Medienfreiheit

Trotz Spitzenplatz: Verleger Koedinger warnt vor Sorglosigkeit bei der Pressefreiheit

Mike Koedinger, Kopf hinter Paperjam und Delano, hat in Luxemburg eine Stiftung für Medienintegrität gegründet — gerade weil das Land in den Ranglisten ganz oben steht.

Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Zeitungsständer in Luxemburg mit gefalteten gedruckten Tageszeitungen, deren Titelköpfe unkenntlich bleiben
Ein Luxemburger Zeitungsständer mit gefalteten Tageszeitungen steht sinnbildlich für den kleinen, stark konzentrierten Pressemarkt des Landes. Illustratives, KI-generiertes Bild; Titelköpfe bewusst unkenntlich. Illustration: KI-generiert — Status

In den großen Ranglisten zur Pressefreiheit gehört Luxemburg seit Jahren zur Spitzengruppe. Genau darin liegt für einen der bekanntesten Verleger des Großherzogtums die Gefahr: Wer sich auf gute Platzierungen verlässt, übersieht, wie schnell sich das Fundament verschieben kann.

Am 25. Juni hat Mike Koedinger — Gründer und Geschäftsführer des unabhängigen Medienhauses Maison Moderne, das die Wirtschaftstitel Paperjam und Delano herausgibt — im Mudam, dem Museum für moderne Kunst auf dem Kirchberg-Plateau, offiziell die Mike Koedinger Foundation vorgestellt. Er versteht sie ausdrücklich als Verteidigungslinie in einer Zeit, in der nach seiner Überzeugung verlässliche Information und demokratische Debatte selbst in einer stabilen, wohlhabenden Demokratie nicht mehr garantiert sind.

Die Gründung der Mike Koedinger Foundation ist ein Akt des Widerstands und des bürgerschaftlichen Engagements in einer Zeit, in der Medienintegrität, unabhängiges Denken und demokratischer Dialog unter wachsenden Druck geraten.

So begründete Koedinger den Schritt. Die in Luxemburg ansässige Stiftung, die unter dem Leitsatz „Safeguarding Media Integrity. Strengthening Democratic Resilience“ europa- und weltweit arbeiten will, beruht auf einer Annahme, die ihr Gründer knapp zusammenfasste: Eine gesunde Demokratie setze glaubwürdige Information, kritisches Denken und unabhängigen Journalismus voraus. Geleitet wird das Vorhaben von einem internationalen Beirat; als erstes Projekt kündigte die Stiftung ein illustriertes Wörterbuch zu Macht, Medien und Demokratie an, aus dem über zwölf bis 36 Monate spielerische Lerninhalte entstehen sollen.

Die Schwerpunkte der neuen Stiftung

Inhaltlich will sich die Foundation auf mehrere Felder konzentrieren:

  • Medienkompetenz — Bürgerinnen und Bürger sollen Information besser einordnen können;
  • Unabhängiger Journalismus — Förderung unternehmerisch geführter, redaktionell freier Medien;
  • Demokratische Werte — Abwehr von Desinformation, Populismus, Klimaleugnung und der Macht digitaler Plattformen.

Koedinger bringt dafür Gewicht mit: Er ist seit 2023 Präsident des europäischen Zeitschriftenverbands EMMA und Mitglied des Luxemburger Presserats.

Gute Zahlen, brüchiges Fundament

Die Mahnung trifft auf ein Paradox. In Zahlen ist Luxemburg eine Erfolgsgeschichte der Pressefreiheit. Im Index von Reporter ohne Grenzen (RSF) kletterte das Land von Platz 20 im Jahr 2023 über Rang 11 (2024) auf Platz 9 im Jahr 2026, mit einem Wert von 84,14 — deutlich im Bereich, den RSF als „gut“ einstuft, hinter dem Dauerspitzenreiter Norwegen.

Doch die Kurve zeigt nicht überall nach oben. RSF selbst warnt seit zwei Jahren, dass die Grundlagen erodieren: Der Index 2025 nannte wirtschaftliche Fragilität als eine der größten Bedrohungen der Pressefreiheit; die Ausgabe 2026 erklärte die globale Pressefreiheit auf einem 25-Jahres-Tief, mit dem Wirtschaftsindikator auf dem schlechtesten Stand seit Beginn der Erhebung und der weltweiten Lage erstmals als „schwierig“ bewertet. Selbst Luxemburg, dessen Gesamtwert sich verbesserte, rutschte beim Teilindikator zur Sicherheit von Platz eins auf Rang drei — ein Hinweis darauf, dass starke Gesamtplatzierungen weicher werdenden Boden verdecken können.

Ein kleiner Markt in wenigen Händen

Schwerer zu entkräften ist das strukturelle Argument. Luxemburg hat einen der am stärksten konzentrierten Medienmärkte Europas — eine direkte Folge seiner geringen Größe. Drei Gruppen prägen die Landschaft: RTL, der wichtigste Rundfunkanbieter, letztlich kontrolliert vom deutschen Bertelsmann-Konzern; Mediahuis Luxembourg, das die lange dominierende Saint-Paul-Gruppe übernommen hat und das Luxemburger Wort herausgibt; sowie Editpress, hinter Tageblatt, Le Quotidien und der Gratiszeitung L'essentiel.

Nach dem Euromedia Ownership Monitor gehört Luxemburg zudem zu den wenigen EU-Staaten ohne nationales Fusionskontrollrecht, das eine medienübergreifende Konzentration begrenzen würde. Das Centre for Media Pluralism and Media Freedom bewertet den Medienpluralismus des Landes als „mittleres Risiko“.

Getragen wird die Vielfalt im Print vor allem durch eines der großzügigsten öffentlichen Fördersysteme Europas. Nach von der Europäischen Kommission genehmigten Regeln erhalten anspruchsberechtigte Medien jährlich eine Grundförderung von 200.000 Euro plus 30.000 Euro je akkreditiertem Journalisten. 2024 entfielen auf die Titel von Editpress rund 4,4 Millionen Euro — mehr als 40 Prozent der gesamten Pressehilfe — und auf Mediahuis Luxembourg etwa 2,5 Millionen Euro. Dieses Geld hält Titel am Leben, bindet die plurale Presse aber zugleich an öffentliche Mittel und politisches Wohlwollen — eine Abhängigkeit, die den Sektor angreifbar mache, wenn Budgets schrumpfen oder sich die Politik dreht.

Noch keine Krise — und genau das ist der Punkt

Auf den Vortrag Koedingers folgte ein Gespräch zwischen Dr. Ayala Panievsky, Medienforscherin und Autorin von The New Censorship: How the War on the Media Is Taking Us Down, und der erfahrenen RTL-Journalistin Caroline Mart. Panievsky argumentierte, moderne Zensur trete selten offen auf; sie wirke über koordinierte Anfeindungen im Netz, missbräuchliche Klagen und Staatspropaganda im Gewand des Journalismus. „Es kann keine Demokratie geben ohne einen gemeinsamen Bestand an Fakten, über die wir dann streiten können“, sagte sie dem Publikum.

Auf die Frage, welche Länder noch günstige Bedingungen für Journalismus böten, nannte Panievsky Luxemburg „bislang“ als ihre erste Wahl — verbunden mit der Warnung vor Selbstzufriedenheit und dem Appell, Institutionen und Schutzmechanismen zu stärken, bevor eine Krise eintritt, nicht erst danach.

Darin liegt das unbequeme Timing von Koedingers Initiative. Luxemburg ist nicht Ungarn oder die Slowakei: Reporterinnen und Reporter arbeiten ohne Furcht vor Haft oder Gewalt, haben guten Zugang zu Amtsträgern und genießen den verfassungsrechtlichen Schutz der Pressefreiheit. Spannungen gab es während der Pandemie — Anfang 2022 verurteilte die Vereinigung der Berufsjournalisten verbale Angriffe auf Fotografen und Morddrohungen über Telegram. Die Regierung sagte stärkere Pressehilfe, besseren Informationszugang und Schutz vor sogenannten SLAPP-Klagen zu; im Juni 2026 fand eine Konferenz zur Sicherheit von Journalisten statt. Die Wette hinter der neuen Stiftung lautet: Der richtige Moment, diese Bedingungen zu verteidigen, ist genau jener, in dem sie noch gelten — und ein Land an der Spitze der Ranglisten hat am meisten zu verlieren, wenn es annimmt, dort für immer zu bleiben.

Häufig gefragt

Was ist die Mike Koedinger Foundation?
Eine am 25. Juni 2026 am Mudam in Luxemburg gegründete Stiftung mit dem Leitsatz „Safeguarding Media Integrity. Strengthening Democratic Resilience“. Sie hat Sitz in Luxemburg, arbeitet europa- und weltweit und konzentriert sich auf Medienkompetenz, die Förderung unabhängigen Journalismus sowie die Abwehr von Desinformation, Populismus, Klimaleugnung und Plattformmacht. Geleitet wird sie von einem internationalen Beirat.
Wie schneidet Luxemburg beim Pressefreiheits-Index ab?
Im Index von Reporter ohne Grenzen stieg Luxemburg von Platz 20 (2023) über Rang 11 (2024) auf Platz 9 im Jahr 2026 mit einem Wert von 84,14 — hinter Norwegen. Allerdings fiel das Land beim Teilindikator zur Sicherheit von Platz eins auf Rang drei.
Warum gilt der Luxemburger Medienmarkt als stark konzentriert?
Wegen der geringen Größe des Landes dominieren drei Gruppen: RTL (letztlich Bertelsmann), Mediahuis Luxembourg (Luxemburger Wort) und Editpress (Tageblatt, Le Quotidien, L'essentiel). Luxemburg hat zudem kein nationales Fusionskontrollrecht für Medien, und die Vielfalt hängt stark an öffentlicher Förderung.
Quellen(13)
  1. 1Mike Koedinger lance une fondation pour l'intégrité des médiasPaperjam · paperjam.lu
  2. 2Quand le journalisme se réduit au silence: le Dr Ayala Panievsky s'exprime sur la nouvelle censure (foundation launch coverage)Paperjam · paperjam.lu
  3. 3Mike Koedinger lance sa fondation pour l'intégrité des médiasadada.lu · adada.lu
  4. 4Mike Koedinger Foundation — Safeguarding Media Integrity. Strengthening Democratic Resilience.Mike Koedinger Foundation · mikekoedinger.com
  5. 5RSF World Press Freedom Index 2025: economic fragility a leading threat to press freedomReporters Without Borders (RSF) · rsf.org
  6. 62026 RSF Index: press freedom at a 25-year lowReporters Without Borders (RSF) · rsf.org
  7. 7World Press Freedom Index (rankings tables, incl. Luxembourg 2023-2026)Wikipedia · en.wikipedia.org
  8. 8Why Press Freedom Still Matters - in Luxembourg and BeyondChronicle.lu · chronicle.lu
  9. 9Luxembourg — Country reportEuromedia Ownership Monitor · media-ownership.eu
  10. 10Luxembourg — Media Pluralism MonitorCentre for Media Pluralism and Media Freedom (EUI) · cmpf.eui.eu
  11. 11In the name of media pluralismDelano · delano.lu
  12. 12Mike Koedinger named president of European Magazine Media AssociationPaperjam (English) · en.paperjam.lu
  13. 13EU approves €102.8m Lux press subsidy schemeDelano · delano.lu

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