek mit gelichteten braunen Kronen, borkenkäferbedingt abgestorbenen Fichten und gefälltem Holz. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Um den Zustand des luxemburgischen Waldes ist es schlecht bestellt: Nur noch etwa jeder fünfte Baum gilt als gesund. Die jüngsten amtlichen Erhebungen kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass rund 80 Prozent aller Bäume im Großherzogtum sichtbare Schäden aufweisen – die Summe wiederkehrender Dürrejahre, sommerlicher Hitze und sich ausbreitender Borkenkäfer, die den Wald geschwächt und stellenweise absterben lassen.

Die Zahlen stammen aus zwei Quellen: dem jährlichen phytosanitären Inventar der Naturverwaltung (Administration de la nature et des forêts, ANF), die jeden Sommer die Kronen von Probebäumen begutachtet, sowie der dritten Nationalen Waldinventur (IFN3), die im November 2025 vorgestellt wurde. Beide zeichnen das Bild eines Waldes in der Krise. Nach mehr als fünf Jahren beschleunigten Rückgangs zählt nur noch eine Minderheit der Bäume zu den unbeschädigten – und die Regierung selbst macht kein Hehl daraus, dass sich die Lage voraussichtlich weiter zuspitzen wird.

Ein Wald unter Dauerstress

Die ANF stuft jeden untersuchten Baum danach ein, wie stark sich seine Krone gelichtet hat. Im Inventar des Sommers 2023 – 1.176 Bäume auf 51 Flächen, begutachtet zwischen dem 20. Juli und dem 15. August – fielen lediglich 14,5 Prozent in die Schadstufe 0, wiesen also keine sichtbaren Schäden auf. Mehr als die Hälfte, 55 Prozent, zeigte mäßige bis starke Schäden, 12,3 Prozent befanden sich im fortgeschrittenen Absterben oder waren bereits tot. Der Anteil unbeschädigter Bäume, der Mitte der 1980er-Jahre noch über 80 Prozent lag, ist über vier Jahrzehnte der Beobachtung förmlich eingebrochen.

Ein feuchterer Sommer 2024 brachte eine leichte Atempause und hob den Anteil unbeschädigter Bäume wieder in Richtung eines Fünftels. Doch die Fachleute betonen, wie brüchig diese Erholung ist: Etwa vier von fünf Bäumen tragen noch immer die Spuren der heißen, trockenen Jahre zwischen 2018 und 2022, und ein einziger dürrer Sommer kann das Erreichte wieder zunichtemachen.

Vier von fünf Bäumen zeigen Schäden. Die zahlreichen Dürren der vergangenen Jahre haben viele Bäume gezeichnet und ihre Vitalität wie ihre Widerstandskraft geschwächt.

Diese Einschätzung von Umweltminister Serge Wilmes erklärt, warum Forstleute zunehmend von einem Wald unter Dauerstress sprechen, statt auf einzelne schlechte Jahre zu reagieren. Vom Wassermangel geschwächte Bäume werden zur leichten Beute für Schädlinge und Krankheiten, die sie sonst mühelos abwehren würden.

Buche und Fichte trifft es am härtesten

Die Schäden verteilen sich nicht gleichmäßig. Ausgerechnet die Arten, die den luxemburgischen Wald prägen, gehören zu den am stärksten betroffenen:

  • Die Buche, der Leitbaum unter den heimischen Laubhölzern, hat sich dramatisch verschlechtert: Der Anteil abgestorbener Buchen hat sich zwischen 2019 und 2024 mehr als verdoppelt, von 7 auf 15 Prozent. In der Erhebung 2023 ließ sich erstmals keine einzige untersuchte Buche mehr der unbeschädigten Kategorie zuordnen.
  • Die Fichte, vielerorts als Nutzholz angepflanzt, ist durch den Buchdrucker verheert worden – jenen Borkenkäfer, dessen Massenvermehrungen von warmen, trockenen Bedingungen begünstigt werden. Rund 1.200 Hektar Fichte mussten im vergangenen Jahrzehnt gefällt werden, um Befallsherde einzudämmen.
  • Eichen und andere Laubbäume stehen ebenfalls unter Druck; nur etwa ein Zehntel wird als unbeschädigt eingestuft. Als besonders betroffen gelten Nadelhölzer, Eichen sowie die Heckenlandschaften des nördlichen Éislek.

Forstleute führen dieses Muster auf ein Bündel sich verstärkender Ursachen zurück: wiederkehrende Dürre und Hitze, die durch mildere Winter beförderte Borkenkäfervermehrung, schlecht angepasste Monokulturen, neu auftretende Krankheitserreger sowie einen Stickstoffüberschuss aus Verkehr und Landwirtschaft in den Waldböden. Nicht ein einzelner Faktor ist schuld – es ist ihr gleichzeitiges Auftreten, das die Bäume überfordert.

Vom Kohlenstoffspeicher zur Kohlenstoffquelle

Die umfassendere Waldinventur IFN3, gestützt auf 1.845 zwischen Januar 2023 und Juli 2024 erhobene Stichprobenpunkte, ordnet die Gesundheitsdaten in einen längeren Bogen ein. Luxemburgs Wälder bedecken rund 92.250 Hektar, etwa 35 Prozent des Staatsgebiets, nahezu je zur Hälfte in öffentlichem und privatem Besitz. Laubbäume machen inzwischen 75 Prozent des Waldes aus, gegenüber 66 Prozent im Jahr 2010 – geschädigte Nadelholzbestände werden gerodet und ersetzt.

Zugleich wächst der Wald weit langsamer als früher. Der Holzzuwachs zwischen 2010 und 2023 ist gegenüber dem Vorjahrzehnt deutlich zurückgegangen – um 21 Prozent bei Laubholzbeständen und um 32 Prozent bei Nadelholz –, während sich die Kahlschlagfläche bei der Fichte von 850 auf 2.050 Hektar mehr als verdoppelt hat. Der auffälligste Befund: Im selben Zeitraum kippte Luxemburgs Wald von einer Kohlenstoffsenke zu einer Netto-Quelle von CO2, weil Klimaschäden und schädlingsbedingte Einschläge mehr Kohlenstoff freisetzten, als die Bäume aufnahmen. Die Totholzmenge, ein Gradmesser absterbender Bestände, stieg von 6 auf 27 Kubikmeter je Hektar.

Ein europaweites Problem – und Luxemburgs Antwort

Luxemburg steht damit nicht allein. In ganz Mitteleuropa zeigen klimagestresste Wälder dieselben Symptome: Auch die bundesweite Waldzustandserhebung in Deutschland kommt darauf, dass nur etwa jeder fünfte Baum vollständig gesund ist, und stellt für 2025 keine Erholung fest – als Ursachen gelten wiederum Dürre, Hitze und Borkenkäfer. Der Rückgang im Großherzogtum ist die lokale Ausprägung eines kontinentalen Trends.

Die Antwort der Regierung heißt Anpassung. 2024 wurden rund 340 Hektar wiederaufgeforstet, und die staatlichen Aufforstungsbeihilfen sind von etwa 254.000 Euro im Jahr 2015 auf rund 1,5 Millionen Euro gestiegen – die Förderung fließt gezielt in vielfältige, klimarobuste Arten statt in die anfälligen Monokulturen der Vergangenheit. Ein im August 2023 verabschiedetes neues Waldgesetz und eine Beihilferegelung für Ökosystemleistungen sollen private Eigentümer, denen die Hälfte des Waldes gehört, zum Umbau geschädigter Bestände bewegen. Ein nationales Waldprogramm ist in Vorbereitung.

Die Verantwortlichen verstehen das Vorhaben als langfristige Rettung eines Gemeinguts, nicht als schnelle Lösung. Bei der Vorstellung der Waldinventur erklärte Wilmes, die Herausforderungen seien beträchtlich, doch könne Luxemburg durch eine gemeinsame Kraftanstrengung seine Wälder für kommende Generationen bewahren und ihre Rolle für Biodiversität, Klimaschutz und die nachhaltige Nutzung der Ressource Holz sichern. Seine Vorgängerin Joëlle Welfring hatte es 2023 beim Erscheinen der Zahlen drastischer formuliert: „Eise Bësch brauch eis Hëllef“ – unser Wald braucht unsere Hilfe – „virun allem an Zäite vum Klimawandel“, vor allem in Zeiten des Klimawandels.

Häufig gefragt

Wie viele Bäume in Luxemburg sind noch gesund?
Nach den jüngsten amtlichen Erhebungen ist nur etwa jeder fünfte Baum unbeschädigt. Rund 80 Prozent zeigen sichtbare Schäden. Ein feuchterer Sommer 2024 brachte eine leichte, aber brüchige Verbesserung gegenüber 2023.
Welche Baumarten sind am stärksten betroffen?
Buche und Fichte trifft es am härtesten. Bei der Buche verdoppelte sich der Anteil abgestorbener Bäume zwischen 2019 und 2024 von 7 auf 15 Prozent; bei der Fichte mussten wegen Borkenkäferbefalls rund 1.200 Hektar gefällt werden. Auch Eichen und die Hecken des Éislek sind stark geschädigt.
Warum ist Luxemburgs Wald zur CO2-Quelle geworden?
Zwischen 2010 und 2023 setzten Klimaschäden und schädlingsbedingte Holzeinschläge mehr Kohlenstoff frei, als die Bäume aufnehmen konnten. Damit kippte der Wald von einer Kohlenstoffsenke zu einer Netto-Quelle von CO2; die Totholzmenge stieg von 6 auf 27 Kubikmeter je Hektar.
Was unternimmt die Regierung gegen die Waldschäden?
2024 wurden rund 340 Hektar wiederaufgeforstet, die Aufforstungsbeihilfen stiegen auf etwa 1,5 Millionen Euro. Ein neues Waldgesetz (August 2023) und eine Förderung für Ökosystemleistungen sollen den Umbau hin zu vielfältigen, klimarobusten Arten voranbringen; ein nationales Waldprogramm ist in Vorbereitung.
Quellen(8)
  1. 1Eighty percent of Luxembourg's trees show signs of damageDelano · delano.lu
  2. 2Pression climatique: les forêts luxembourgeoises continuent de mourir à petit feu (80% des arbres endommagés)L'essentiel · lessentiel.lu
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