Nationale Resilienzstrategie

Fast jeder Zweite in Luxemburg weiß im Ernstfall nicht, was zu tun ist

Die erste landesweite Umfrage zur Risikowahrnehmung offenbart eine Lücke zwischen Wissen und Handeln – während die EU auf 72 Stunden Selbstversorgung drängt.

Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Auf einem Küchentisch ausgebreitetes 72-Stunden-Notfallset mit Wasser, Konserven, Kurbelradio, Taschenlampe, Batterien, Erste-Hilfe-Beutel, Kerzen und Dokumenten.
Ein 72-Stunden-Notfallset für den Haushalt, wie es der Leitfaden „Lëtz prepare!“ empfiehlt (illustratives, KI-generiertes Bild). Illustration: KI-generiert — Status

Die Menschen in Luxemburg fühlen sich gut über die Gefahren informiert, die dem Großherzogtum drohen könnten. Doch auf die Frage, was sie im Katastrophenfall konkret tun würden, gibt fast jeder Zweite zu: Er wüsste es nicht. Dieser Widerspruch steht im Zentrum der ersten landesweiten Umfrage zur Wahrnehmung von Risiken und Bedrohungen, die Premierminister Luc Frieden am 1. Juli im Rahmen der Nationalen Resilienzstrategie vorstellte.

Durchgeführt wurde die Erhebung vom Forschungsinstitut Ilres unter einer repräsentativen Stichprobe von 1.500 Einwohnern. Auftraggeber war die Regierung, die damit ermitteln wollte, wie die Bevölkerung Risiken einschätzt, wie gut sie informiert ist und wie weit sich der Einzelne auf eine mögliche Krise vorbereitet hat. Das Ergebnis nennen die Verantwortlichen selbst ein Paradox, das nun ihre Agenda bestimmt: Das Bewusstsein ist hoch, doch die Vorbereitung hinkt hinterher.

Frieden präsentierte die Zahlen gemeinsam mit Innenminister Léon Gloden, Verteidigungsministerin Yuriko Backes und dem Hohen Kommissar für den nationalen Schutz, Guy Bley. Die Umfrage ist eine erste Bestandsaufnahme für eine Strategie, die die Regierung im Oktober 2025 unter dem Motto „Lëtz prepare!“ auf den Weg gebracht hat – mit dem Ziel, die Verantwortung für die Vorsorge über den Staat hinaus in die Haushalte zu tragen.

Wovor sich die Menschen am meisten fürchten

Bei der Einschätzung, wie wahrscheinlich einzelne Bedrohungen sind, stehen Cyberangriffe an der Spitze: 89 Prozent halten sie für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich. Es folgen Überschwemmungen mit 83 Prozent und extreme Wetterereignisse mit 81 Prozent – greifbare Gefahren, die Luxemburg und die Großregion in den vergangenen Jahren bereits erlebt haben.

Ein anderes Bild ergibt sich, wenn nicht die Wahrscheinlichkeit, sondern das Schadenspotenzial bewertet wird. Als gravierendstes Szenario gilt eine Wirtschafts- oder Finanzkrise, genannt von 76 Prozent, vor Cyberangriffen mit 71 Prozent. Ein nuklearer Unfall – das Kraftwerk Cattenom jenseits der französischen Grenze ist eine Dauersorge in der Region – wird von 69 Prozent für wahrscheinlich gehalten. Militärische Konflikte und nukleare Zwischenfälle erscheinen weniger wahrscheinlich, aber potenziell katastrophal.

Informiert, aber nicht gewappnet

Die eindrücklichsten Zahlen der Umfrage betreffen die Kluft zwischen Wissen und Handeln. 85 Prozent der Einwohner geben an, sich regelmäßig zu informieren – doch bei keinem einzigen Risiko sagt eine Mehrheit, sie wisse, wie zu reagieren sei. Am besten vorbereitet fühlen sich die Befragten bei Extremwetter, wo 41 Prozent nach eigener Einschätzung wüssten, was zu tun ist; am schlechtesten bei geopolitischen Bedrohungen und bewaffneten Konflikten mit lediglich 14 Prozent.

Grundlegende Vorkehrungen im eigenen Haushalt sind zwar verbreitet, für eine schwere Krise aber unzureichend. So verfügen 71 Prozent der Haushalte über einen Rauchmelder, während Lebensmittel- und Wasservorräte, Taschenlampen, Erste-Hilfe-Kenntnisse und Feuerlöscher deutlich seltener vorhanden sind. Auch das nationale Warn- und Informationssystem LU-Alert müsse sichtbarer werden, räumten die Verantwortlichen ein.

Resilienz ist nicht allein Aufgabe des Staates; auch die Gesellschaft muss vorbereitet sein. — Premierminister Luc Frieden

Es gab auch beruhigende Signale. Das Vertrauen darauf, dass die öffentlichen Institutionen die wesentlichen Dienste aufrechterhalten, liegt bei 83 Prozent. Und die Einwohner zeigen eine große Bereitschaft mitzuhelfen: 86 Prozent würden einem Nachbarn beistehen, und 60 Prozent könnten sich vorstellen, sich freiwillig für eine Reserve im Zivilschutz, im Gesundheitswesen oder beim Militär zu engagieren.

Europas Ruf nach 72 Stunden

Die Ergebnisse fallen in eine Zeit, in der die Europäische Union die Bürger dazu anhält, in den ersten Stunden eines Notfalls mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen. Im März 2025 stellte die EU-Kommission ihre Strategie für eine Union der Vorsorge vor – ein Paket aus 30 Schlüsselmaßnahmen – und forderte die Haushalte auf, sich mindestens 72 Stunden lang selbst versorgen zu können, sollten die wesentlichen Dienste ausfallen. Der Ansatz ist von den nordischen Ländern inspiriert.

Hadja Lahbib, EU-Kommissarin für Vorsorge und Krisenmanagement, sagte bei der Vorstellung: „Vorsorge muss fest im Gefüge unserer Gesellschaften verankert sein – jeder hat eine Rolle zu spielen.“

Zu einem empfohlenen 72-Stunden-Set gehören in der Regel:

  • Wasser und haltbare Lebensmittel
  • Medikamente und ein Erste-Hilfe-Set
  • eine Taschenlampe sowie ein batteriebetriebenes Radio
  • Ausweisdokumente

Von der Strategie zur Sporthalle

Luxemburgs Antwort stützt sich auf die Nationale Resilienzstrategie unter dem Label „Lëtz prepare!“. Ein gleichnamiger Bürgerleitfaden – mit praktischen Hinweisen zum Zusammenstellen eines 72-Stunden-Sets, zum Verständnis von LU-Alert und zum richtigen Verhalten im Notfall – soll die Haushalte im weiteren Verlauf des Jahres 2026 erreichen, begleitet von Sensibilisierungskampagnen, die sich besonders an verletzliche Gruppen richten.

Gloden verwies auf konkretere Hebel, etwa Anreize für Gemeinden, die in öffentlichen Gebäuden Kapazitäten zur Unterbringung schaffen. „Si nous construisons un hall de sport par exemple, il y aurait des subventions bonus si le hall peut abriter des gens pendant 72 heures“, sagte er – eine Sporthalle, die Menschen 72 Stunden lang beherbergen kann, käme demnach für Bonus-Subventionen infrage. Zudem hat die Regierung eine nationale Reserve spezialisierter Fähigkeiten in den Zivilschutz eingegliedert.

Bei aller Beunruhigung über Cyberangriffe, Überschwemmungen und geopolitische Instabilität ist die Botschaft der Umfrage an die Politik enger und praktischer gefasst: Das Problem des Landes ist nicht Gleichgültigkeit, sondern eine Wissenslücke. Sie zu schließen, so die Minister, werde aus einer gut informierten Bevölkerung eine wirklich vorbereitete machen.

Häufig gefragt

Was hat die Umfrage zur Krisenvorsorge in Luxemburg ergeben?
Die erste nationale Umfrage zur Risikowahrnehmung, durchgeführt von Ilres unter 1.500 Einwohnern, zeigt: Die Bevölkerung ist gut informiert, doch fast die Hälfte wüsste im Ernstfall nicht, wie sie handeln soll. Bei keinem Risiko wusste eine Mehrheit, wie zu reagieren ist.
Was ist die 72-Stunden-Regel der EU?
Die EU-Kommission empfiehlt seit ihrer Strategie für eine Union der Vorsorge vom März 2025, dass Haushalte sich mindestens 72 Stunden selbst versorgen können, falls wesentliche Dienste ausfallen. Ein entsprechendes Set umfasst unter anderem Wasser, haltbare Lebensmittel, Medikamente, eine Taschenlampe, Ausweisdokumente und ein batteriebetriebenes Radio.
Was ist „Lëtz prepare!“?
„Lëtz prepare!“ ist das Label der luxemburgischen Nationalen Resilienzstrategie, die Premierminister Luc Frieden im Oktober 2025 vorstellte. Ein gleichnamiger Bürgerleitfaden mit praktischen Hinweisen zum 72-Stunden-Set, zu LU-Alert und zum Verhalten im Notfall soll die Haushalte im Laufe des Jahres 2026 erreichen.
Welche Risiken beunruhigen die Menschen in Luxemburg am meisten?
Als wahrscheinlichste Risiken gelten Cyberangriffe (89 %), Überschwemmungen (83 %) und Extremwetter (81 %). Beim Schadenspotenzial führt die Wirtschafts- oder Finanzkrise (76 %) vor Cyberangriffen (71 %); ein nuklearer Unfall – die Sorge gilt Cattenom – wird von 69 % für wahrscheinlich gehalten.
Quellen(6)
  1. 1Survey Finds Nearly Half of Luxembourg Residents Unprepared for CrisesChronicle.lu · chronicle.lu
  2. 2«La résilience n'est pas le devoir seulement de l'État»Le Quotidien · lequotidien.lu
  3. 3Conférence de presse: présentation des résultats de l'enquête nationale sur la perception des risques et menacesLe gouvernement luxembourgeois · gouvernement.lu
  4. 4EU Preparedness Union Strategy to prevent and react to emerging threats and crisesEuropean Commission — Civil Protection and Humanitarian Aid · civil-protection-humanitarian-aid.ec.europa.eu
  5. 5"Lëtz prepare!": Luc Frieden presents the National Resilience StrategyThe Luxembourg Government · gouvernement.lu
  6. 6Brussels calls for EU households to prepare 72-hour survival kitsFrance 24 · france24.com

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