Marineaufrüstung in Ostasien

Nordkorea stellt atomwaffenfähigen Zerstörer in Dienst und kündigt 10.000-Tonnen-Flotte an

Kim Jong Un nahm im Hafen Nampo den 5.000 Tonnen schweren Zerstörer Choe Hyon in Betrieb und versprach immer größere Kriegsschiffe – Seoul, Tokio und Washington beobachten eine wachsende Bedrohung.

Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Der 5.000 Tonnen schwere nordkoreanische Lenkwaffenzerstörer der Choe-Hyon-Klasse am Kai im Hafen von Nampo.
Der 5.000 Tonnen schwere Lenkwaffenzerstörer der Choe-Hyon-Klasse am Kai im Hafen von Nampo. Illustrative, KI-generierte Darstellung. Illustration: KI-generiert — Status

Nordkorea hat seinen ersten Lenkwaffenzerstörer offiziell in Dienst gestellt – und zugleich angekündigt, eine Flotte weit größerer, atomar bewaffneter Kriegsschiffe zu bauen. Es ist ein Vorhaben, das die maritime Reichweite des Landes weit über alles Bisherige hinausschieben würde. Vorausgesetzt, die Werften des abgeschotteten Staates können das Versprochene auch liefern.

Machthaber Kim Jong Un nahm den 5.000 Tonnen schweren Zerstörer Choe Hyon am Dienstag bei einer Zeremonie im westlichen Hafen Nampo in den aktiven Dienst, wie die Staatsmedien tags darauf meldeten. Den Anlass nutzte er für die Skizze eines umfassenden Schiffbauprogramms: Vor den Offizieren erklärte er, die nukleare Bewaffnung seiner Marine schreite planmäßig voran und Schiffe von 10.000 Tonnen würden folgen. Darüber berichteten die Nachrichtenagenturen Associated Press, Agence France-Presse und die südkoreanische Yonhap.

In Seoul, Tokio und Washington wurde die Mitteilung aufmerksam verfolgt. Behörden und Fachleute haben das vergangene Jahr damit verbracht, das Tempo der nordkoreanischen Marinemodernisierung gegen die Glaubwürdigkeit von Kims Ankündigungen abzuwägen.

Ein Schiff mit strategischem Anspruch

Die Choe Hyon ist das Typschiff der ersten nordkoreanischen Lenkwaffenzerstörer-Klasse. Das im April 2025 in Nampo zu Wasser gelassene, rund 144 Meter lange Schiff ist das erste Überwasserfahrzeug der koreanischen Volksmarine mit einem vertikalen Startsystem – nach offenen Quellen 88 Zellen unterschiedlicher Größe – und einem Phased-Array-Radar. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA erklärt, es führe Systeme zur Flugabwehr, zur Schiffs- und zur U-Boot-Bekämpfung sowie atomwaffenfähige ballistische Raketen und Marschflugkörper.

Bei der Zeremonie deutete Kim die Indienststellung als Beleg dafür, dass sein maritimes Nuklearprojekt im Plan liege.

"Das Programm zur Ausrüstung der Marine mit Atomwaffen verfolgt seinen vorgesehenen Kurs unbeirrt. Dies ist ein strategischer Weg von entscheidender Bedeutung, denn er wird es ermöglichen, die Nuklearstreitkraft unseres Staates für einen vielseitigen und wirksamen Einsatz bereitzuhalten."

Ein Schwesterschiff, die Kang Kon, soll bald in Dienst gehen. Ihr Weg verlief weniger glatt: Der Zerstörer kenterte bei seinem Stapellauf im Mai 2025, ehe er aufgerichtet und am 12. Juni 2025 erneut zu Wasser gelassen wurde – eine Panne, die den technischen Druck des forcierten Aufbaus offenlegte.

Ehrgeiz, der die Werften übersteigt

Kims bemerkenswerteste Aussagen betrafen das, was als Nächstes kommen soll. Im Rahmen des Fünf-Jahres-Plans zur Verteidigungsentwicklung forderte er den jährlichen Bau zweier Überwasserkampfschiffe einer höheren Klasse als der Choe Hyon, darunter Kreuzer von 10.000 Tonnen.

"Nach der Choe Hyon werden wir bald den Zerstörer Kang Kon in den Dienst übernehmen", sagte Kim laut AFP. "Danach werden wir strategische Kriegsschiffe von 10.000 Tonnen eines nach dem anderen vom Stapel lassen." Zudem werde an einem nuklear angetriebenen U-Boot gebaut. Bereits der Parteitag der Arbeiterpartei im Februar 2026 hatte maritime Fähigkeiten und unter Wasser gestartete Interkontinentalraketen zur Priorität erklärt.

Der genannte Takt ist für jede Marine anspruchsvoll, erst recht für einen sanktionierten Staat mit knappen Ressourcen. Unabhängige Fachleute bezweifeln, ob selbst die Choe Hyon für den dauerhaften Einsatz tatsächlich bereit ist, und verweisen auf Nordkoreas Geschichte aufwendig inszenierter Militärschauen. Eine Auswertung von Satellitenbildern des in Seoul ansässigen Mediums Daily NK ergab, dass die 5.000-Tonnen-Flotte zwar im Bau, in ihrer Gefechtsbereitschaft aber unfertig sei. Das Kentern der Kang Kon verdeutlichte die Kluft zwischen Ankündigung und seetüchtigem Schiff.

Auf dem Papier stünde das Programm für eine deutliche Verschiebung:

  • weg von einer Küstenmarine hin zu größeren, raketenstarken Kampfschiffen, die weiter vor der Küste operieren können;
  • eine Ausdehnung der von Nordkorea beanspruchten taktischen Nuklearoptionen auf den maritimen Raum;
  • eine Verdopplung des Bautempos, die die Überwasserflotte – sofern sie gelingt – binnen Jahren statt Jahrzehnten vergrößern würde.

Russische Spuren und eine wachsame Nachbarschaft

Südkoreanische Behörden und Experten gehen davon aus, dass die Choe Hyon wahrscheinlich mit russischer Hilfe gebaut wurde – vor dem Hintergrund der enger werdenden militärischen Beziehungen zwischen Pjöngjang und Moskau, seit Nordkorea Truppen und Munition für Russlands Krieg in der Ukraine liefert. Nach der Vorstellung des Zerstörers 2025 äußerte sich der Sprecher des südkoreanischen Generalstabs, Lee Sung-jun, vorsichtig, aber deutlich.

"Angesichts der gezeigten Waffen und Ausrüstung halten wir es für möglich, dass sie Technologie, Mittel oder Unterstützung aus Russland erhalten haben", sagte Lee und fügte hinzu, dass der Bau von Kriegsschiffen Jahre und ihre Einsatzbereitschaft weitere Zeit erfordere. Der Sender Radio Free Asia berichtete unter Berufung auf den Abgeordneten Yu Yong-weon, der Überschall-Marschflugkörper des Schiffes ähnele der russischen Zirkon und der Radaraufbau erinnere an die russischen Korvetten der Karakurt-Klasse.

Die Reaktion in der Region fiel bislang nüchtern statt alarmiert aus. Südkoreas Militär erklärt, es halte seine Bereitschaft aufrecht und tausche sich mit den USA und Japan über nordkoreanische Provokationen aus. Nach einer Welle von Raketenstarts Anfang 2026 legte Tokio Protest ein, und das Indo-Pazifik-Kommando der USA erklärte, es berate sich mit Verbündeten. Sowohl Seoul als auch Tokio treiben ihren eigenen Marineausbau voran, einschließlich Programmen für Zerstörer einer neuen Generation, während sich das Bedrohungsbild verschärft.

Die strategische Brisanz liegt nah. Kim erkennt die Northern Limit Line, die faktische westliche Seegrenze zu Südkorea, nicht an. Manche Analysten warnen, Pjöngjang könnte dazu übergehen, in umstrittenen Gewässern eine eigene Seegrenze auszurufen – ein Schritt, der die Gefahr einer Konfrontation in einem der am stärksten militarisierten Meere der Welt erhöhen würde. Ob Nordkorea die versprochene Flotte bauen kann, bleibt ungewiss. Dass es den Versuch wagen will, ist nun offiziell.

Häufig gefragt

Was ist die Choe Hyon?
Die Choe Hyon ist das Typschiff der ersten nordkoreanischen Lenkwaffenzerstörer-Klasse, ein rund 144 Meter langer und 5.000 Tonnen schwerer Zerstörer. Er wurde im April 2025 in Nampo zu Wasser gelassen und ist das erste Überwasserschiff der koreanischen Volksmarine mit vertikalem Startsystem (88 Zellen) und Phased-Array-Radar. Laut Staatsmedien trägt er auch atomwaffenfähige Raketen.
Welche Ausbaupläne hat Kim Jong Un angekündigt?
Im Rahmen des Fünf-Jahres-Verteidigungsplans forderte Kim den jährlichen Bau zweier Überwasserkampfschiffe einer höheren Klasse als der Choe Hyon, darunter Kreuzer von 10.000 Tonnen. Das Schwesterschiff Kang Kon soll bald in Dienst gehen, zudem werde an einem nuklear angetriebenen U-Boot gebaut.
Wurde das Schiff mit russischer Hilfe gebaut?
Südkoreanische Behörden und Experten halten russische Unterstützung für wahrscheinlich. Generalstabssprecher Lee Sung-jun sprach von der 'Möglichkeit', dass Technologie, Mittel oder Hilfe aus Russland geflossen seien. Berichten zufolge ähneln der Marschflugkörper der russischen Zirkon und der Radaraufbau den Korvetten der Karakurt-Klasse.
Wie reagieren Südkorea, Japan und die USA?
Südkoreas Militär hält seine Bereitschaft aufrecht und tauscht sich mit den USA und Japan aus. Nach Raketenstarts Anfang 2026 protestierte Tokio, das US-Indo-Pazifik-Kommando beriet sich mit Verbündeten. Seoul und Tokio treiben zudem eigene Programme für Zerstörer einer neuen Generation voran.
Quellen(12)
  1. 1North Korea's Kim claims progress on nuclear-armed navy as new warship is placed into serviceAssociated Press / ABC News · abcnews.com
  2. 2Kim says North Korea to arm navy with nuclear weapons, build bigger warshipsAgence France-Presse / South China Morning Post · scmp.com
  3. 3N. Korea's Kim unveils plans for 10,000-ton warships, nuclear navyAgence France-Presse / The Korea Herald · koreaherald.com
  4. 4N. Korea commissions 5,000-ton destroyer; Kim expects dramatic boost in naval powerYonhap / The Korea Times · koreatimes.co.kr
  5. 5Choe Hyon-class destroyerWikipedia · en.wikipedia.org
  6. 6North Korean destroyer Choe HyonWikipedia · en.wikipedia.org
  7. 7Russia May Have Helped North Korea With New Warship, Seoul SaysAgence France-Presse / The Defense Post · thedefensepost.com
  8. 8North Korea's reveal of new warship's weapon system hints at Russian support: expertRadio Free Asia · rfa.org
  9. 9North Korean leader Kim inspects new warship and claims progress toward nuclear-armed navyAssociated Press / NBC News · nbcnews.com
  10. 10Satellite analysis: North Korea's 5,000-ton destroyer fleet in construction but short on combat readinessDaily NK · dailynk.com
  11. 11US Allies Ramp Up Sea Power as North Korea Threat RisesNewsweek · newsweek.com
  12. 12During inspection of his most powerful warship, Kim Jong Un denounces South Korea-U.S. military drillsAssociated Press / PBS NewsHour · pbs.org

navigierenöffnenescschließen