Sicherheitspolitik

Berlin setzt auf Freiwillige – die Wehrpflicht bleibt in Reserve

Seit Januar gilt das modernisierte Wehrdienstgesetz: Es lockt mit besserer Bezahlung und verpflichtet zur Musterung – hält aber einen Schalter zur Einberufung bereit, falls die Zahlen ausbleiben.

Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Bundeswehr-Rekruten in Flecktarn-Uniformen stehen in Formation auf einem Kasernenhof, daneben die deutsche Nationalflagge und das schwarze Eiserne Kreuz der Bundeswehr.
Rekruten der Bundeswehr in Flecktarn-Uniformen bei einem Appell auf dem Kasernenhof, mit deutscher Flagge und dem Eisernen Kreuz. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Deutschland will seine Streitkräfte wieder zu einer glaubwürdigen Größe machen – und entscheidet sich dabei bewusst gegen den Zwang. Statt die 2011 ausgesetzte Wehrpflicht zurückzuholen, baut die Bundesregierung auf Freiwillige, bessere Bezahlung und moderne Bedingungen. Doch für den Fall, dass diese Wette nicht aufgeht, hat sie eine zweite Tür ins Gesetz eingebaut: einen Mechanismus, der die Einberufung binnen kurzer Frist scharf schalten kann.

Das Wehrdienstmodernisierungsgesetz (WDModG) hat der Bundestag am 5. Dezember 2025 beschlossen, der Bundesrat zog noch im selben Monat nach. Seit dem 1. Januar 2026 ist es in Kraft – mit einem klaren Ziel: die Reihen der Bundeswehr schnell genug zu füllen, um die Fähigkeitsvorgaben zu erreichen, die die Nato heute von ihren Mitgliedern erwartet.

Freiwillig im Kern, mit eingebautem Notschalter

Das neue Modell ist ein Zwitter. Von 2026 an erhält jede und jeder Deutsche zum 18. Geburtstag einen Fragebogen zu Gesundheit, Bildung und Dienstbereitschaft. Männer sind gesetzlich verpflichtet, ihn auszufüllen; Frauen können freiwillig antworten. Vom 1. Juli 2027 an wird zudem die ärztliche Musterung wieder Pflicht – für alle Männer der Geburtsjahrgänge 2008 und jünger. Es ist der erste verbindliche Schritt zurück zu einer flächendeckenden Erfassung seit dem Ende der Wehrpflicht.

Den Rest soll die Attraktivität des Dienstes erledigen. Freiwillige Rekruten bekommen rund 2.600 Euro im Monat, Verteidigungsminister Boris Pistorius peilt jährlich etwa 30.000 zusätzliche Soldatinnen und Soldaten an. Gesetzlich festgeschrieben ist ein weit größeres Ziel:

  • bis zu 470.000 Soldaten insgesamt bis 2035,
  • davon 270.000 im aktiven Dienst,
  • und 200.000 Reservisten.

Zum Zeitpunkt der Abstimmung zählte die Truppe laut Defense News rund 184.000 aktive Soldaten – die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist also beträchtlich.

Bleiben die Freiwilligen aus, behält sich der Staat einen Hebel vor. Das Gesetz enthält eine Regelung zur „bedarfsorientierten Wehrpflicht“: Der Bundestag kann sie aktivieren – aber nur durch eine gesonderte Abstimmung und nur, wenn die Rekrutierung hinterherhinkt oder sich die Sicherheitslage verschärft. Sind dann mehr junge Menschen geeignet als gebraucht werden, könnte ein Losverfahren über die Auswahl entscheiden – eine Idee, die sich an Dänemark anlehnt. Ein automatisches Losverfahren war zuvor in den Koalitionsverhandlungen aus dem Entwurf gestrichen worden.

„Wenn das nicht reicht, werden wir nicht umhinkommen, eine teilweise Wehrpflicht einzuführen“, sagte Pistorius vor den Abgeordneten. „Im Verteidigungsfall, den wir um jeden Preis verhindern wollen, muss der Staat wissen, wer einsatzbereit ist.“

Wie die Koalition ihren Kompromiss fand

Das Gesetz ist das Ergebnis zähen Ringens in der Koalition von Kanzler Friedrich Merz aus CDU/CSU und der SPD. Pistorius, der sich am schwedischen Modell orientiert, bestand auf einem freiwilligen Kern und stellte sich gegen jedes automatische Los: Rekruten sollten nach Eignung und Fähigkeiten ausgewählt werden. Die Union drängte ihrerseits auf festere Pflichtmechanismen und konkrete Zielzahlen, um die Nato-Vorgaben zu erfüllen.

Herausgekommen ist die goldene Mitte: Freiwilligkeit jetzt, die Maschinerie des Zwangs jederzeit zuschaltbar. Beide Lager zeigten sich unzufrieden. Der Militärhistoriker Sönke Neitzel verwarf einen früheren Entwurf als „ein weiteres Dokument des Zauderns und Aufschiebens“, während Gegner warnten, die Erfassungspflichten liefen auf eine Wehrpflicht durch die Hintertür hinaus.

Ein Baustein der europäischen Aufrüstung

Deutschlands Personaldebatte ist nur eine Front im breiteren Wettlauf Europas, sich gegen die Bedrohung durch Russland zu wappnen. Auf ihrem Gipfel in Den Haag am 24. und 25. Juni 2025 vereinbarten die Nato-Staaten, ihre verteidigungsbezogenen Ausgaben bis 2035 auf 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben – mindestens 3,5 Prozent für den militärischen Kernbedarf und bis zu 1,5 Prozent für Infrastruktur, Resilienz und Industrie, mit einer Überprüfung 2029. Alle Verbündeten trugen das mit, außer Spanien, das sich eine Ausnahme sicherte.

Für einen Kleinstaat wie Luxemburg ist der Umbruch enorm. Lange Zeit Schlusslicht der Nato – im Schnitt unter 0,6 Prozent des BIP über das vergangene Jahrzehnt – hob das Großherzogtum seine Militärausgaben 2025 auf rund 750 Millionen Euro an, ein Plus von etwa einem Viertel binnen eines Jahres. 2026 dürfte die Schwelle von einer Milliarde Euro erstmals überschritten werden. Verteidigungsministerin Yuriko Backes hält am Fahrplan der Regierung fest: 2 Prozent des Bruttonationaleinkommens bis 2030, umgerechnet rund 1,46 Milliarden Euro.

„Der von der Regierung im Juni 2024 festgelegte Fahrplan bleibt in Kraft: 2 Prozent des Bruttonationaleinkommens im Jahr 2030“, sagte Backes. Das Land, vollständig von größeren Verbündeten umschlossen, wägt zugleich ab, wie rasch es zu den neuen Zielmarken aufschließen kann.

Eben deshalb hallen Berlins Entscheidungen weit über Deutschland hinaus. Als bevölkerungsreichstes und wirtschaftsstärkstes europäisches Nato-Mitglied soll die Bundesrepublik die Ostflanke des Bündnisses absichern und die Verteidigung kleinerer Nachbarn mittragen. Ob sie die Soldaten aufstellen kann, die zu ihren Budgets passen – durch Überzeugung oder, wenn es sein muss, durch Zwang –, wird mit darüber entscheiden, wie sicher sich die gesamte Region in den kommenden Jahren fühlt.

Häufig gefragt

Kehrt mit dem neuen Gesetz die Wehrpflicht zurück?
Nein. Das Wehrdienstmodernisierungsgesetz setzt auf Freiwilligkeit; die 2011 ausgesetzte Wehrpflicht wird nicht automatisch wieder eingeführt. Niemand wird nach dem geltenden Gesetz eingezogen. Eine bedarfsorientierte Wehrpflicht kann der Bundestag jedoch über eine gesonderte Abstimmung aktivieren, falls die Rekrutierung ausbleibt oder sich die Sicherheitslage verschärft.
Wer muss den Fragebogen ausfüllen und zur Musterung?
Ab 2026 erhält jede und jeder Deutsche zum 18. Geburtstag einen Fragebogen zu Gesundheit, Bildung und Dienstbereitschaft. Männer sind zur Antwort verpflichtet, Frauen können freiwillig antworten. Ab dem 1. Juli 2027 wird die ärztliche Musterung für alle Männer der Jahrgänge 2008 und jünger wieder Pflicht.
Was bedeutet die deutsche Reform für Luxemburg?
Luxemburg, lange Nato-Schlusslicht mit unter 0,6 Prozent des BIP, hob seine Militärausgaben 2025 auf rund 750 Millionen Euro an und dürfte 2026 erstmals eine Milliarde Euro überschreiten. Ziel sind 2 Prozent des Bruttonationaleinkommens bis 2030, etwa 1,46 Milliarden Euro. Als vollständig von Verbündeten umschlossener Kleinstaat ist Luxemburg unmittelbar von der europäischen Aufrüstung betroffen.
Quellen(10)
  1. 1Federal Cabinet: Military service modernised / new draft military service lawFederal Government of Germany (bundesregierung.de) · bundesregierung.de
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  4. 4German Parliament Backs Controversial Military Service Law Amid Russian ThreatU.S. News & World Report / Reuters · usnews.com
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  10. 10Defence: Luxembourg does not want to spend for spending's sakePaperjam · en.paperjam.lu

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