EU-Kartellrecht
Brüssel nimmt Sanofi wegen Grippeimpfstoffen ins Visier
Die EU-Kommission prüft, ob der französische Pharmakonzern seine Marktmacht bei Grippeimpfstoffen missbraucht hat, indem er Konkurrenzpräparate schlechtredete – auch für Luxemburg relevant.
Von Marc Weber · · 4 Min. Lesezeit

BRÜSSEL — Die Wettbewerbshüter der Europäischen Union haben ein Kartellverfahren gegen Sanofi eingeleitet. Geprüft wird, ob der französische Pharmakonzern seine starke Stellung auf dem Markt für saisonale Grippeimpfstoffe missbraucht hat, indem er irreführende Behauptungen über konkurrierende Präparate verbreitete.
Öffentlich wurde der Vorgang am 30. September 2025, als die Europäische Kommission mitteilte, sie habe unangekündigte Nachprüfungen – sogenannte Dawn Raids – in den Räumlichkeiten eines nicht namentlich genannten Unternehmens aus dem Impfstoffsektor durchgeführt. Sanofi bestätigte noch am selben Tag, gemeint zu sein: Vertreter der Kommission hätten tags zuvor, am 29. September, Standorte des Konzerns in Frankreich und Deutschland aufgesucht, „im Zusammenhang mit einer Untersuchung von Verhaltensweisen im Bereich der saisonalen Grippeimpfstoffe". Begleitet wurden die Beamten von Vertretern der nationalen Wettbewerbsbehörden.
Worauf der Verdacht der Kommission zielt
In ihrer Mitteilung erklärte die Kommission, sie habe Bedenken, das nachgeprüfte Unternehmen könnte gegen das EU-Verbot des Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung verstoßen haben – verankert in Artikel 102 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union. Konkret nehme die Behörde Verhaltensweisen in den Blick, die auf eine wettbewerbswidrige Schlechtmachung hinauslaufen könnten.
Gemeint ist damit, dass ein Unternehmen Wettbewerber mit falschen oder unbelegten Behauptungen über deren Produkte oder deren Ruf angreift – etwa, indem es Zweifel an der Sicherheit oder Wirksamkeit eines bereits von den Gesundheitsbehörden zugelassenen Konkurrenzimpfstoffs sät. Setzt ein marktbeherrschendes Unternehmen solche Mittel ein, um Konkurrenten zu verdrängen, wertet das EU-Recht dies als Missbrauch – und nicht als gewöhnliches Marketing.
„Die Kommission hat Bedenken, dass das nachgeprüfte Unternehmen gegen die EU-Wettbewerbsregeln verstoßen haben könnte, die den Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung verbieten. Insbesondere untersucht die Kommission mögliche Verdrängungspraktiken, die einer wettbewerbswidrigen Schlechtmachung gleichkommen könnten."
Zugleich betonte die Behörde, die Nachprüfungen seien lediglich ein erster Schritt. „Die Tatsache, dass die Kommission solche Nachprüfungen durchführt, bedeutet weder, dass sich das betreffende Unternehmen wettbewerbswidrig verhalten hat, noch greift sie dem Ausgang der Untersuchung selbst vor", hieß es. Für derartige Verfahren gibt es keine gesetzliche Frist; bis zu einem Abschluss – oder gar bis zu einer förmlichen Mitteilung der Beschwerdepunkte – können Jahre vergehen.
Ein strategischer Markt, der jeden Mitgliedstaat erreicht
Sanofi zählt neben dem britischen GSK und dem australischen CSL Seqirus zu den drei größten Herstellern saisonaler Grippeimpfstoffe weltweit; kleinere Anbieter sind unter anderem AstraZeneca und Daiichi Sankyo. Das europäische Sortiment des Konzerns umfasst mehrere Präparate für unterschiedliche Zielgruppen:
- VaxigripTetra, ein Impfstoff in Standarddosierung für die Allgemeinbevölkerung;
- Efluelda, ein hochdosierter Impfstoff, der Menschen ab 65 Jahren einen stärkeren Schutz bieten soll;
- Supemtek, ein rekombinanter Impfstoff.
Dieses Portfolio verleiht dem Fall sein gesundheitspolitisches Gewicht. Programme zur saisonalen Grippeimpfung laufen in allen 27 Mitgliedstaaten, und was die Wettbewerbshüter über diesen Markt entscheiden, wirkt sich unmittelbar auf Preise, Versorgung und Auswahl bei Impfstoffen aus. In Luxemburg empfehlen die Gesundheitsbehörden die jährliche Grippeimpfung für über 65-Jährige und für Angehörige von Risikogruppen; die nationale Krankenkasse, die Caisse nationale de santé (CNS), erstattet den Impfstoff für anspruchsberechtigte Versicherte, und die Impfstoffe des nationalen Programms werden den impfenden Ärzten kostenlos vom Staat zur Verfügung gestellt – die Patienten zahlen nur die Konsultation. Eine Verzerrung des Wettbewerbs zwischen den führenden Präparaten ist daher keine abstrakte Brüsseler Angelegenheit: Sie berührt die öffentlichen Kassen und den Schutz älterer und gefährdeter Menschen in der gesamten Union.
Sanofis Antwort – und was auf dem Spiel steht
Sanofi wendet sich weniger gegen die Nachprüfungen als gegen den Vorwurf eines Fehlverhaltens. Das Unternehmen erklärte, es sei „zuversichtlich, dass es die einschlägigen Vorschriften und Regelungen einhält, und werde uneingeschränkt mit der Europäischen Kommission zusammenarbeiten"; weitere Stellungnahmen lehnte der Konzern ab, solange das Verfahren laufe.
Die möglichen Folgen sind erheblich. Stellt die Kommission am Ende einen Missbrauch der Marktbeherrschung fest, kann sie Geldbußen von bis zu 10 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes verhängen und die Einstellung des Verhaltens anordnen. Bei einem Konzern von Sanofis Größe reicht diese Obergrenze in den Milliardenbereich – auch wenn das Höchstmaß nur selten ausgeschöpft wird.
Brüssel verfügt zudem über frische Präzedenzfälle aus genau diesem Bereich. Im Oktober 2024 verhängte die Kommission gegen den israelischen Hersteller Teva eine Geldbuße von 462,6 Millionen Euro – die bislang höchste Pharmastrafe – wegen des Missbrauchs des Patentsystems und einer, wie es hieß, „systematischen Schlechtmachungskampagne" gegen ein konkurrierendes Mittel gegen Multiple Sklerose. Diese Strafe übertraf das frühere Bußgeld von 330,1 Millionen Euro gegen Servier und folgte auf eine Einigung mit dem Schweizer Konzern Vifor, den ersten Schlechtmachungsfall der Kommission überhaupt. Beide Verfahren – Teva/Copaxone und Vifor – führten die Beamten als jüngst abgeschlossene Belege dafür an, dass das Herabsetzen von Wettbewerbern mit irreführenden Aussagen als Kartellverstoß und nicht bloß als unlautere Werbung geahndet werden kann.
Vorerst bleibt die Akte Sanofi eine Untersuchung und kein Urteil. Förmliche Vorwürfe wurden nicht erhoben, und für das Unternehmen gilt die Vermutung, dass es sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Doch die Nachprüfungen bestätigen, dass die EU-Wettbewerbsbehörde bereit ist, in einen Markt einzugreifen, den Regierungen als kritische Infrastruktur behandeln – und zu prüfen, ob die Worte, die ein marktbeherrschender Arzneimittelhersteller über seine Rivalen verliert, selbst gegen das Gesetz verstoßen können.
Häufig gefragt
- Was wirft die EU-Kommission Sanofi vor?
- Die Kommission hat den Verdacht, dass Sanofi seine marktbeherrschende Stellung bei saisonalen Grippeimpfstoffen missbraucht haben könnte – durch sogenannte wettbewerbswidrige Schlechtmachung, also das Verbreiten falscher oder unbelegter Behauptungen über konkurrierende Präparate. Es handelt sich um eine Untersuchung nach Artikel 102 AEUV, nicht um ein Urteil.
- Welche Strafen drohen Sanofi?
- Sollte die Kommission einen Missbrauch der Marktbeherrschung feststellen, kann sie Geldbußen von bis zu 10 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes verhängen und die Einstellung des Verhaltens anordnen. Bislang sind jedoch keine förmlichen Vorwürfe erhoben worden.
- Welche Bedeutung hat der Fall für Luxemburg?
- Saisonale Grippeimpfstoffe werden in allen 27 Mitgliedstaaten eingesetzt. Luxemburg empfiehlt die Impfung für über 65-Jährige und Risikogruppen; die CNS erstattet den Impfstoff für Anspruchsberechtigte, und die Impfstoffe des nationalen Programms werden den impfenden Ärzten kostenlos vom Staat gestellt. Wettbewerbsverzerrungen wirken sich damit auf Preise, Versorgung und öffentliche Kassen aus.
Quellen(8)
- 1Commission carries out unannounced antitrust inspections in the vaccines sectorEuropean Commission (press release IP/25/2255) · ec.europa.eu
- 2Sanofi says under investigation by European Commission over vaccinesReuters (via Global Banking & Finance Review) · globalbankingandfinance.com
- 3Sanofi Raided by EU in 'Disparagement' Antitrust CaseBloomberg · news.bloomberglaw.com
- 4Sanofi faces EU antitrust probe into vaccine businesspharmaphorum · pharmaphorum.com
- 5Sanofi's German, French premises hit by EU probe amid vaccines market abuse concernsFierce Pharma · fiercepharma.com
- 6Commission carries out unannounced inspections in the vaccines sector over anticompetitive disparagement concernsEU Law Live · eulawlive.com
- 7Commission fines Teva €462.6 million over misuse of the patent system and disparagement to delay rival multiple sclerosis medicineEuropean Commission (press release IP/24/5581) · ec.europa.eu
- 8Vaccination — reimbursed benefitsCaisse nationale de santé (CNS), Luxembourg · cns.public.lu
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