Energiemärkte
Washington öffnet Irans Öl für 60 Tage – die Rohölpreise geben nach
Eine befristete US-Lizenz lässt iranisches Rohöl erstmals seit 2018 wieder auf den Weltmarkt. Bis zum 21. August sinken die Notierungen – auch Europas Inflationsdruck lässt nach.
Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Zum ersten Mal seit 2018 darf einer der größten Ölförderer der Welt wieder offen auf den Weltmärkten verkaufen: Die Vereinigten Staaten haben ihre Sanktionen gegen iranisches Rohöl vorübergehend ausgesetzt. Die Folge zeigte sich umgehend an den Börsen – die Notierungen gaben nach, und mit ihnen lockert sich jener energiegetriebene Preisdruck, der Europa seit dem Frühjahr begleitet.
Das US-Finanzministerium erteilte am 22. Juni eine auf 60 Tage befristete Allgemeingenehmigung, die Produktion, Lieferung und Verkauf von iranischem Rohöl, Mineralölprodukten und Petrochemikalien gestattet. Die Erlaubnis gilt bis zum 21. August, 0:01 Uhr Ostküstenzeit. Sie deckt zugleich die Dienstleistungen ab, ohne die kein Ölhandel funktioniert – Schifffahrt, Versicherung und finanzielle Abwicklung – und lässt sogar die Einfuhr iranischer Ladungen in die USA selbst zu. Finanzminister Scott Bessent verkündete die Maßnahme und ordnete sie in einen größeren Rahmen mit Teheran ein.
Die Lizenz setzt eine Bedingung aus einer Absichtserklärung um, die beide Regierungen am 17. Juni unterzeichneten – ein auf 60 Tage angelegtes Übergangsabkommen nach wochenlanger Konfrontation am Golf. Diese hatte die Straße von Hormus zeitweise blockiert und den Rohölpreis Richtung 120 Dollar je Fass getrieben. Eine endgültige Einigung ist es noch nicht: Unterhändler verhandeln weiter im schweizerischen Bürgenstock, vermittelt von Katar und Pakistan. Offen bleiben das iranische Atomprogramm und die Kämpfe im Libanon.
Was die Genehmigung konkret erlaubt
Die Lockerung ist weitreichend, aber klar umrissen. Nach Angaben des Finanzministeriums und zeitgleicher Berichterstattung umfasst die Allgemeingenehmigung:
- Förderung, Transport und Verkauf von iranischem Rohöl, Raffinerieprodukten und Petrochemikalien;
- zuvor auf schwarzen Listen geführte Tanker, die wieder iranisches Öl laden dürfen;
- Geschäfte in US-Dollar samt der zugehörigen Versicherungs- und Bankdienstleistungen;
- die Einfuhr iranischen Öls in die Vereinigten Staaten.
Zugleich behielt Washington Grenzen bei. Ausdrücklich ausgeschlossen bleiben alle Geschäfte, an denen Nordkorea, Kuba oder von Russland besetztes Gebiet in der Ukraine beteiligt sind – sie unterliegen weiter eigenen US-Sanktionen. Und weil es sich um eine zeitlich begrenzte Ausnahme handelt und nicht um eine dauerhafte Aufhebung, wissen die Händler: Das Fenster kann am 21. August wieder zufallen, sollten die Gespräche scheitern.
Ein fragiles diplomatisches Tauschgeschäft
Für Washington ist die Öl-Erleichterung der Köder eines Sicherheitsabkommens. Bessent knüpfte die Lizenz unmittelbar an Zusagen, die Teheran am Verhandlungstisch machte.
„Der Iran hat sich zur freien und offenen Durchfahrt durch die Straße von Hormus verpflichtet und dazu, Inspektoren der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) ins Land zu lassen“, sagte Bessent.
Vizepräsident JD Vance, der die US-Delegation in der Schweiz anführte, erklärte, beide Seiten hätten „ein sehr gutes Fundament für ein erfolgreiches Endabkommen gelegt“. Schiffsdaten zeigten, dass der Verkehr durch die Straße von Hormus – jenes Nadelöhr, durch das normalerweise rund ein Fünftel des Welterdöls fließt – sich wieder dem Vorkriegsniveau näherte: An einem Samstag passierten 67 Schiffe die Meerenge, gegenüber zuvor etwa 125 Querungen pro Tag.
Märkte und Europas Energierechnung
Die Ölmärkte, die während des Konflikts steil nach oben geschossen waren, setzten ihren Rückzug fort. Brent notierte am 22. Juni bei rund 77,90 Dollar je Fass, ein Tagesminus von etwa 3,3 Prozent und nur noch rund sieben Prozent über dem Stand vor Kriegsbeginn am 28. Februar. Die US-Sorte WTI bewegte sich nahe 74 Dollar. Auf dem Höhepunkt des Krieges hatten die Frontmonats-Kontrakte fast 120 Dollar erreicht.
Wie viel iranisches Öl tatsächlich zurückkehrt – und wie schnell –, wird die kommenden Monate prägen. Vor dem Konflikt lag Irans Förderobergrenze bei etwa 3,8 Millionen Fass täglich. Ein zügiger Neustart könnte nach Einschätzung von Analysten binnen der 60 Tage bis zu zwei Millionen Fass pro Tag hinzufügen; viele rechnen jedoch mit einem langsameren Hochlauf, weil die sanktionierte Logistik erst wieder aufgebaut werden muss.
„Sieht man vom Inhalt der Absichtserklärung einmal ab, dürften die Märkte begrüßen, dass die USA und der Iran sie früher unterzeichnet haben als zunächst erwartet“, sagte Norihiro Yamaguchi, Ökonom bei Oxford Economics.
Am meisten steht für Europa auf dem Spiel, das 80 bis 85 Prozent seines Öls einführt und den Preisschock des Krieges besonders deutlich spürte. Jede Bewegung von zehn Dollar beim Rohöl schlägt – je nach nationaler Besteuerung – mit etwa drei bis sechs Cent je Liter an Europas Zapfsäulen durch: ein direkter Kanal in die Verbraucherpreise, den die Europäische Zentralbank genau verfolgt. Beim Gas zeichnete sich ein ähnliches Bild: Der Referenzkontrakt TTF, im März auf fast 62 Euro je Megawattstunde gestiegen, gab auf etwa 44 Euro nach.
Dass billigeres iranisches Rohöl den Sprung vollständig rückgängig macht, halten Fachleute dennoch für unwahrscheinlich. Die beschädigte Energieinfrastruktur am Golf – mehr als 40 Anlagen – braucht Monate bis Jahre für die Reparatur; für die Erholung des katarischen Ras Laffan werden bis zu fünf Jahre genannt. Prämien für Fracht und Versicherung bleiben erhöht, und Europas Speicher müssen vor dem Winter erneut gefüllt werden.
„Der Boden liegt wahrscheinlich höher als vor der Krise, weil Europa seine niedrigen Speicher wieder auffüllen muss – Preise oberhalb von 40 Euro je Megawattstunde sind daher ein plausibles Szenario für die nähere Zeit nach dem Abkommen“, sagte Andrei Covatariu, Energieanalyst beim Atlantic Council.
Vorerst senden die Märkte ein Signal vorsichtiger Erleichterung. Ein diplomatischer Ausweg am Golf hat das Rohöl weit unter seine Kriegshochs gedrückt und nimmt etwas Druck von Europas energiegetriebener Inflation – doch die Atempause trägt, wie die Lizenz selbst, ein Verfallsdatum.
Häufig gefragt
- Wie lange gilt die Lockerung der Iran-Sanktionen?
- Die Allgemeingenehmigung des US-Finanzministeriums ist auf 60 Tage befristet und läuft bis zum 21. August 2026, 0:01 Uhr Ostküstenzeit. Es handelt sich um eine zeitlich begrenzte Ausnahme, nicht um eine dauerhafte Aufhebung.
- Was genau erlaubt die US-Lizenz?
- Sie gestattet Produktion, Lieferung und Verkauf iranischen Rohöls, von Raffinerieprodukten und Petrochemikalien samt Schifffahrt, Versicherung und Dollar-Abwicklung, lässt zuvor gelistete Tanker wieder fahren und erlaubt sogar Einfuhren in die USA. Ausgenommen bleiben Geschäfte mit Nordkorea, Kuba und von Russland besetztem Gebiet in der Ukraine.
- Welche Folgen hat die Maßnahme für Europa?
- Europa importiert 80 bis 85 Prozent seines Öls. Sinkende Rohölpreise entlasten Zapfsäulen und Verbraucherpreise – rund drei bis sechs Cent je Liter pro Zehn-Dollar-Bewegung. Analysten erwarten aber keine vollständige Rückkehr zum Vorkriegsniveau, weil Speicher gefüllt werden müssen und Golf-Infrastruktur beschädigt ist.
Quellen(9)
- 1US partially lifts Iran oil sanctions amid 'encouraging' talksAl Jazeera · aljazeera.com
- 2U.S. eases Iran oil sanctions under temporary peace agreementWorld Oil · worldoil.com
- 3Treasury Department issues temporary license for Iranian oil salesThe Hill · thehill.com
- 4US Treasury eases sanctions, issues 60-day license for Iranian oil amid progress in peace talksANI News · aninews.in
- 5Oil prices fall, stocks rally as US, Iran sign framework to end warAl Jazeera · aljazeera.com
- 6Oil Prices Mixed as Brent Falls to $77.90, WTI Gains on Easing Middle East Tensions and Iran Sanctions WaiverGulf News · gulfnews.com
- 7U.S., Iran agree on roadmap for final deal and plan to end military operations in LebanonCNBC · cnbc.com
- 8US, Iran make 'encouraging progress' after hours-long talks in Burgenstock; agree on roadmap to reach final peace deal in 60 daysDawn · dawn.com
- 9Why oil and gas prices could stay high in Europe even if the Iran war endsEuronews · euronews.com
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