Jahresbericht 2025
Häusliche Gewalt: Luxemburgs Polizei rückt 2025 so oft aus wie seit zehn Jahren nicht
1.297 Polizeieinsätze bedeuten ein Zehnjahreshoch, die Staatsanwaltschaft verhängte 334 Wegweisungen – und das Hilfesystem stößt sichtbar an seine Grenzen.
Von Tom Schmit · · 4 Min. Lesezeit

Mehr als drei Polizeieinsätze pro Tag, fast jeden Tag eine Wegweisung: Die Zahlen, die Luxemburgs interprofessioneller Ausschuss zur Bekämpfung häuslicher Gewalt für das Jahr 2025 vorgelegt hat, zeichnen das Bild eines Landes, das ein lange tabuisiertes Problem zunehmend offen verhandelt – und dessen Schutzsystem dabei an Belastungsgrenzen stößt.
Insgesamt 1.297 Mal rückte die Polizei 2025 wegen häuslicher Gewalt aus. Das sind 10,1 Prozent mehr als die 1.178 Einsätze des Vorjahres und der höchste Wert seit zehn Jahren. 2023 waren es 1.057 Fälle gewesen. Umgerechnet bedeutet das im Schnitt 108 Einsätze pro Monat in einem Land mit rund 680.000 Einwohnern. Vorgestellt wurde der Bericht Ende Juni 2026 von Gleichstellungsministerin Yuriko Backes (DP), zuvor war er der Familienkommission der Abgeordnetenkammer präsentiert worden.
Wer die Zahlen zusammenträgt
Der Jahresbericht bündelt Daten der Staatsanwaltschaften der Bezirksgerichte Luxemburg und Diekirch, der großherzoglichen Polizei, der Opferhilfsdienste SAVVD, PSYea und ALTERNATIVES sowie des Täterdienstes Riicht Eraus. Erfasst wurden 2.802 Menschen, die 2025 in den eigenen vier Wänden Opfer von Gewalt wurden. In rund acht von zehn Fällen waren es Frauen, knapp drei von zehn Betroffenen waren Kinder. Etwa 80 Prozent der Vorfälle ereigneten sich innerhalb einer Paarbeziehung. Bei den körperlichen Übergriffen dominierte die physische Gewalt mit 79,1 Prozent, gefolgt von ökonomischer (7 Prozent) und sexualisierter Gewalt (5,5 Prozent).
Auf der Gegenseite identifizierte die Polizei 2.075 mutmaßliche Täterinnen und Täter – 63,5 Prozent davon Männer, 36,4 Prozent Frauen, was 1.318 Männern und 755 Frauen entspricht. Rund 3,3 Prozent waren minderjährig.
Anzeige statt Wegsehen
Den Anstieg allein als Zunahme der Gewalt zu lesen, halten die Verantwortlichen für verkürzt. Ein erheblicher Teil, so die Einschätzung, spiegelt eine gewachsene Bereitschaft wider, Vorfälle zu melden, sowie ein Umfeld, das aufmerksamer auf Warnsignale reagiert.
"Wir stellen es fest: Immer mehr Menschen aus dem Umfeld – Nachbarn, Freunde, Angehörige – melden uns mögliche Gewalttaten", sagte Kristin Schmit, Zentraldirektorin der Kriminalpolizei, der Tageszeitung Le Quotidien.
Fast täglich eine Wegweisung
In 334 Fällen ordnete die Staatsanwaltschaft 2025 an, die mutmaßlich gewalttätige Person aus der gemeinsamen Wohnung zu entfernen – 47 mehr als 2024 und ein Plus von 16 Prozent. Das entspricht im Schnitt 28 Wegweisungen pro Monat, also nahezu einer pro Tag. Nach luxemburgischem Recht kann die Polizei auf Anordnung der Staatsanwaltschaft einen gewalttätigen Partner zunächst für 14 Tage aus der gemeinsamen Wohnung verweisen – eine Maßnahme, die Opfern Luft verschaffen soll, ohne dass sie selbst fliehen müssen. 130 Mal wurden diese Anordnungen 2025 verlängert.
Wer das Zuhause verlassen muss und wer geschützt wird, fiel über alle Daten hinweg eindeutig aus:
- 87,7 Prozent der weggewiesenen Personen waren Männer;
- 81,6 Prozent der durch eine Wegweisung geschützten Opfer waren Frauen;
- etwa jede fünfte Wegweisung betraf einen Wiederholungstäter.
Ein System unter Druck
Hinter den großen Zahlen benennt der Bericht konkrete Schwachstellen. 21,5 Prozent der 2025 weggewiesenen Personen waren Wiederholungstäter – und 55,6 Prozent von ihnen erschienen nicht zu den verpflichtenden Terminen bei Riicht Eraus, die ihr Verhalten bearbeiten sollen. Eine Lücke, die nach Einschätzung des Ministeriums die Fähigkeit des Systems schwächt, Gewaltspiralen zu durchbrechen. Backes verwies auf eine in Auftrag gegebene Studie, die die Profile rückfälliger Täter erfassen und Luxemburgs Vorgehen mit anderen Ländern vergleichen soll; operative Empfehlungen werden im weiteren Verlauf des Jahres 2026 erwartet.
Eng wird es auch am anderen Ende des Systems. Die Hilfsdienste meldeten eine Warteliste von rund 50 bis 60 Frauen, häufig mit ihren Kindern, die einen Platz in einer Schutzunterkunft suchen – ein Engpass, vor dem Fachleute seit Langem warnen, weil er Betroffene gerade im gefährlichsten Moment, beim Versuch zu gehen, schutzlos lassen kann. Das neu geschaffene Nationale Zentrum für Gewaltopfer (CNVV) betreute in seinem ersten Betriebsjahr mehrere Hundert Menschen.
Backes stellte die Zahlen als ein Problem dar, dem sich das Land offener stelle, das aber keineswegs gelöst sei – die Entwicklung bei Einsätzen und Wegweisungen weise noch nicht in die richtige Richtung.
"Im Kampf gegen häusliche Gewalt setzen wir weiterhin auf einen mehrdimensionalen Ansatz, der den Schutz der Opfer, die Begleitung der Gewalttäterinnen und Gewalttäter sowie die Sensibilisierung miteinander verbindet", sagte die Ministerin bei der Vorstellung des Berichts.
Die Regierung hat die Arbeit in einen Nationalen Aktionsplan gegen geschlechtsspezifische Gewalt eingebettet, der Dutzende Projekte über mehrere Ministerien hinweg bündelt. Vor dem Parlamentsausschuss erklärte Backes, das Budget ihres Ministeriums sei seit 2024 um rund ein Viertel gewachsen, der größte Teil des Zuwachses fließe in die Prävention. Mit Blick auf die Rückfälligkeit nannte sie das Ziel der neuen Studie unmissverständlich: "Wir wollen verstehen, wo die Probleme liegen und was wir künftig bei der Betreuung rückfälliger Gewalttäter verbessern können", sagte sie.
Bleibt vorerst eine nüchterne Bilanz: mehr als drei Polizeieinsätze pro Tag und fast täglich eine Person, die ihr Zuhause verlassen muss – in einem der wohlhabendsten und kleinsten Staaten Europas.
Häufig gefragt
- Wie viele Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt gab es 2025 in Luxemburg?
- Die Polizei rückte 2025 insgesamt 1.297 Mal aus – im Schnitt 108 Einsätze pro Monat und mehr als drei pro Tag. Das sind 10,1 Prozent mehr als die 1.178 Einsätze von 2024 und der höchste Wert seit zehn Jahren.
- Was bedeutet eine Wegweisung nach luxemburgischem Recht?
- Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft kann die Polizei eine gewalttätige Person zunächst für 14 Tage aus der gemeinsamen Wohnung verweisen, damit Opfer nicht selbst fliehen müssen. 2025 wurden 334 solcher Wegweisungen verhängt und 130 Mal verlängert.
- Warum steigen die Zahlen häuslicher Gewalt in Luxemburg?
- Laut Polizei spiegelt der Anstieg zu großen Teilen eine höhere Anzeigebereitschaft und ein aufmerksameres Umfeld wider. Immer häufiger melden Nachbarn, Freunde und Angehörige mögliche Gewalttaten, betont Kriminalpolizei-Zentraldirektorin Kristin Schmit.
- Was unternimmt die Regierung gegen die Rückfälligkeit?
- Gleichstellungsministerin Yuriko Backes hat eine Studie zu den Profilen rückfälliger Täter in Auftrag gegeben; operative Empfehlungen werden 2026 erwartet. Das Ministerbudget wuchs seit 2024 um rund ein Viertel, der Großteil fließt in die Prävention.
Quellen(7)
- 1Luxembourg Records 1,297 Domestic Violence Police Interventions in 2025Chronicle.lu · chronicle.lu
- 2Les interventions pour violence conjugale ont augmenté de 10% en 2025Paperjam · paperjam.lu
- 3Au Luxembourg, violences domestiques: davantage d'interventions et d'expulsionsL'essentiel · lessentiel.lu
- 4Violences intrafamiliales en hausse: plus de trois interventions policières chaque jourLe Quotidien · lequotidien.lu
- 5La lutte contre la violence domestique continue — le rapport 2025Chambre des Députés du Grand-Duché de Luxembourg · chd.lu
- 6Yuriko Backes présente le Plan d'action national « Violences fondées sur le genre » et le rapport du Comité de coopération (rapport 2024)Ministère de l'Égalité des genres et de la Diversité / gouvernement.lu · mega.gouvernement.lu
- 7Domestic violence — Victim support (legal framework: 14-day police eviction)Portail de la Police Grand-Ducale · police.public.lu
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