EU-Migrationspolitik

Brüssel will Ukraine-Schutz bis 2028 verlängern – und wehrpflichtige Männer ausschließen

Auf Bitten Kiews will die EU-Kommission den vorübergehenden Schutz für Geflüchtete verlängern, neu ankommende Männer zwischen 23 und 60 jedoch erstmals davon ausnehmen – mit Folgen bis nach Luxemburg.

Von Léa Hoffmann · · 5 Min. Lesezeit

Die Flagge der Europäischen Union vor dem Berlaymont-Gebäude der EU-Kommission in Brüssel.
Die Europaflagge vor dem Berlaymont-Sitz der EU-Kommission in Brüssel. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Vier Jahre nach Kriegsbeginn rückt die Europäische Union von einem ihrer wenigen einstimmigen Versprechen ab. Die EU-Kommission schlug am Freitag vor, den vorübergehenden Schutz für Menschen aus der Ukraine bis zum 4. März 2028 zu verlängern – und zugleich erstmals eine Gruppe gezielt auszuschließen: neu ankommende Männer im wehrfähigen Alter, die ihr Land nach geltendem Recht gar nicht verlassen dürfen. Die Initiative geht auf eine Bitte aus Kiew zurück, das den Personalmangel seiner Armee lindern will. Damit verschiebt sich die Geste europäischer Solidarität in ihr fünftes Kriegsjahr – und stellt die Asylpolitik auf die Probe, bis hinunter nach Luxemburg.

Konkret soll der Schutz für die rund 4,4 Millionen bereits registrierten Ukrainerinnen und Ukrainer um ein Jahr verlängert werden. Neu ankommenden Personen, die von den ukrainischen Behörden wegen ihrer Wehrpflicht keine Ausreiseerlaubnis erhalten, soll er dagegen in der Regel nicht mehr gewährt werden – in der Praxis betrifft das Männer zwischen 23 und 60 Jahren, denen das ukrainische Kriegsrecht den Grenzübertritt untersagt.

Was die Kommission auf den Tisch legt

Rechtliche Grundlage bleibt die Richtlinie über den vorübergehenden Schutz aus dem Jahr 2001, die am 4. März 2022 zum ersten Mal überhaupt aktiviert wurde. Sie verschafft Geflüchteten einen kollektiven Aufenthaltsstatus, ohne dass jeder Einzelfall ein Asylverfahren durchlaufen muss. Der neue Text ändert nicht die Logik, wohl aber den Kreis der Berechtigten. Beschlossen ist nichts: Der Rat muss zustimmen, und zwar mit qualifizierter Mehrheit – mindestens 15 der 27 Regierungen, die zusammen 65 Prozent der EU-Bevölkerung vertreten.

Mehrere Ausnahmen sollen bestehen bleiben. Berichten zufolge blieben Männer mit Behinderung oder Wehruntauglichkeit, Väter von drei oder mehr Kindern unter 18 Jahren sowie Vollzeitpflegende kranker Angehöriger anspruchsberechtigt. Wer aus dem Schutzsystem herausfällt, kann zudem weiterhin einen individuellen Asylantrag stellen. Entscheidend: Niemand, der bereits Schutz genießt, verliert ihn wegen seines Alters.

Flankiert wird die Verschärfung von einem milderen Instrument – einem Pilotprogramm für freiwillige Rückkehr und Wiederaufbau, das Heimkehrwilligen bei Arbeit, Wohnung und Ausbildung in der Ukraine helfen soll. Über den Ursprung der neuen Beschränkung ließ Innenkommissar Magnus Brunner keinen Zweifel.

Das ist etwas, worum uns die Ukrainer gebeten haben.

Der Ansturm, der alles auslöste

Der Auslöser liegt nicht in Brüssel, sondern in Kiew. Seit dem 28. August 2025 dürfen Männer zwischen 18 und 22 Jahren das Land trotz Kriegsrechts frei verlassen – eine Initiative von Präsident Wolodymyr Selenskyj, gedacht als Möglichkeit, im Ausland zu studieren und später für den Wiederaufbau zurückzukehren. An den EU-Außengrenzen war die Wirkung sofort spürbar.

  • Die Zahl der neu gewährten Schutzstatus in der EU sprang im September 2025 auf 79.205 – ein Plus von 49 Prozent gegenüber dem Vormonat und der höchste Wert seit August 2023, wie die Irish Times berichtet.
  • Der polnische Grenzschutz registrierte zwischen dem 28. August und dem 19. September 2025 rund 53.000 Kontrollen ukrainischer Männer im Alter von 18 bis 22 Jahren – knapp 40.000 bei der Einreise, mehr als 13.000 bei der Ausreise –, betonte aber, es handle sich um Grenzkontrollen, nicht um Einzelpersonen.
  • In der ersten Woche nach der Regeländerung hätten sich die Ausreisen dieser Altersgruppe mehr als verzehnfacht.

Die Zahlen trafen einen wunden Punkt: Die ukrainische Armee ist zahlenmäßig unterlegen und kämpft mit Personalmangel, während die Regierung ihren jüngsten Männern zugleich die Tür öffnete. In den Hauptstädten blieb das nicht unbemerkt. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, er habe das Thema direkt in Kiew angesprochen.

„Ich habe den ukrainischen Präsidenten gebeten, dafür zu sorgen, dass insbesondere junge Männer aus der Ukraine nicht in immer größerer Zahl nach Deutschland kommen, sondern in ihrem eigenen Land Dienst tun“, sagte Merz laut Irish Times.

Solidarität gegen Soldatenmangel

Der Vorschlag legt eine Bruchlinie offen, die sich seit 2022 durch die europäische Politik zieht: der Reflex, Ukrainerinnen und Ukrainer zu schützen, gegen die Migrationsdebatten der Mitgliedstaaten und Kiews Bedarf an Soldaten. Menschenrechtsbeobachter warnten davor, die Aufnahme zu verengen. Der Menschenrechtskommissar des Europarats, Michael O’Flaherty, hält die Bedingungen für eine sichere Rückkehr für nicht gegeben.

„In der Ukraine gibt es keine sicheren Gebiete. Wir dürfen die schutzbedürftigsten Menschen nicht vergessen, und die Menschenwürde muss im Zentrum jeder Entscheidung bleiben“, sagte O’Flaherty.

Eine Momentaufnahme von Eurostat verdeutlicht, worum es geht. Ende Februar 2026 hielten 4,40 Millionen Menschen in der EU einen vorübergehenden Schutzstatus – 43,5 Prozent erwachsene Frauen, 30,2 Prozent Minderjährige und 26,3 Prozent erwachsene Männer. Die meisten nahm Deutschland auf (rund 1,27 Millionen, 28,8 Prozent des EU-Gesamts), vor Polen (966.595) und Tschechien (399.630). Ukrainische Staatsangehörige stellten 98,4 Prozent aller Begünstigten.

Was das für Luxemburg und die Großregion bedeutet

Luxemburg ist auf dieser Karte ein kleiner, aber gefestigter Punkt. Eurostat verzeichnete im Großherzogtum im Februar 2026 einen Nettorückgang von gerade einmal fünf Begünstigten (-0,1 Prozent) – einer von nur drei Mitgliedstaaten mit einem Minus in diesem Monat – und damit eine Gemeinschaft von etwa 5.000 Menschen unter vorübergehendem Schutz. Weil das Regime EU-weit einheitlich gilt, entscheiden die in Brüssel formulierten Regeln darüber, wer sich in Luxemburg registrieren kann, wer in den angrenzenden deutschen Ländern, im belgischen Wallonien und im französischen Lothringen der Großregion – und wer stattdessen in das langsamere Einzelasylverfahren gelenkt wird.

Für das Großherzogtum ist die praktische Änderung eng umrissen, aber real: Ein neu ankommender Ukrainer zwischen 23 und 60 Jahren, der ohne Ausreiseerlaubnis nach Luxemburg gelangt, würde am Schalter der Einwanderungsbehörde nicht mehr in den vorübergehenden Schutz aufgenommen, sondern müsste – sofern der Rat den Text annimmt – einen individuellen Asylantrag stellen. Wer bereits geschützt ist – die große Mehrheit der in Luxemburg angekommenen Ukrainerinnen und Ukrainer, die als Frauen, Kinder und ältere Männer kamen –, bleibt unberührt; die Verlängerung bis 2028 verschafft ihnen ein weiteres Jahr Rechtssicherheit bei Aufenthalt, Arbeit und Schulbesuch.

Nun liegt der Vorschlag bei den 27 Regierungen. Da eine qualifizierte Mehrheit nötig ist und Menschenrechtsgremien bereits Widerstand anmelden, werden die kommenden Wochen zeigen, ob sich das europäische Kriegsversprechen der Frontarithmetik Kiews beugt – und wie weit Luxemburgs eigenes Schutzregime diesen Weg mitgeht.

Häufig gefragt

Bis wann soll der vorübergehende Schutz verlängert werden?
Die EU-Kommission schlägt eine Verlängerung um ein Jahr bis zum 4. März 2028 vor. Bislang läuft das Regime bis März 2027. Der Rat muss mit qualifizierter Mehrheit zustimmen – mindestens 15 der 27 Staaten, die 65 Prozent der EU-Bevölkerung vertreten.
Wer wäre vom Ausschluss betroffen?
In der Regel neu ankommende Männer zwischen 23 und 60 Jahren, die das ukrainische Kriegsrecht an der Ausreise hindert. Ausgenommen bleiben unter anderem Wehruntaugliche, Väter von drei oder mehr Kindern unter 18 Jahren und Vollzeitpflegende. Wer schon Schutz hat, behält ihn.
Welche Folgen hätte das für Luxemburg?
In Luxemburg leben rund 5.000 Menschen unter vorübergehendem Schutz. Ein neu ankommender Mann zwischen 23 und 60 ohne Ausreiseerlaubnis käme nicht mehr automatisch in den Schutz, sondern müsste einzeln Asyl beantragen. Bereits Geschützte sind nicht betroffen.
Warum kommt der Vorschlag jetzt?
Kiew hat die EU darum gebeten, um den Personalmangel seiner Armee zu lindern. Auslöser war, dass die Ukraine ab dem 28. August 2025 Männer von 18 bis 22 Jahren ausreisen ließ, woraufhin die Schutzanträge in der EU sprunghaft anstiegen.
Quellen(10)
  1. 1Commission proposes to extend temporary protection of people fleeing Ukraine for an additional yearEuropean Commission – Migration and Home Affairs · home-affairs.ec.europa.eu
  2. 2EU to refuse refuge to military-age Ukrainian menRTÉ · rte.ie
  3. 3Brussels to exclude military-age Ukrainian men from temporary protection schemeEuronews · euronews.com
  4. 4Ukraine asks the EU to stop refuge for men aged 23-60 to ease manpower shortageTheJournal.ie · thejournal.ie
  5. 5Ukraine's decision to let young men leave sparks alarm in EuropeThe Irish Times · irishtimes.com
  6. 6Temporary protection for 4.40 million in February 2026Eurostat · ec.europa.eu
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  10. 10EU member states agree to extend temporary protection for refugees from UkraineCouncil of the European Union · consilium.europa.eu

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