Wohnungspolitik

6.000 Wohnungen pro Jahr: Luxemburg hält am Ziel fest, kennt aber seine Baukapazität nicht

In einer Antwort an das Parlament bekräftigt die Regierung ihr jährliches Wohnungsziel – und räumt zugleich ein, dass ihr eine belastbare Schätzung der tatsächlichen Baukapazität fehlt.

Von Sophie Klein · · 4 Min. Lesezeit

Halb fertiggestelltes mehrstöckiges Wohngebäude auf einer stillgelegten Baustelle in Luxemburg mit Gerüst und stillstehendem Turmkran unter grauem Himmel.
Eine stillstehende Wohnbaustelle in Luxemburg: Der Bausektor liefert weit weniger Wohnungen als das Ziel vorsieht. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Es ist eine der politisch heikelsten Zahlen des Landes: 6.000 neue Wohnungen pro Jahr. An diesem Ziel hält Luxemburgs Regierung fest – und gibt zugleich zu, nicht zu wissen, wie viele Wohnungen der Bausektor tatsächlich errichten kann.

In einer gemeinsamen schriftlichen Antwort an das Parlament vom 19. Juni 2026 bekräftigten Wohnungsbauminister Claude Meisch und Wirtschaftsminister Lex Delles, beide von der Demokratischen Partei (DP), den Anspruch, die Wohnungsproduktion deutlich anzuheben, um der strukturellen Nachfrage gerecht zu werden. Gleichzeitig hielten sie fest, dass dem Staat unter den aktuellen Bedingungen keine belastbare, aktuelle Schätzung der realen jährlichen Produktionskapazität vorliege. Über den Vorgang berichteten L'essentiel und Paperjam.

Das Eingeständnis wiegt schwer, denn die 6.000 Wohnungen sind kein vager Wunsch, sondern eine im Koalitionsvertrag verankerte Größe. Premierminister Luc Frieden hat sie demografisch begründet: Das Land müsse in diesem Tempo bauen, „um die rund 12.000 neuen Einwohner angemessen unterzubringen, die sich hier jedes Jahr niederlassen“.

Ein Ziel, das der Staat nennt, aber nicht beziffern kann

Die Minister antworteten auf eine Anfrage der beiden Oppositionsabgeordneten der Luxemburger Sozialistischen Arbeiterpartei (LSAP), Yves Cruchten und Mars Di Bartolomeo. Diese wollten wissen, ob die Zahl von 6.000 noch realistisch sei und auf welchen Annahmen sie beruhe – mit dem Hinweis, viele Akteure der Branche hielten das Ziel für „kaum erreichbar, ja losgelöst von den aktuellen Marktrealitäten“.

Zum jetzigen Zeitpunkt verfügt die Regierung noch nicht über eine konsolidierte und aktualisierte Schätzung der tatsächlichen jährlichen Produktionskapazität im gegenwärtigen Kontext.

Diese Offenheit legt eine Lücke zwischen politischem Bekenntnis und operativer Planung offen. Die Regierung nennt das Ziel weiterhin – und erklärt zugleich, ihr fehlten die Daten, um zu beurteilen, ob die Branche ihm überhaupt nahekommen kann.

Gebaut wird weit unter dem Soll

Die historische Bilanz zeigt die Dimension der Aufgabe. Zwischen 1970 und 2021 – dem jüngsten Zeitraum mit vollständigen Zahlen – entstanden in Luxemburg 133.717 Wohnungen, im Schnitt nur 2.571 Einheiten pro Jahr. Das geht aus den in der parlamentarischen Antwort genannten und von Paperjam zitierten Zahlen hervor und entspricht rund 43 Prozent des Ziels von 6.000 Wohnungen. Die Marke von 4.000 Einheiten wurde in mehr als einem halben Jahrhundert nur etwa dreimal überschritten; der Rekord lag 2008 bei 4.444 Wohnungen.

Die jüngsten Daten weisen in die falsche Richtung. Das nationale Statistikamt STATEC zählte 2024 rund 4.025 Wohnungen mit Baugenehmigung, ein Minus von 8,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr – nach Rückgängen von etwa 6 Prozent 2023 und 23,4 Prozent 2022. 2025 beschleunigte sich der Einbruch: Im ersten Quartal sanken die Genehmigungen für neue Wohnungen um 37,8 Prozent auf 774 Einheiten. In der Stadt Luxemburg brachen sie um 95,1 Prozent auf nur noch 20 Wohnungen ein.

Die Nachfrage hingegen wächst weiter. Schätzungen zufolge bilden sich in Luxemburg jährlich mehr als 7.000 neue Haushalte, während weniger als 4.000 Wohnungen fertiggestellt werden – ein strukturelles Defizit, das die Immobilienpreise zwischen 2010 und 2021 um rund 135 Prozent in die Höhe trieb, gegenüber etwa 42 Prozent im Euroraum.

Ein Bausektor auf dem Rückzug

Ein Teil des Problems liegt darin, dass ausgerechnet die Branche, die diese Wohnungen liefern soll, geschrumpft ist. Die Bruttowertschöpfung im Bau fiel im ersten Halbjahr 2024 um 7,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr – der stärkste Rückgang der gesamten Wirtschaft, wie STATEC berichtete. Höhere Zinsen bremsten Käufer wie Bauträger, eine Welle von Insolvenzen folgte.

Zwischen 2021 und 2025 gingen rund 712 Bauunternehmen in Konkurs, etwa 4.521 Arbeitsplätze gingen in der Branche verloren, wie aus amtlichen Daten zusammengestellte Zahlen zeigen; 2025 ließen die Pleiten etwas nach. Die Anfrage der Abgeordneten listete die Hemmnisse auf, die auch die Regierung selbst anerkennt:

  • Arbeitskräftemangel und eine Reihe von Firmenpleiten im Bau;
  • die unzureichende Mobilisierung von Bauland;
  • komplexe und langwierige Verwaltungs- und Genehmigungsverfahren;
  • ein wirtschaftliches Umfeld höherer Zinsen, das Projekte verlangsamt oder gestoppt hat.

Der öffentliche Wohnungsbau hat die Lücke nicht gefüllt. Die staatliche Trägergesellschaft für bezahlbares Wohnen SNHBM begann 2024 mit 301 Einheiten und stellte 250 fertig, mehr als 1.000 sind im Bau – hilfreich, aber weit vom nationalen Ziel entfernt und Ausdruck einer langfristigen Kapazität von eher 400 Wohnungen pro Jahr. Der soziale Wohnungsbau macht weiterhin rund 2 Prozent des Bestands aus, einer der niedrigsten Werte Europas.

Was die Regierung unternimmt

Die Minister verweisen auf eine ganze Reihe von Maßnahmen, die das Angebot beleben sollen. Der Staat hat 923 Millionen Euro für bezahlbaren öffentlichen Wohnraum 2024 bis 2026 zugesagt, kauft verstärkt Projekte im Verkauf vom Reißbrett (VEFA) auf, um Baustellen am Laufen zu halten, und treibt den Pacte Logement 2.0 voran, eine bis 2032 laufende Partnerschaft zwischen Staat und Gemeinden. Zudem sollen Genehmigungsverfahren vereinfacht werden, und eine neue Grundmobilisierungssteuer soll Eigentümer davon abhalten, unbebaute Grundstücke zu horten.

Ob all dies die Distanz zu den 6.000 Wohnungen pro Jahr verringert, bleibt offen – und ist, nach eigener Auskunft der Regierung, schlicht nicht gemessen. Die unabhängige Denkfabrik Fondation IDEA warnte im März 2026, die Krise drohe dauerhaft zu werden, und das Ziel sei kurz- bis mittelfristig kaum zu erreichen. Für die Einwohner und die rund 228.000 Grenzgänger, die den Arbeitsmarkt tragen, sind die Folgen unmittelbar: Solange der Bau hinter der Haushaltsbildung zurückbleibt, steigt der Druck auf Preise und Mieten – und die Lücke, die zu schließen die Regierung versprochen hat, wird größer.

Häufig gefragt

Wie viele Wohnungen will Luxemburg pro Jahr bauen?
Die Regierung hält an dem im Koalitionsvertrag verankerten Ziel von 6.000 neuen Wohnungen pro Jahr fest. Premierminister Luc Frieden begründet es damit, dass das Land die rund 12.000 neuen Einwohner unterbringen müsse, die sich jedes Jahr niederlassen.
Warum kann die Regierung ihre Baukapazität nicht beziffern?
In ihrer Antwort vom 19. Juni 2026 erklärten Minister Claude Meisch und Lex Delles, der Staat verfüge zum jetzigen Zeitpunkt über keine konsolidierte und aktualisierte Schätzung der tatsächlichen jährlichen Produktionskapazität im gegenwärtigen Kontext.
Wie viele Wohnungen werden derzeit tatsächlich gebaut?
Zwischen 1970 und 2021 entstanden im Schnitt 2.571 Wohnungen pro Jahr. Die Baugenehmigungen lagen 2024 bei rund 4.025 und brachen im ersten Quartal 2025 um 37,8 Prozent auf 774 Einheiten ein, während sich jährlich mehr als 7.000 neue Haushalte bilden.
Quellen(10)
  1. 1Logements au Luxembourg: le gouvernement maintient-il l'objectif de 6 000 unités par an?L'essentiel · lessentiel.lu
  2. 2Le gouvernement vise 6.000 nouveaux logements par an… à l'aveuglePaperjam · paperjam.lu
  3. 3Housing Crisis in Luxembourg Becoming Permanent, IDEA Analysis SuggestsChronicle.lu · chronicle.lu
  4. 4Luxembourg's Housing Situation: A Double Crisis or the New Normal?Goldbridge Investment Club · goldbridge.lu
  5. 5Conjoncture Flash October 2024: Construction remains in critical conditionSTATEC · statistiques.public.lu
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