Agrarpolitik der EU

Weg vom importierten Soja: Hansen macht die Eiweißversorgung zur Frage der EU-Souveränität

Agrarkommissar Christophe Hansen rückt die geplante Eiweißstrategie der EU in den Rang einer Sicherheitsfrage – mit handfesten Folgen für Luxemburgs kleine, grünlandgeprägte Landwirtschaft.

Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Ein blühendes Ackerbohnenfeld – eine eiweißreiche Leguminose – neben weidenden Milchkühen.
Illustratives, KI-generiertes Bild: ein Ackerbohnenfeld – eine der Eiweißleguminosen, die die EU ausbauen will, um die Abhängigkeit von Importsoja zu senken. Illustration: KI-generiert — Status

Rund neun von zehn Sojabohnen, die in europäischen Ställen verfüttert werden, stammen aus Übersee. Diese Zahl beschreibt eine Abhängigkeit, die der Luxemburger Christophe Hansen, seit Dezember 2024 EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung, nicht länger hinnehmen will. Während seine Behörde an einer lange erwarteten Eiweißstrategie arbeitet, verschiebt er den Akzent: weg vom rein ökologischen Anliegen, hin zu einer Frage der strategischen Autonomie in einer unsicheren Welt.

Vorgesehen ist das Vorhaben für 2026, flankiert von einer eigenen, langfristig angelegten Strategie für die Tierhaltung. Ziel ist es, die Abhängigkeit von importiertem Pflanzeneiweiß zu senken, die Bezugsquellen zu streuen und die Erzeugung innerhalb Europas zu stärken. Den Zeitplan nannte Hansen im April bei einer Veranstaltung zu Hülsenfrüchten im Europäischen Parlament. Das europäische Eiweißsystem sei, so seine Diagnose, „strukturell stark aus dem Gleichgewicht geraten“.

Eine Abhängigkeit, die auf Soja ruht

Die Zahlen hinter diesem Urteil sind eindeutig. Europa erzeugt nur einen Bruchteil des Sojas, das es verbraucht: Schätzungen aus Wirtschaft und Forschung beziffern den Selbstversorgungsgrad der EU bei Soja auf etwa acht Prozent. Knapp 90 Prozent der Sojabohnen werden eingeführt, überwiegend aus den Vereinigten Staaten und Brasilien und ganz überwiegend für die Tierfütterung. Allein 2020 beliefen sich die Soja-Importe der EU auf rund 34 Millionen Tonnen. Sojaschrot deckte 2019/20 etwa 29 Prozent des Rohproteins im Futter ab, während die heimische Erzeugung nur rund drei Prozent des Bedarfs stellt.

Diese strukturelle Lücke beschäftigt die Politik seit Jahren. Bereits im Oktober 2023 verabschiedete das Europäische Parlament eine Entschließung, die von der Kommission eine ehrgeizige Eiweißstrategie verlangte; Bauernverbände drängen seither auf konkrete Schritte. Hansen verknüpft das Anliegen mit der Geopolitik: Wer sich auf eine Handvoll ferner Lieferanten verlasse, mache sich angreifbar, wenn Handel und Sicherheit ins Wanken geraten.

Die Diversifizierung der Eiweißversorgung ist entscheidend für die Widerstandsfähigkeit und die strategische Autonomie der EU.

„Diese Abhängigkeiten schaffen eine klare Verwundbarkeit angesichts der geopolitischen Unsicherheiten, die wir erleben“, sagte der Kommissar. Die nächste Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) für die Zeit nach 2027 werde, so Hansen, eine höhere Einkommensstützung für den Anbau von Pflanzeneiweiß vorsehen – mit besonderem Augenmerk auf Hülsenfrüchten, Grünlandbewirtschaftung und Innovation.

Klare Ziele, offene Details

So eindeutig die Stoßrichtung, so vage bleiben bislang die harten Vorgaben. Hansen beschreibt das Vorhaben als ganzheitlichen Ansatz, der das gesamte Ernährungssystem umfasst. Die Kommission gruppiert es um drei Ziele:

  • die heimische Erzeugung fördern, um den Selbstversorgungsgrad anzuheben;
  • die Herkunft eingeführten Eiweißes streuen, um Risiken zu verteilen;
  • die Ernährungssicherheit in der gesamten Union stärken.

Das genügt nicht allen. Mehrere Abgeordnete im Europäischen Parlament begrüßten das Bekenntnis, verlangen aber verbindliche Zielmarken und einen klaren Zeitplan – und eine Strategie, die pflanzliche Lebensmittel für den menschlichen Verzehr ernst nimmt, statt Eiweiß allein als Tierfutter zu denken. Eine Strategie, die das ausblende, wäre nach Worten eines beteiligten Abgeordneten eine verpasste Gelegenheit. Hansen wiederum hütet sich davor, den Europäern weniger Fleisch zu verordnen, besteht aber darauf, dass die Union mehr eigenes Eiweiß erzeugen müsse.

Warum das Großherzogtum besonders betroffen ist

Für Hansens Heimatland ist die Debatte alles andere als abstrakt. Luxemburgs Landwirtschaft ist klein und vom Grünland geprägt: Die Statistikbehörde STATEC zählt rund 2.600 Betriebe, die etwa 132.500 Hektar bewirtschaften – mehr als die Hälfte davon Weiden und Futterkulturen. Über die Hälfte der aktiven Höfe ist auf die Haltung von Wiederkäuern spezialisiert, der Rinderbestand liegt bei rund 187.000 Tieren, und Mais wächst vor allem als Futter. Ein Profil, das den Sektor den Schwankungen bei Preis und Verfügbarkeit von Importeiweiß ausliefert.

Das Land hat früh für eine europäische Eiweißunabhängigkeit geworben. Landwirtschaftsministerin Martine Hansen – seit 2023 im Amt und mit dem Kommissar nicht verwandt – brachte das Thema bei den EU-Kollegen zur Sprache, lange bevor sich die Kommission auf eine Strategie festlegte. Sie fordert eine gekoppelte Förderung im Rahmen der GAP, stärkere Investitionsbeihilfen für Eiweiß- und Ölsaaten sowie Forschung, um zu beziffern, wo Europa realistisch mehr anbauen könnte.

Wir müssen die europäische Erzeugung von Pflanzeneiweiß steigern, ob bei Eiweiß- und Ölpflanzen oder auf dem Grünland.

Die Ministerin verbindet die Zukunft des Sektors mit dem Generationenwechsel. In einem Interview von 2025 warnte sie, der EU-Haushaltsrahmen 2028 bis 2034 drohe junge Landwirte zu benachteiligen; rund 400 der etwa 1.700 aktiven Bäuerinnen und Bauern Luxemburgs könnten betroffen sein – viele davon junge Menschen, die elterliche Betriebe übernehmen wollen. Ohne junge Landwirte, so ihr Argument, gebe es keine Ernährungssouveränität.

Genau dieser Widerspruch – zwischen dem Anspruch, mehr eigenes Eiweiß zu erzeugen, und einer Ökonomie, die importiertes Soja seit Langem billiger macht als heimische Hülsenfrüchte – ist es, an dem sich die Kommissionsstrategie messen lassen muss. Für einen Kommissar, der am Rand einer Bauernfamilie im Norden Luxemburgs aufwuchs, lautet die eigentliche Prüfung, ob sich ein kontinentaler Plan in etwas übersetzen lässt, worauf ein kleiner Erzeuger an der Mosel oder im Ösling tatsächlich bauen kann.

Die Glaubwürdigkeit des Vorhabens, darin sind sich Fachleute und Bauernverbände einig, wird an den Details hängen, die die Kommission bislang schuldig bleibt: verbindliche Ziele, eigenes Geld und ein Zeitplan. Bis dahin bleibt Hansens Vorstoß eine Absichtserklärung – dass Europas nächster Schritt zur Ernährungssicherheit über die eigenen Felder führt.

Häufig gefragt

Wann soll die EU-Eiweißstrategie kommen und was bezweckt sie?
Sie ist für 2026 vorgesehen und wird von einer eigenen, langfristigen Strategie für die Tierhaltung begleitet. Ziel ist es, die Abhängigkeit von importiertem Pflanzeneiweiß zu verringern, die Bezugsquellen zu diversifizieren und die Erzeugung innerhalb Europas zu stärken.
Wie stark hängt die EU bei Futtereiweiß von Importen ab?
Der Selbstversorgungsgrad bei Soja liegt bei etwa acht Prozent; knapp 90 Prozent der Sojabohnen werden eingeführt, vor allem aus den USA und Brasilien. 2020 importierte die EU rund 34 Millionen Tonnen Soja, überwiegend für die Tierfütterung.
Warum ist Luxemburg besonders betroffen?
Der Sektor ist klein und grünlandgeprägt: rund 2.600 Betriebe auf etwa 132.500 Hektar, mehr als die Hälfte spezialisiert auf Wiederkäuer, rund 187.000 Rinder. Das macht die Betriebe anfällig für Preis- und Verfügbarkeitsschwankungen bei Importeiweiß.
Sind Christophe Hansen und Martine Hansen verwandt?
Nein. Christophe Hansen ist EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung, Martine Hansen ist luxemburgische Landwirtschaftsministerin. Sie sind nicht miteinander verwandt.

Quellen

  1. EU protein plan due in June, Hansen says it will reduce dependencies · ANSA
  2. EU Commits to Protein Diversification Strategy, But MEPs Want 'More Concrete Steps' · Green Queen
  3. Incoming EU Ag Chief Toes the Line Between Livestock & Plant-Based Proteins · Green Queen
  4. Christophe Hansen — European Commissioner for Agriculture and Food · European Commission
  5. Luxembourg Agriculture Minister Stresses Importance of Plant & Animal Protein Production in EU · Chronicle.lu
  6. Martine Hansen : «Sans jeunes agriculteurs, pas de souveraineté alimentaire» · Le Quotidien
  7. Minus 82%: Europe Soya certified soybean meal (soy self-sufficiency factsheet) · Donau Soja
  8. European food sovereignty: what do the numbers say? · Agriculture Strategies
  9. EU protein strategy (briefing) · European Parliament (EPRS)
  10. Martine Hansen (biography) · Wikipedia
  11. Christophe Hansen (biography) · Wikipedia
  12. EU Livestock Strategy talks in EBAF · European Environmental Bureau
  13. Agriculture statistics (Luxembourg) · STATEC

Themen Eu Agriculture, Christophe Hansen, Protein Strategy, Food Security, Strategic Autonomy, Luxembourg Farming, Common Agricultural Policy, Soy Imports

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