Machtwechsel in Großbritannien

Nach Starmers Rücktritt: Andy Burnham gilt als Favorit für die Labour-Spitze

Keir Starmers Rücktritt macht den Weg frei für den Bürgermeister von Greater Manchester. Burnham wirbt bereits für ein Programm aus Dezentralisierung, öffentlicher Kontrolle und ruhigem EU-Kurs.

Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Die schwarze Eingangstür von 10 Downing Street in London, dem Amtssitz des britischen Premierministers
Die schwarze Tür von 10 Downing Street, dem Amtssitz des britischen Premierministers. Illustrative, mit KI erzeugte Abbildung. Illustration: KI-generiert — Status

Großbritannien steuert auf seinen siebten Regierungschef binnen eines Jahrzehnts zu. Sir Keir Starmer kündigte am 22. Juni an, als Vorsitzender der Labour-Partei und als Premierminister zurückzutreten. Damit endet eine monatelange parteiinterne Revolte – und der Weg wird frei für einen Mann, der erst vier Tage zuvor ins Unterhaus zurückgekehrt war: Andy Burnham, Bürgermeister von Greater Manchester. Als haushoher Favorit auf die Nachfolge hat dieser bereits begonnen, die Schwerpunkte einer Regierung zu umreißen, die er noch gar nicht führt.

Starmer verkündete seinen Schritt vor der Nummer 10 in der Downing Street. Er beugte sich damit einem Druck, der seit den schweren Verlusten Labours bei den Kommunalwahlen im Mai und dem Höhenflug von Nigel Farages Partei Reform UK stetig gewachsen war. Im Amt bleibt er, bis die Partei einen Nachfolger bestimmt hat.

Ich habe die Antwort meiner Unterhausfraktion auf diese Frage gehört, und ich nehme diese Antwort mit Anstand an.

Eine Nachwahl als Steigbügel

Auslöser war eine Nachwahl. Am 18. Juni gewann Burnham den Wahlkreis Makerfield in Greater Manchester mit 54,8 Prozent der Stimmen und einem Vorsprung von mehr als 9.200 Stimmen vor Reform UK – ein deutlicheres Ergebnis, als die Umfragen vorhergesagt hatten. Die Wahlbeteiligung lag bei 58,8 Prozent, dem höchsten Wert bei einer Unterhaus-Nachwahl seit 2019. Der Urnengang war eigens für ihn arrangiert worden: Der bisherige Labour-Abgeordnete Josh Simons hatte sein Mandat niedergelegt, damit Burnham, der über keinen Parlamentssitz verfügte, ins Unterhaus zurückkehren und sich für die Parteiführung qualifizieren konnte.

Nach dem Zeitplan, den Labours Nationales Exekutivkomitee festgelegt hat, beginnt die Nominierungsphase am 9. Juli und endet am 16. Juli. Eine neue Führung soll feststehen, bevor das Parlament im September zusammentritt. Bislang ist Burnham der einzige erklärte Bewerber; sein prominentester möglicher Rivale, der frühere Gesundheitsminister Wes Streeting, hat einen Antritt ausgeschlossen. Bleibt eine Gegenkandidatur aus, könnte Burnham binnen Wochen im Amt sein. „Ich werde mich als Teil dieses Verfahrens zur Wahl stellen“, sagte er dem Sender Sky News.

Was „Manchesterism“ bedeutet

Burnham, 56, ist eine vertraute Figur der britischen Politik. Von 2001 bis 2017 saß er als Abgeordneter für Leigh im Unterhaus, war unter Gordon Brown Gesundheitsminister und regiert seit 2017 Greater Manchester, wo er drei Bürgermeisterwahlen gewann. Zweimal, 2010 und 2015, bewarb er sich um den Labour-Vorsitz – und unterlag beide Male.

Sein Angebot ruht auf dem, was er „Manchesterism“ nennt: der These, dass sein dezentrales, regional verankertes Modell aus Greater Manchester auf das gesamte Land übertragen werden sollte. Beobachter und seine eigenen Schriften zeichnen ein Programm, das wirtschaftsfreundliches Wachstum mit mehr öffentlicher Kontrolle über die Grundversorgung verbindet. Zu seinen erklärten Prioritäten zählen:

  • wirtschaftliche Erneuerung und die Rückgewinnung von Vertrauen in die Politik;
  • eine tiefere Übertragung von Befugnissen und Geldern aus Whitehall an die englischen Regionen;
  • ein größerer öffentlicher Anteil an Wohnen, Energie, Wasser und Verkehr;
  • eine Verfassungsreform, einschließlich der Ersetzung des Oberhauses durch eine gewählte Kammer der Nationen und Regionen.

Den Augenblick fasst er in scharfen Worten: Wer das Vertrauen nicht zurückgewinne, riskiere eine zunehmend gespaltene Politik. „Die Politik wird immer stärker polarisiert“, warnte er und mahnte, Großbritannien drohe „in Richtung der Politik der Vereinigten Staaten von Amerika“ abzudriften. Farage, dessen Partei in Makerfield Zweite wurde, hält wenig von der Art, in der Burnham an die Macht zu gelangen droht: Eine einzige Nachwahl verleihe ihm kein Mandat, das Land zu regieren.

Ein ruhiger Kurs – auch für Luxemburg

Für die Europäische Union und für die Gemeinschaften in Luxemburg, die mit Großbritannien verbunden sind, ist das wichtigste Signal Kontinuität. Von früheren Äußerungen zugunsten einer EU-Mitgliedschaft ist Burnham abgerückt; im Mai erklärte er, er schlage keinen Wiederbeitritt vor, und stellte sich damit hinter Starmers Linie, wonach Großbritannien weder dem Binnenmarkt noch der Zollunion wieder beitreten werde. Analysten erwarten, dass er die bereits begonnene schrittweise Annäherung fortsetzt – ein Veterinär- und Agrarabkommen, engere Zusammenarbeit bei Strom- und CO2-Märkten sowie die regelmäßige Teilnahme an den Gipfeln der Europäischen Politischen Gemeinschaft –, statt die Brexit-Frage neu aufzurollen.

Dieser vorsichtige Kurs zählt in Luxemburg, wo ein eng mit der Londoner City verflochtener Finanzsektor und eine lange ansässige britische Gemeinde beheimatet sind. Die amtliche Statistik verzeichnete Anfang 2023 genau 3.924 britische Staatsangehörige im Großherzogtum – eine Zahl, die dadurch gedämpft wird, dass viele Briten nach dem Brexit die luxemburgische Staatsbürgerschaft annahmen. Eine Regierung, die weiterverhandelt, ohne nach der einen oder anderen Seite auszuscheren, verspricht ein Maß an Berechenbarkeit für Auswanderer und für Unternehmen, die Geschäfte über den Ärmelkanal hinweg steuern – auch wenn die größere Frage nach Großbritanniens langfristigem Platz in Europa offen bleibt.

Vorerst aber gehen die Förmlichkeiten vor. Bis Labour seinen Wettbewerb abgeschlossen hat, bleibt Starmer Premierminister und Burnham ein Abgeordneter von wenigen Tagen – ein Regierungschef in Wartestellung, der ein Programm vorlegt, für dessen Umsetzung ihm die Macht erst noch übergeben werden muss.

Häufig gefragt

Warum tritt Keir Starmer zurück?
Starmer beugte sich einem monatelangen parteiinternen Druck, der durch Labours schwere Verluste bei den Kommunalwahlen im Mai 2026 und den Aufstieg von Reform UK verstärkt wurde. Er kündigte den Rücktritt am 22. Juni vor der Downing Street an, bleibt aber bis zur Wahl eines Nachfolgers Premierminister.
Ist Andy Burnham bereits Premierminister?
Nein. Burnham ist seit dem 18. Juni wieder Abgeordneter und der einzige erklärte Bewerber um den Labour-Vorsitz, doch das parteiinterne Auswahlverfahren läuft noch. Erst nach dessen Abschluss könnte er Starmer als Regierungschef ablösen.
Was bedeutet ein Premier Burnham für Luxemburg?
Burnham setzt gegenüber der EU auf Kontinuität ohne Rückkehr in Binnenmarkt oder Zollunion. Für Luxemburg mit seinem eng an die Londoner City gebundenen Finanzsektor und rund 3.924 britischen Einwohnern (Anfang 2023) verspricht das Berechenbarkeit.
Quellen(12)
  1. 1Why has Keir Starmer resigned as UK prime minister, and who will take over?Al Jazeera · aljazeera.com
  2. 2Keir Starmer resignation, UK to get seventh PM in a decade, as Andy Burnham likely to replace him (live)CNN · cnn.com
  3. 3Keir Starmer resigns as prime minister; Andy Burnham expected to be next U.K. leaderNBC News · nbcnews.com
  4. 4Who is Andy Burnham, the man likely to replace British PM Keir Starmer after his resignation?CBS News · cbsnews.com
  5. 5How Will the New Prime Minister Be Chosen—and How Soon Could They Be in Downing Street?TIME · time.com
  6. 62026 Labour Party leadership crisisWikipedia · en.wikipedia.org
  7. 72026 Makerfield by-electionWikipedia · en.wikipedia.org
  8. 8Andy BurnhamWikipedia · en.wikipedia.org
  9. 9Britain poised for 'Manchesterism' under presumptive next PM Andy BurnhamFortune · fortune.com
  10. 10More integration? What an Andy Burnham premiership might do to EU–UK relationsEU Perspectives · euperspectives.eu
  11. 11Andy Burnham's Brexit gambleNew Statesman · newstatesman.com
  12. 12Demographics of Luxembourg (UK nationals resident, 1 Jan 2023)Wikipedia / STATEC · en.wikipedia.org

navigierenöffnenescschließen