Digitale Souveränität
Paris verabschiedet sich von Palantir — und stellt Europas digitale Souveränität auf die Probe
Der französische Inlandsgeheimdienst DGSI ersetzt die US-Software Palantir durch ChapsVision. Der Schritt hallt bis nach Luxemburg nach, wo POST einen EU-Auftrag für souveräne Cloud-Dienste gewann.
Von Marc Weber · · 4 Min. Lesezeit

Wer kontrolliert die Werkzeuge des Sicherheitsstaates? Frankreich beantwortet diese Frage gerade neu. Der französische Inlandsgeheimdienst bereitet sich darauf vor, die amerikanische Analysesoftware, auf die er sich seit fast einem Jahrzehnt stützt, durch eine eigene Lösung zu ersetzen — und macht damit aus der abstrakten europäischen Souveränitätsdebatte eine sehr konkrete Entscheidung.
Premierminister Sébastien Lecornu gab am 16. Juni bekannt, dass die Direction générale de la sécurité intérieure (DGSI) das französische Unternehmen ChapsVision ausgewählt hat. Es soll künftig die großflächige Datenauswertung übernehmen, die bislang bei Palantir Technologies liegt — jenem US-Konzern, den der Milliardär Peter Thiel mitbegründet hat. Lecornu, der die Entscheidung in einem Video über Investitionen in künstliche Intelligenz mitteilte, deutete sie als Frage der strategischen Unabhängigkeit.
"Wir können keine neuen strategischen Abhängigkeiten im digitalen Bereich akzeptieren", sagte Lecornu. Frankreich wolle "echte Autonomie aufbauen" und sich nicht darauf verlassen müssen, dass Partner wohlwollend bleiben, die "den Zugang zur KI jederzeit abdrehen" könnten.
Was sich ändert — und in welchem Tempo
Zur Plattform Gotham von Palantir griff die DGSI erstmals 2016, in den Monaten nach den Pariser Anschlägen vom 13. November 2015. Die Dienste sahen sich damals mit einer Flut auszuwertender Daten konfrontiert, und kaum ein europäisches Werkzeug war der Aufgabe gewachsen. Der Vertrag wurde 2019 und 2022 verlängert, im Dezember 2025 schließlich um weitere drei Jahre — ein Abschluss, den Lecornus Kabinett heute als Überbrückung bezeichnet, "bis ein neues souveränes Werkzeug einsatzbereit ist". Künftig soll ArgonOS übernehmen, ein KI-gestütztes System von ChapsVision, das heterogene Datenbestände zusammenführt.
Palantir widersprach. In einer Mitteilung an die Nachrichtenagentur AFP erklärte das Unternehmen, sein langfristiger Vertrag mit der DGSI, Ende 2025 erneuert, "bleibt vollumfänglich in Kraft". Lecornus Büro stellte klar, dass Palantirs Werkzeuge so lange weiterlaufen, bis ArgonOS integriert ist — um eine Fähigkeitslücke zu vermeiden. Der Übergang dürfte ein bis drei Jahre dauern. ChapsVision, 2019 von Olivier Dellenbach gegründet, hatte bereits 2024 einen Auftrag der DGSI zur Verarbeitung heterogener Daten erhalten.
- Behörde: die DGSI, Frankreichs Inlandsgeheimdienst
- Bisher: Palantirs Plattform Gotham, im Einsatz seit 2016
- Künftig: ArgonOS von ChapsVision
- Zeithorizont: ein gestaffelter Übergang von ein bis drei Jahren
Ein Muster zeigt sich in ganz Europa
Frankreich steht damit nicht allein. Mitte Mai entschied sich auch das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) für dieselbe ChapsVision-Plattform und gegen Palantir; Bedingung war ein "souveränes", abgeschottetes Umfeld ohne externen Zugriff. In Großbritannien überprüft die Regierung einen 330 Millionen Pfund schweren Datenvertrag mit Palantir für den Gesundheitsdienst NHS, während der Londoner Bürgermeister einen Polizeivertrag über rund 50 Millionen Pfund blockierte. Hinter dem Unbehagen steht das politische Klima in Washington: Europäische Vertreter verweisen auf die Unberechenbarkeit der Regierung von Präsident Donald Trump und auf jüngste US-Vorstöße, ausländischen Zugang zu fortgeschrittener KI einzuschränken.
Warum das bis nach Luxemburg reicht
Der Umbruch bei den Geheimdiensten fällt in eine Zeit, in der die EU ihren öffentlichen Sektor breiter von US-Technologie lösen will — und daran hat Luxemburg als Drehscheibe für grenzüberschreitende Dateninfrastruktur ein unmittelbares Interesse. Am 17. April vergab die Europäische Kommission einen auf sechs Jahre angelegten Rahmenvertrag über 180 Millionen Euro für souveräne Cloud-Dienste an vier europäische Anbieter — die erste Ausschreibung dieser Art, die ausdrücklich nach Souveränitätskriterien bewertet wurde. Unter den Gewinnern: Post Telecom, der luxemburgische Staatsbetreiber, der über seine Einheit Deep by POST gemeinsam mit den französischen Anbietern OVHcloud und Clever Cloud antrat.
Bewertet wurde nach dem Cloud Sovereignty Framework der Kommission, im Oktober 2025 veröffentlicht, das Anbieter auf sogenannten SEAL-Stufen von null bis vier einordnet. Mindestens SEAL-2 war Pflicht, die meisten Bieter erreichten SEAL-3; POST wurde auf Stufe drei klassifiziert. Henna Virkkunen, geschäftsführende Vizepräsidentin der Kommission für technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie, versteht das Vorhaben als Stärkung der digitalen Autonomie Europas — ohne sich vom Rest der Welt abzuschotten.
Für Luxemburg, wo Rechenzentren und das Hosting für den Finanzsektor tragende Säulen der Wirtschaft sind, bestätigt der Zuschlag jahrelange Investitionen.
"Es ist wirklich wichtig, denn es erweckt die strategische Allianz zum Leben, die wir im vergangenen Jahr geschlossen haben, und macht sie zur Realität", sagte Sébastien Genesca, Direktor von Deep by POST.
Ob das Modell Schule macht, bleibt die offene Frage. Der Wechsel der DGSI ist vorerst ebenso sehr Signal wie vollzogene Migration: Palantirs Software läuft weiter, während französische Ingenieure beweisen müssen, dass ArgonOS mithalten kann. Die Richtung aber ist unverkennbar. Gelingt es Europas Sicherheitsdiensten, sich ohne Fähigkeitsverlust von US-Software zu lösen, wird dieselbe Logik — und derselbe politische Druck — auf die Cloud- und Dateninfrastruktur durchschlagen, die Länder wie Luxemburg betreiben. Die Ablösung von Palantir ist zu einem frühen Test geworden, ob Europas strategische Autonomie bei kritischer Software eine Parole ist oder ein Plan.
Häufig gefragt
- Warum ersetzt Frankreich Palantir durch ChapsVision?
- Premierminister Sébastien Lecornu begründet den Wechsel mit strategischer Unabhängigkeit: Frankreich wolle keine neuen Abhängigkeiten im digitalen Bereich akzeptieren und nicht riskieren, dass Partner den Zugang zu KI-Technologie einschränken. Hintergrund sind auch US-Beschränkungen für den ausländischen Zugang zu fortgeschrittener KI.
- Wie lange dauert der Übergang von Palantir zu ArgonOS?
- Der Wechsel erfolgt gestaffelt, um eine Fähigkeitslücke zu vermeiden. Palantirs Werkzeuge bleiben im Einsatz, bis ArgonOS von ChapsVision vollständig integriert ist. Erwartet wird ein Zeitraum von einem bis drei Jahren.
- Was hat die Entscheidung mit Luxemburg zu tun?
- Sie fällt in eine breitere EU-Initiative für technologische Souveränität. Im April gewann Luxemburgs Post Telecom über Deep by POST einen Anteil an einem EU-Rahmenvertrag über 180 Millionen Euro für souveräne Cloud-Dienste — ein Auftrag, der für die luxemburgische Datenwirtschaft von strategischer Bedeutung ist.
Quellen(9)
- 1French spy service drops Palantir in favour of French company, says LecornuEuronews · euronews.com
- 2Renseignement et IA : la DGSI rompt son contrat avec Palantir pour la pépite française ChapsVision, annonce LecornuBoursorama (AFP) · boursorama.com
- 3ChapsVision to replace Palantir in major contract with French intelligence agencySifted · sifted.eu
- 4La DGSI remplacera l'américain Palantir par le français ChapsVisionL'Informaticien · linformaticien.com
- 5German intelligence agency says "no" to Palantir, picks French software insteadCybernews · cybernews.com
- 6German Intelligence Agency Selects French Software ChapsVision for Data Analysis Over American PalantirMilitarnyi · militarnyi.com
- 7Commission advances cloud sovereignty through strategic procurementEuropean Commission · commission.europa.eu
- 8Sovereign cloud: EU backs strategy by Post and LuxembourgDelano · delano.lu
- 9EU Commission Awards €180M Cloud Contract to European ProvidersGlobal Banking & Finance Review · globalbankingandfinance.com
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