Attributionsforschung
Klimaforscher: Europas Rekordhitze wäre ohne fossile Energie undenkbar gewesen
Eine Schnellanalyse der World Weather Attribution beziffert den menschengemachten Anteil an der Juni-Hitze auf bis zu 3,5 Grad – in jeder untersuchten Luxemburger Stadt fiel ein Hitzestress-Rekord.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Als das Findel-Thermometer am 25. Juni auf 36,3 Grad kletterte und das ganze Land über den Nationalfeiertag hinweg unter der roten Warnstufe stand, fühlte sich das für viele wie eine besonders bösartige Laune des Sommers an. Eine am 26. Juni veröffentlichte Schnellanalyse internationaler Klimaforscher kommt jedoch zu einem nüchterneren Schluss: Die Hitzewelle, die Westeuropa Ende Juni erfasst hat, wäre ohne den menschengemachten Klimawandel "praktisch unmöglich" gewesen.
Die Untersuchung des Forschungsnetzwerks World Weather Attribution (WWA), das am Grantham Institute des Imperial College London angesiedelt ist, bezeichnet die gegenwärtige Hitze als die schwerste und großflächigste, die jemals auf dem Kontinent verzeichnet wurde. Für den Zeitraum vom 18. bis 29. Juni und mit Blick auf Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Südengland errechneten die Wissenschaftler, dass die Tagestemperaturen rund 3,5 Grad höher lagen als bei einer identischen Wetterlage vor etwa 50 Jahren – und etwa 2 Grad höher als 2003. Auch die Nächte, in denen sich der Körper nicht erholen kann, waren mit rund 2,4 Grad über dem Wert von 1976 und 1,3 Grad über 2003 deutlich wärmer.
Die heißesten Tage Europas erwärmen sich der Studie zufolge inzwischen etwa dreimal so schnell wie der globale Durchschnitt, die Nächte ungefähr doppelt so schnell. Die Wetterlage selbst, die über dem Kontinent festhängt, ist demnach nichts Außergewöhnliches – die Temperaturen, die sie heute hervorbringt, sehr wohl.
"Dieses Ereignis wäre im Juni ohne den Klimawandel nicht möglich gewesen", sagte Theodore Keeping, Forscher am Imperial College London und Hauptautor der Analyse.
Vom Ausnahmefall zum Wahrscheinlichkeitsfall
Die Zahlen zeichnen das Bild eines rasant steigenden Risikos. Hitze dieser Intensität ist heute "zehn- bis hundertmal wahrscheinlicher" als noch vor einer Generation, schreibt das Team, und wäre vor 50 Jahren praktisch unmöglich gewesen. Nächtliche Extremwerte treten rund 100-mal häufiger auf als während der tödlichen Hitzewelle von 2003, die Tagesspitzen sind etwa zehnmal wahrscheinlicher geworden.
Um die Belastung für den menschlichen Körper zu messen, werteten die Forscher die sogenannte Feuchtkugeltemperatur aus – einen Hitzestress-Index, der Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind und direkte Sonneneinstrahlung kombiniert. Untersucht wurden 854 Städte in 30 europäischen Ländern. Rund 45 Prozent hatten seit dem 18. Juni ihren bisherigen Juni-Rekord beim Hitzestress gebrochen oder waren auf dem Weg dorthin. In drei Ländern war der Befund vollständig: In Tschechien, Litauen und Luxemburg erreichte jede einzelne untersuchte Stadt nie dagewesene Werte.
Friederike Otto, Klimaforscherin am Imperial College London und Mitbegründerin der WWA, fasste das Ergebnis unmissverständlich zusammen: "Die Wetterlage an sich ist nicht besonders ungewöhnlich, die Temperaturen aber schon – oder waren es zumindest, bevor der Mensch das Klima veränderte." Bei rund 1,4 Grad globaler Erwärmung über dem vorindustriellen Niveau nähere sich die Extremhitze rasch den Grenzen dessen, worauf europäische Gesellschaften ausgelegt seien.
Rote Warnung am Nationalfeiertag
Für Luxemburg blieb die Attributionsforschung keine Abstraktion, sondern wurde zur gelebten Erfahrung. Der nationale Wetterdienst MeteoLux stellte das gesamte Land ab Montagmittag, dem 22. Juni, unter die rote Hitzewarnung – die höchste Stufe der Skala – und verlängerte sie später bis zum Wochenende. Die Meteorologen erwarteten Höchstwerte von 36 bis 38 Grad im Süden, örtlich bis zu 40 Grad, bei kaum Abkühlung in der Nacht und ohne nennenswerten Regen.
Die Warnung fiel mitten auf den Nationalfeiertag am 23. Juni, sonst ein Tag der Feiern unter freiem Himmel. Zwei Tage später registrierte die Station Findel mit 36,3 Grad den heißesten Junitag, der im Großherzogtum seit Beginn der Aufzeichnungen 1947 gemessen wurde – und übertraf damit den bisherigen Juni-Höchstwert aus dem Jahr 2017. Gemeinsam mit dem Vereinigten Königreich, Deutschland, Frankreich, Spanien und der Schweiz zählte Luxemburg zu den Ländern mit Warnungen der höchsten Stufe, während kontinentweit Rekorde fielen.
Die Behörden riefen die Bevölkerung dazu auf, mindestens 1,5 Liter Wasser pro Tag zu trinken, sich zwischen 11 und 21 Uhr nicht in der Sonne aufzuhalten, die Wohnung kühl zu halten, auf Alkohol zu verzichten und nach gefährdeten Menschen zu sehen. Zu den offiziellen Empfehlungen zählten insbesondere:
- mindestens 1,5 Liter Wasser täglich trinken;
- den Aufenthalt im Freien zwischen 11 und 21 Uhr meiden;
- Wohnräume kühl halten und Alkohol meiden;
- nach Älteren, allein Lebenden und Kleinkindern sehen.
Eine Bilanz, die sich aufsummiert
Diese Warnungen ruhen auf einer bedrückenden jüngeren Bilanz. Das WWA-Team verweist allein für die erste Juni-Hitzewelle 2026 auf rund 2.300 Todesfälle in zwölf europäischen Städten. Weiter zurückblickend starben in Europa im Sommer 2022 schätzungsweise mehr als 60.000 Menschen an den Folgen der Hitze, im darauffolgenden Jahr über 47.000. Damit zählt Extremhitze zu den tödlichsten Naturgefahren des Kontinents – auch wenn sie im Vergleich zu Überschwemmungen oder Stürmen weitgehend unsichtbar bleibt.
Fachleute aus dem Gesundheitswesen betonen, dass zwar das Bewusstsein gewachsen sei, der Schutz aber nicht Schritt gehalten habe. "Die Menschen in Europa sind sich der Hitzerisiken weit stärker bewusst als früher, doch Bewusstsein allein genügt nicht", sagte Carolina Pereira Marghidan, Expertin für Hitze und Gesundheit beim Klimazentrum der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung.
Die Wissenschaftler benennen die Lehre offen: Jedes Zehntelgrad Erwärmung, getrieben ganz überwiegend durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas, verschiebt die Wahrscheinlichkeit weiter hin zu Hitzewellen, die im Juni einst undenkbar waren. Für Luxemburg und seine Nachbarn in der Großregion, so legt die Analyse nahe, ist die soeben durchlittene Woche keine Ausnahme zum Vergessen, sondern ein Vorgeschmack auf künftige Sommer – sofern die Emissionen nicht sinken.
Häufig gefragt
- Warum wäre die Hitzewelle ohne Klimawandel unmöglich gewesen?
- Laut der Schnellanalyse der World Weather Attribution ist nicht die Wetterlage ungewöhnlich, sondern die Temperaturen, die sie hervorbringt. Durch die rund 1,4 Grad globale Erwärmung waren die Tage etwa 3,5 Grad heißer als vor 50 Jahren – Hitze dieser Intensität ist heute zehn- bis hundertmal wahrscheinlicher und vor einer Generation praktisch unmöglich gewesen.
- Welchen Rekord verzeichnete Luxemburg?
- Die Station Findel registrierte am 25. Juni 2026 mit 36,3 Grad den heißesten Junitag seit Beginn der Aufzeichnungen 1947 und übertraf damit den bisherigen Juni-Höchstwert von 2017. Zudem erreichte jede in Luxemburg untersuchte Stadt einen nie dagewesenen Hitzestress-Wert.
- Wie sollten sich gefährdete Menschen bei der Hitze schützen?
- Die Behörden empfehlen, täglich mindestens 1,5 Liter Wasser zu trinken, sich zwischen 11 und 21 Uhr nicht in der Sonne aufzuhalten, die Wohnung kühl zu halten, auf Alkohol zu verzichten und regelmäßig nach Älteren, allein Lebenden und Kleinkindern zu sehen.
Quellen(12)
- 1Fossil fuel emissions have rapidly worsened European heatwaves in just a few decadesWorld Weather Attribution · worldweatherattribution.org
- 2Heatwave in Europe is the most severe ever recorded - studyRTÉ · rte.ie
- 3Climate change the culprit for Europe's 'most severe' heatwave: ReportAl Jazeera · aljazeera.com
- 4Europe's record-shattering heat wave would have been 'virtually impossible' just a few decades agoCNN · cnn.com
- 5Europe's record heatwave: does the continent have a new climate?Nature · nature.com
- 6Media reaction: How climate change intensified Europe's record-breaking June heatCarbon Brief · carbonbrief.org
- 7Ongoing European Heatwave 'Virtually Impossible' 50 Years AgoEarth.org · earth.org
- 8Red alert: Exceptional heatwave until the end of the weekThe Luxembourg Government (gouvernement.lu) · gouvernement.lu
- 9Red Weather Alert: Heatwave Pushes Temperatures to 38°CChronicle.lu · chronicle.lu
- 10Unprecedented June heat grips Europe this weekYale Climate Connections · yaleclimateconnections.org
- 11Luxembourg Record High and Low Temperature Map and ListPlantmaps · plantmaps.com
- 12Records fall as extreme heat grips EuropeWorld Meteorological Organization · wmo.int
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