Tierschutz und Logistik
Wenn ein Luxemburger Frachter zwei Bären in die Freiheit fliegt
Cargolux brachte die Brüder Benji und Balu kostenlos aus einem Käfig in Aserbaidschan in ein neues Zuhause auf der Isle of Wight – und reiht sich damit in ein wachsendes globales Netz der Bärenrettung ein.

Maschinenteile, Ersatzteile, E-Commerce-Sendungen: Das ist die Fracht, die normalerweise die Laderäume der Luxemburger Cargolux füllt. An einem Morgen im vergangenen Juni jedoch wurde am Flughafen von Baku etwas an Bord gebracht, das so gar nicht in die Logistik-Routine passte – zwei lebende Braunbären.
Benji und Balu, Brüder im geschätzten Alter von rund 13 Jahren, hatten den ersten Teil ihres Lebens in einem winzigen Käfig in Aserbaidschan verbracht, gehalten als sogenannte „Restaurant-Bären". Als die Retter sie erreichten, waren die Tiere unterernährt und ausgemergelt; ihre Zähne waren von jahrelangem, stressbedingtem Beißen an den Gitterstäben schwer beschädigt. Die größte Hürde auf dem Weg in die Freiheit war jedoch weder der Papierkram noch die tierärztliche Versorgung, sondern ein sehr profanes Problem: Wie bringt man zwei ausgewachsene Bären sicher über einen ganzen Kontinent?
Eine Fracht, die nichts kostete
An dieser Stelle trat ein Luxemburger Unternehmen in einen internationalen Tierschutz-Einsatz ein. Cargolux, einer der großen Betreiber von Boeing-747-Frachtern, erklärte sich bereit, das Brüderpaar kostenlos von Baku nach Großbritannien zu fliegen – und schon im Vorfeld die eigens angefertigten Transportkisten nach Aserbaidschan zu bringen, damit die Bären überhaupt bewegt werden konnten. Es sei der erste Einsatz dieser Art aus dem Land gewesen, teilte die Fluggesellschaft mit.
Das Tierheim, das die Bären aufnahm, hatte rund zwei Jahre lang versucht, sie nach Großbritannien zu holen. Ein Transport über Straße, Schiene oder See barg zu viele Risiken und hätte das Leid der Tiere nur verlängert, während ein eigens gecharterter Flug für zwei Bären schlicht unbezahlbar war. Das Angebot von Cargolux beseitigte die letzte, entscheidende Hürde.
Es steht außer Frage, dass dieses Projekt ohne Cargolux womöglich nie zustande gekommen wäre. Dies war einer der größten Einzelposten der gesamten Aktion, und wir können unsere Dankbarkeit gegenüber Cargolux gar nicht in Worte fassen – dafür, dass das Unternehmen eingesprungen ist und uns geholfen hat, diese letzte Hürde zu nehmen.
So formulierte es Lawrence Bates, Geschäftsführer des Wildheart Animal Sanctuary im Ort Sandown auf der Isle of Wight, dem Ziel der Reise. Für Cargolux, dessen Personal im Transport lebender Tiere geschult ist und regelmäßig Pferde, Nutztiere und Zootiere befördert, hatte der Einsatz neben der logistischen auch eine Reputationsdimension.
„Bei Cargolux sehen wir es als unsere Aufgabe, unseren Teil dazu beizutragen, das Bewusstsein zu schärfen und Tierschutz und Artenschutz zu fördern", sagte Richard Forson, Präsident und Geschäftsführer der Fluggesellschaft.
Vom Käfig in Baku in einen Wald
Die Reise selbst verlief – gemessen an den zwei Jahren des Wartens – im Eiltempo. Der Direktflug legte rund 3.000 Meilen in etwa sechs Stunden zurück und landete in Glasgow. Von dort ging es für die Bären über die Straße nach Portsmouth und mit der Fähre auf die Isle of Wight, wo sie Anfang Juni 2025 gegen 10 Uhr im Tierheim ankamen. Es seien, so das Heim, die ersten Bären auf der Insel seit rund drei Jahrzehnten.
Ihr neues Gehege liegt Welten von dem Käfig in Baku entfernt: ein bewaldetes Areal von rund 3.500 Quadratmetern mit Gras, Bäumen, Teichen zum Suhlen und Platz für den Winterschlaf. Allein der Bau und die Finanzierung der weiteren Pflege waren ein Kraftakt – das Tierheim sammelte rund 264.578 Pfund bei einem Ziel von 255.000 Pfund ein.
- Die Bären: Benji und Balu, Brüder, etwa 13 Jahre alt, gerettet aus einem Leben als „Restaurant-Bären" in Aserbaidschan.
- Der Flug: rund 3.000 Meilen von Baku nach Glasgow in etwa sechs Stunden, kostenlos – die Transportkisten flog Cargolux zuvor ebenfalls ein.
- Das Zuhause: ein 3.500 Quadratmeter großes Waldgehege im Wildheart Animal Sanctuary auf der Isle of Wight.
Lucie Francis, beim Tierheim für den Bärenbereich zuständig, fasste die anstehende Aufgabe in schlichte Worte: „Sie haben keine gute Zeit hinter sich, aber wir hoffen, dass wir das für sie umkehren und ihnen erlauben können, echte Bären zu sein."
Ein Kampf, der an Schwung gewinnt
Der Lufttransport von Benji und Balu ist nur ein kleiner Knotenpunkt in einem weitverzweigten globalen Netz aus Nichtregierungsorganisationen, Tierheimen, Regierungen und Fluggesellschaften, die gefangene Bären aus der Qual in die Obhut bringen. Die Logistik ist anspruchsvoll, und ein bereitwilliger Frachtträger ist oft das fehlende Glied – was einen Namen wie Cargolux, eher bekannt für industrielle Lieferketten, zu einem unerwarteten Akteur macht.
Die Sache hat selten mehr Rückenwind gehabt. Südkorea, lange mit der Haltung von Bären zur Gewinnung ihrer Galle verbunden – einer Flüssigkeit, die den Tieren aus der Gallenblase abgezapft und in der traditionellen Medizin verkauft wird –, beendet diese Praxis per Gesetz zum 1. Januar 2026. Aktivisten von Humane World for Animals begrüßten den Schritt als Ende eines düsteren Kapitels, warnten aber zugleich, dass die schwierigere Arbeit erst beginne: Rund 200 Bären lebten zum Zeitpunkt des Inkrafttretens noch auf südkoreanischen Farmen, alle auf der Suche nach einem dauerhaften Platz in einem Schutzzentrum.
Diese Tiere gehören einer anderen Art an und stammen aus einem anderen Land als die beiden, die auf die Isle of Wight flogen; mit dem südkoreanischen Verbot hatte Cargolux nichts zu tun. Doch das verbindende Gewebe ist dasselbe. Den Handel gesetzlich zu beenden, ist die eine Sache; Tiere, die ihr Leben in Käfigen verbracht haben, tatsächlich umzusiedeln, eine andere – und genau das hängt von jener Kisten- und Frachtkompetenz ab, die Frachtführer wie Cargolux bereitstellen können. Für ein Land, dessen Wirtschaft stark auf Logistik und Luftfahrt setzt, ist es eine Erinnerung daran, dass dieselbe Infrastruktur, die Güter bewegt, gelegentlich auch etwas weit Lebendigeres bewegen kann.
Vorerst lernen zwei Brüder aus Baku auf einer englischen Insel wieder, Bären zu sein – und ein Luxemburger Frachter ist Teil des Grundes dafür.
Häufig gefragt
- Woher kamen die Bären und wer flog sie?
- Benji und Balu sind europäische Braunbären, die als „Restaurant-Bären" in einem Käfig in Aserbaidschan gehalten wurden. Die Luxemburger Cargolux flog sie kostenlos von Baku nach Glasgow und brachte zuvor die Transportkisten nach Aserbaidschan.
- Wo leben Benji und Balu jetzt?
- Sie leben im Wildheart Animal Sanctuary in Sandown auf der Isle of Wight, in einem rund 3.500 Quadratmeter großen Waldgehege mit Gras, Bäumen, Teichen und Platz für den Winterschlaf. Sie kamen Anfang Juni 2025 an.
- Was hat die Rettung mit Südkorea zu tun?
- Direkt nichts: Benji und Balu sind Braunbären aus Aserbaidschan, keine Gallenbären, und Cargolux war am südkoreanischen Verbot nicht beteiligt. Südkorea beendet seine Bärengalle-Industrie jedoch zum 1. Januar 2026 – ein Beispiel für dieselbe weltweite Bewegung gegen den Bärenhandel.
- Warum war der Flug so entscheidend?
- Ein Transport über Straße, Schiene oder See barg zu viele Risiken, ein gecharterter Flug wäre unbezahlbar gewesen. Laut Tierheim-Chef Lawrence Bates war der Lufttransport einer der größten Einzelposten der gesamten Aktion; ohne Cargolux wäre das Projekt womöglich gescheitert.
Quellen
- Cargolux sponsors life-saving flight for rescued bears · Air Cargo Week
- Cargolux to fly rescue bears to new UK home · Air Cargo News
- Cargolux sponsors rescue flight for two European brown bears · CAAS International
- Wildheart Animal Sanctuary announces sponsorship for transportation of bears Benji and Balu · OnTheWight
- From Azerbaijan to island paradise — bears settling into new Wildheart home · Isle of Wight Radio
- Isle of Wight attraction Wildheart Animal Sanctuary welcomes 2 bears · Isle of Wight County Press
- Project Bears · Wildheart Animal Sanctuary
- Benji and Balu bound for Sanctuary with Cargolux! · Wildheart Animal Sanctuary
- Benji and Balu settle in to new forever home following Azerbaijani rescue · Island Echo
- From Azerbaijan to island paradise, first bears in 30 years arrive on Isle of Wight · NationalWorld / The News, Portsmouth
- In massive win for animals, South Korea ends cruel bear bile industry · Humane World for Animals
- South Korea to stop breeding bears to extract their bile - but hundreds are still trapped in pens · Euronews
Themen Animal Welfare, Cargolux, Luxembourg, Bears, Wildlife Rescue, Isle Of Wight, Azerbaijan, Conservation
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