Industriepolitik

Südkoreas Billionen-Programm: Samsung und SK Hynix führen Chip- und KI-Offensive an

Präsident Lee Jae-myung und die Spitzen von Samsung und SK Hynix kündigen eines der größten Industrieprogramme des KI-Zeitalters an – neben dem Europas Chip-Budget klein wirkt.

Von Marc Weber · · 4 Min. Lesezeit

Techniker im Reinraumanzug hält einen 300-Millimeter-Silizium-Wafer in einer Halbleiterfabrik
Ein Techniker hält einen 300-Millimeter-Silizium-Wafer in einem Reinraum – illustrativ für die neuen Werke von Samsung und SK Hynix im Zentrum von Südkoreas Investitionsoffensive. Mit KI erstelltes Symbolbild. Illustration: KI-generiert — Status

Während Europa noch über zweistellige Milliardenbeträge debattiert, legt Seoul eine andere Größenordnung vor. Am Montag stellte der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung im Präsidialamt – dem früheren Blauen Haus in Seoul – gemeinsam mit den Konzernchefs von Samsung und SK Hynix ein Industrieprogramm vor, das im kommenden Jahrzehnt nahezu 1,2 Billionen Dollar in Halbleiter, künstliche Intelligenz und Rechenzentren lenken soll.

An Lees Seite standen Samsung-Chef Lee Jae-yong und SK-Group-Vorsitzender Chey Tae-won. Gemeinsam präsentierten sie am 29. Juni drei Leuchtturmvorhaben, die auf einer „dreifachen Achse" aus Halbleitern, physischer KI und Rechenzentren ruhen. Die Nachrichtenagentur AFP bezifferte die Gesamtzusage auf fast 1,2 Billionen Dollar; Reuters fasste den Chip- und KI-Vorstoß als „mehr als 576 Milliarden Dollar" über mehrere Jahre. Wie auch immer gerechnet wird – die Zahlen stellen vergleichbare westliche Programme in den Schatten.

Lee bezeichnete die Initiative als großen Sprung nach vorn und verknüpfte sie mit dem Versprechen, Regionen jenseits des Großraums Seoul wiederzubeleben. Den Ton seiner Rede fasste die Korea Herald in einem Satz zusammen:

Nur ein Wettlauf um Geschwindigkeit sichert das Überleben. Wir müssen uns die Kernelemente der künstlichen Intelligenz schneller sichern als jedes andere Land.

Bei derselben Veranstaltung nannte der Präsident Samsung-Chef Lee Jae-yong und SK-Vorsitzenden Chey Tae-won „nationale Helden oder Helden des koreanischen Volkes".

Staatlich orchestriert, privat finanziert

So sehr der Staat als Architekt auftritt – das Kapital ist überwiegend privat. Samsung Electronics und SK Hynix, die beiden größten Speicherchip-Hersteller der Welt, investieren laut Reuters rund 800 Billionen Won (518 Milliarden Dollar) gemeinsam mit Zulieferern, um in der südwestlichen Region Honam je zwei neue Fabriken zu errichten – insgesamt vier Werke. Die Korea Herald schlüsselt die Summe in etwa 425 Billionen Won von Samsung und 400 Billionen Won von SK auf.

Die Rolle der Regierung besteht darin, zu koordinieren und Risiken abzufedern, nicht selbst die Schecks auszustellen. Die Ministerien für Industrie, Wissenschaft, Land und Energie sagten Strom, Wasser und Infrastruktur zu. Ein neues Sondergesetz zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Halbleiterindustrie tritt am 11. August in Kraft und baut auf Steuergutschriften von bis zu 20 Prozent für Anlageinvestitionen großer Unternehmen (30 Prozent für kleine und mittlere) auf. Die Regionalverwaltungen von Gwangju und Süd-Jeolla wollen zwischen 5 und 20 Billionen Won beisteuern.

Die zentralen Bausteine, wie sie Industrieminister Kim Jung-kwan und Wissenschaftsminister Bae Kyung-hoon vorstellten, lauten:

  • Rund 800 Billionen Won (518 Mrd. Dollar) für vier neue Werke von Samsung und SK Hynix in der südwestlichen Region Honam.
  • Etwa 550 Billionen Won bis 2029, steigend auf über 1.000 Billionen Won (648 Mrd. Dollar) bis 2035 für KI-Rechenzentren mit SK Group, GS Group und dem Webportal Naver – die Kapazität wächst von 8,4 auf 18,4 Gigawatt.
  • 81 Billionen Won (52,5 Mrd. Dollar) für ein Cluster zur fortschrittlichen Chip-Verpackung in der Region Chungcheong nahe Seoul.

Samsung-Chef Lee Jae-yong erklärte, sein Konzern habe sich für Gwangju als Standort des neuen Clusters entschieden. SK-Hynix-Vorsitzender Chey Tae-won gab sich zurückhaltender: Sein Unternehmen brauche mehr Zeit, um Standort und Infrastruktur im Südwesten festzulegen – eine Warnung aus Erfahrung.

Wir haben neun Jahre gebraucht, um ein Cluster in Yongin aufzubauen. Eine Chipfabrik benötigt zudem enorm viel Fläche, Strom, Wasser und Fachkräfte.

Die Börse honorierte die schiere Größe nicht. Die Aktie von Samsung Electronics schloss am Montag 4,86 Prozent tiefer, SK Hynix verlor 1,68 Prozent. Einige Analysten warnten, der Kapazitätsschub könne den Speichermarkt in ein Überangebot kippen.

Warum Europa ins Hintertreffen gerät

Das Ausmaß der Seouler Zusage rückt Europas Chip-Ambitionen in ein unbarmherziges Licht. Der European Chips Act der EU sieht mehr als 43 Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln und über 100 Milliarden Euro an politisch angestoßenen öffentlichen und privaten Investitionen bis 2030 vor. Erklärtes Ziel ist es, den Anteil des Blocks am globalen Halbleitermarkt von rund 10 auf 20 Prozent bis zum Ende des Jahrzehnts etwa zu verdoppeln.

An diesem Maßstab gemessen übersteigt eine einzige koreanische Konzernzusage für Speicherwerke – etwa 518 Milliarden Dollar – das gesamte öffentliche Chips-Act-Paket der EU (43 Milliarden Euro) um mehr als das Zehnfache. Institutionelle Berichte warnen wiederholt, dass Europa sein 20-Prozent-Ziel verfehlen könnte; der Branchenverband SEMI fordert eine Vervierfachung der europäischen Mittel. Besonders verwundbar ist Europa beim High-Bandwidth-Memory, dem Speicher für KI-Beschleuniger, der von SK Hynix und Samsung dominiert wird – europäische Cloud-Betreiber, Autobauer und Industrieunternehmen hängen damit an Lieferketten mit Schwerpunkt in Asien.

Ein Wettlauf, der die Lieferketten verschiebt

Südkoreas Vorstoß trifft auf einen globalen Wettbewerb, der bereits von Washingtons subventionsgetriebener Rückverlagerung und Pekings Streben nach Eigenständigkeit geprägt ist. Indem Seoul Fabriken, Verpackung und Rechenzentren im eigenen Land bündelt – und zusagt, das zweite Mega-Cluster noch innerhalb von Lees fünfjähriger Amtszeit fertigzustellen – setzt das Land darauf, dass die Kontrolle über die physische Infrastruktur der KI dauerhaften strategischen Hebel verschafft. Stabschef Kang Hoon-sik formulierte das Ziel so: „Wir stellen uns der Herausforderung, das Projekt während dieser Regierung abzuschließen."

Die Risiken sind ebenso physisch. Cheys Mahnung mit Blick auf Fläche, Strom, Wasser und Talente verweist auf die praktischen Grenzen, Rechenzentren im Gigawatt-Maßstab und mehrere Fabriken in straffem Zeitplan zu errichten. Für Volkswirtschaften, die auf koreanische Chips angewiesen sind, ist die Botschaft dennoch unmissverständlich: Das Land, das einen Großteil des weltweiten Hochleistungsspeichers liefert, will seinen Vorsprung ausbauen, nicht schmälern – und Europas Antwort von rund 43 Milliarden Euro wirkt daneben immer bescheidener.

Häufig gefragt

Wie viel investiert Südkorea und wofür?
Insgesamt nahezu 1,2 Billionen Dollar über das kommende Jahrzehnt: rund 800 Billionen Won (518 Mrd. Dollar) für vier neue Chipfabriken von Samsung und SK Hynix in der Region Honam, über 1.000 Billionen Won (648 Mrd. Dollar) für KI-Rechenzentren bis 2035 sowie 81 Billionen Won (52,5 Mrd. Dollar) für ein Cluster zur Chip-Verpackung.
Wer zahlt – der Staat oder die Konzerne?
Das Geld ist überwiegend privat. Samsung und SK Hynix sowie Partner wie GS Group und Naver stellen das Kapital. Der Staat koordiniert, sichert Strom, Wasser und Infrastruktur zu und bietet Steuergutschriften von bis zu 20 Prozent (30 Prozent für KMU) über ein ab 11. August geltendes Sondergesetz.
Wie steht Europa im Vergleich da?
Der EU Chips Act sieht über 43 Milliarden Euro öffentliche und mehr als 100 Milliarden Euro politisch angestoßene Mittel bis 2030 vor. Eine einzige koreanische Chip-Zusage von rund 518 Milliarden Dollar übertrifft das öffentliche EU-Paket um mehr als das Zehnfache; Europa bleibt bei KI-Speicher von Samsung und SK Hynix abhängig.
Quellen(9)
  1. 1South Korea announces more than $1 trillion AI, chip investment driveAl Jazeera · aljazeera.com
  2. 2South Korea to invest nearly $1.2 tn in chips, AI data centresFrance 24 / AFP · france24.com
  3. 3South Korea taps Samsung, SK Hynix in $576-billion AI chip drive to cement global leadershipRappler / Reuters · rappler.com
  4. 4Korea to power regional growth with AI, chip 'megaprojects'The Korea Herald · koreaherald.com
  5. 5South Korea unveils $576 billion AI-chip investment powered by Samsung, SK HynixYahoo Finance / Reuters · finance.yahoo.com
  6. 6Samsung, SK hynix unveil $519 bil. investment for semiconductor complex in southwestern regionThe Korea Times · koreatimes.co.kr
  7. 7Samsung, SK Reportedly to Invest $1.3 Trillion Over 10 YearsBloomberg · bloomberg.com
  8. 8South Korea says Samsung and SK Hynix investing in AI, semiconductor mega-projectsCNBC · cnbc.com
  9. 9Chips Act - Shaping Europe's digital futureEuropean Commission · digital-strategy.ec.europa.eu

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