Russland · Wirtschaft im Krieg

Russlands Kriegswirtschaft verliert an Substanz – ohne zu brechen

Stockendes Wachstum, ein ausuferndes Defizit, einbrechende Energieerlöse und wachsende Bankenlasten: Die Zahlen zeigen einen schleichenden Substanzverlust – keinen unmittelbaren Zusammenbruch.

Von Jonas Thill · · 5 Min. Lesezeit

Hauptsitz der russischen Zentralbank in der Neglinnaja-Straße in Moskau
Der Hauptsitz der russischen Zentralbank (Bank von Russland) in der Neglinnaja-Straße in Moskau. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Wer Russlands Wirtschaft auf den nahen Zusammenbruch hin liest, liest die Zahlen falsch. Das Wachstum ist erlahmt, das Haushaltsdefizit hat sein Jahresziel binnen dreier Monate gesprengt, die Energieerlöse sind eingebrochen, und in den Bankbilanzen häufen sich faule Kredite. Und doch zeichnen die Daten des IWF, der russischen Institutionen und unabhängiger Forscher das Bild einer Volkswirtschaft, die schwächelt – nicht einer, die kippt.

Genau diese Unterscheidung ist für die europäische Sicherheit die entscheidende Größe. Sie bestimmt, wie lange Moskau seinen Krieg gegen die Ukraine finanzieren kann. Und sie bildet den Rahmen für eine Sanktionspolitik, die die Europäische Union – Luxemburg eingeschlossen – weiterhin einstimmig beschließen muss.

Die Belastung ist messbar

Am 19. Juni 2026 senkte die russische Zentralbank ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf 14,25 Prozent – die neunte Senkung in Folge, nachdem die Kreditkosten im Krieg auf den höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten getrieben worden waren. Die Märkte hatten mit einem kräftigeren Schritt von 50 Basispunkten gerechnet; die vorsichtigere Bewegung signalisierte Sorge vor neuer Preisdynamik. Die Jahresinflation lag Mitte Juni bei 5,6 Prozent, die Notenbank erwartet einen Rückgang auf 4,5 bis 5,5 Prozent im Jahresverlauf.

Vom Wachstum ist kaum etwas geblieben. Der IWF senkte seine Prognose für Russland 2026 auf 0,8 Prozent. Das russische Wirtschaftsministerium ging im Mai noch weiter und kappte seine Erwartung auf nur 0,4 Prozent – nach zuvor 1,3 Prozent –, unterstellt dabei einen Ölpreis von 59 Dollar je Barrel und eine Inflation von 5,2 Prozent. Die Realeinkommen, 2025 noch um 7,7 Prozent gestiegen, sollen nun lediglich um 1,6 Prozent zulegen. Russische Ökonomen selbst beziffern das Minimum für eine nachhaltige Entwicklung auf rund 3,5 Prozent jährlich – weit jenseits dessen, was in Sicht ist.

Am schärfsten spricht der Staatshaushalt. Die Öl- und Gaseinnahmen brachen im ersten Quartal 2026 um etwa 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein, getroffen von niedrigeren Preisen und geringeren Exportmengen, nachdem ukrainische Drohnenangriffe die Exportinfrastruktur beschädigt hatten. Allein in den ersten drei Monaten erreichte das Defizit des Föderationshaushalts 4,58 Billionen Rubel oder 1,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – bereits über dem für das gesamte Jahr gesetzten Ziel von 3,79 Billionen. Bis Ende April weitete es sich auf 5,877 Billionen Rubel oder 2,5 Prozent des BIP aus; die Einnahmen sanken um 8,2 Prozent, während die Ausgaben um 17 Prozent stiegen.

Auch die Polster werden dünner. Die liquiden Mittel des Nationalen Wohlstandsfonds beliefen sich am 1. Juni 2026 auf rund 48 Milliarden Dollar – etwa 1,5 Prozent des prognostizierten BIP und in Dollar gerechnet etwa zwei Drittel weniger als der Vorkriegshöchststand von 113,5 Milliarden Dollar. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft schätzt, dass der liquide Anteil des Fonds von 6,5 Prozent des BIP zu Kriegsbeginn auf 1,8 Prozent im April geschrumpft ist.

Risse im Bankensystem

Der Druck wird inzwischen im Finanzsystem sichtbar. Der Anteil notleidender Kredite an den Bankaktiva stieg von 5,4 Prozent im Jahr 2024 auf 6,5 Prozent bis März 2026; die problembehafteten Aktiva insgesamt erreichten 23,4 Billionen Rubel – etwa 11,2 Prozent der Bilanzsumme. Zentralbankdaten, die im Mai zitiert wurden, zeigten, dass 13 der 78 größten Unternehmen des Landes ihren Schuldendienst nicht mehr leisten konnten – das Erbe billiger Kriegskredite, die nun fällig werden.

Analysten beschreiben eine Zwei-Klassen-Wirtschaft:

  • ein rüstungsindustrieller Komplex, üppig mit Staatsgeld versorgt;
  • ein Privatsektor, eingeklemmt zwischen schwacher Nachfrage und drückend hohen Zinsen.

Manche Beobachter, darunter ein kremlnaher Thinktank, warnen vor einer möglichen systemischen Bankenkrise bis Ende 2026. Notenbankchefin Elwira Nabiullina spielt eine unmittelbare Gefahr von Bankenstürmen herunter.

Erosion statt Absturz

Was die Zahlen nicht zeigen, ist die Abbruchkante. Forscher des Kieler Instituts, des IISS und des CSIS sind sich weitgehend einig: Es handelt sich um strukturelle Erosion, nicht um ein plötzliches Versagen – eine Volkswirtschaft nahe der Auslastungsgrenze, mit ausgezehrtem Arbeitskräftereservoir und wachsender Abhängigkeit von China, auf das mittlerweile rund 35 Prozent des russischen Außenhandels entfallen.

Die grundlegenden Fundamente der Wirtschaft haben sich erheblich abgeschwächt. Die Finanzreserven sind weitgehend aufgebraucht, das Wachstum ist zum Stillstand gekommen, und die Abhängigkeit des Landes von China tritt immer deutlicher hervor.

Diese Einschätzung von Moritz Schularick, dem Präsidenten des Kieler Instituts, bringt das Paradox auf den Punkt. Russland geht weniger das Geld aus als jene Dinge, die sich mit Geld nicht rasch kaufen lassen. Matthew C. Klein, Verfasser der Analyse zur Kriegsfinanzierung des Instituts, formuliert es so: „Die grundlegende Beschränkung, vor der Russland heute steht, ist nicht der Zugang zu Geld, sondern der Zugang zu Menschen, Technologie und Produktionskapazität.“

Vorerst verfügt Moskau über die Mittel, den Krieg fortzusetzen. Der Druck auf die Öleinnahmen, merkte Nabiullina nach dem Zinsentscheid im Juni an, werde durch heimische Versorgungsprobleme verschärft: „Der jüngste Anstieg der Kraftstoffpreise wird sich auf die Juni-Inflation auswirken. Die Regierung ergreift die notwendigen Maßnahmen, doch es kann dauern, bis sich die Versorgung erholt.“

Warum das Luxemburg angeht

Das zähe Schleifen ist genau das Umfeld, in dem Sanktionen wirken sollen. Die EU verabschiedete am 23. April 2026 ihr 20. Paket gegen Russland, das auf Energie, den militärisch-industriellen Komplex, Handel, Finanzdienstleistungen und Kryptowährungen zielt – mit der umfangreichsten Liste einzelner Listungen seit zwei Jahren. Das 19. Paket vom Oktober 2025 hatte bereits Einfuhren von russischem Flüssigerdgas untersagt und 117 Schiffe auf die Schwarze Liste der EU-Schattenflotte gesetzt.

Jedes Paket erfordert die Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten, Luxemburg darunter – und das Großherzogtum steht keineswegs am Rand. Clearstream, einer der zentralen europäischen Wertpapierverwahrer für immobilisierte russische Vermögenswerte, hat seinen Sitz in Luxemburg; das Land zählt neben Belgien, Frankreich und Deutschland zu den großen Verwahrern eingefrorener Gelder. Diese vier sträuben sich gegen eine vollständige Beschlagnahme russischen Staatsvermögens, aus Sorge vor den rechtlichen und finanziellen Risiken.

Je stärker sich Russlands Finanzlage zuspitzt, desto lauter wird diese Debatte werden. Eine Kriegswirtschaft, die schwächelt, aber nicht zerbricht, verspricht keine schnelle Lösung – sondern ein langes Ausdauerringen, in dem die Sanktionspolitik und die in Brüssel abgegebenen Stimmen mitentscheiden, wie die Belastung am Ende durchschlägt.

Häufig gefragt

Steht Russlands Wirtschaft vor dem Zusammenbruch?
Nein. Die Daten von IWF, russischen Institutionen und unabhängigen Forschern zeigen langfristige Fragilität und strukturelle Erosion – stockendes Wachstum, ein wachsendes Defizit und Bankenlasten –, aber keinen unmittelbaren Kollaps. Moskau verfügt vorerst über die Mittel, den Krieg fortzusetzen.
Wie hoch ist das russische Haushaltsdefizit 2026?
Bereits im ersten Quartal 2026 erreichte das Defizit 4,58 Billionen Rubel (1,9 % des BIP) und übertraf damit das Jahresziel von 3,79 Billionen. Bis Ende April weitete es sich auf 5,877 Billionen Rubel (2,5 % des BIP) aus; Analysten von Gazprombank halten 5,5 bis 6 Billionen Rubel für das Gesamtjahr für möglich.
Welche Rolle spielt Luxemburg bei den Sanktionen gegen Russland?
EU-Sanktionen erfordern die Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten, auch Luxemburgs. Mit Clearstream beherbergt das Großherzogtum einen zentralen Verwahrer immobilisierter russischer Vermögenswerte und zählt neben Belgien, Frankreich und Deutschland zu den großen Custodians eingefrorener Gelder – diese vier sträuben sich gegen eine vollständige Beschlagnahme.
Quellen(14)
  1. 1Russian Central Bank Slashes Key Rate to 14.25%The Moscow Times · themoscowtimes.com
  2. 2Bank of Russia cuts the key rate by 25 bp to 14.25% p.a.Bank of Russia · cbr.ru
  3. 3Russia Cuts 2026 Growth Forecast as Oil Revenues and Wartime Pressures Weigh on EconomyThe Moscow Times · themoscowtimes.com
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