Raumfahrt

Defekte Boeing-Satelliten: SES ringt um 472-Millionen-Dollar-Forderung

Stromausfälle an den ersten O3b-mPower-Satelliten haben sich zu einem zähen Streit über die Kostenverteilung verhärtet – ein Belastungstest für Luxemburgs Wette auf die Raumfahrt.

Von Marc Weber · · 4 Min. Lesezeit

Von Boeing gebauter SES-Kommunikationssatellit O3b mPower in mittlerer Erdumlaufbahn mit gold-schwarzer Thermalisolierung, entfalteten Solarflügeln und flachen Phased-Array-Antennenpaneelen.
Illustration eines von Boeing gebauten O3b-mPower-Satelliten von SES in mittlerer Erdumlaufbahn. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Als SES im Dezember 2022 die ersten vier Satelliten seiner Baureihe O3b mPower ins All schoss, pries der Luxemburger Betreiber die Flotte als Rückgrat des kommenden Jahrzehnts: leistungsstarke, von Boeing gebaute Raumfahrzeuge, die aus einer mittleren Erdumlaufbahn in rund 8.000 Kilometern Höhe schnelles Breitband zu Schiffen, abgelegenen Inseln, Bergbaustandorten und Streitkräften funken sollten. Kaum ein Jahr später musste das Unternehmen einräumen, dass die Satelliten auf eine Weise ausfielen, mit der niemand gerechnet hatte – und die Rechnung für die Störung nähert sich inzwischen der Marke von einer halben Milliarde Dollar.

Wer diese Rechnung tragen soll – der Hersteller, die Versicherer des Betreibers oder SES selbst –, ist zu einem der meistbeachteten Finanzstreitigkeiten der Raumfahrtbranche geworden. Der Fall zeigt zugleich, welches Risiko hinter Luxemburgs Anspruch steht, Europas Raumfahrtdrehscheibe zu sein: SES ist das Vorzeigeunternehmen des Großherzogtums, und der Staat gehört zu seinen größten Aktionären.

Ein Serienfehler in mittlerer Umlaufbahn

Das Problem ist elektrischer Natur. Von 2023 an berichtete SES von „sporadischen“ Abschaltungen der Strommodule – Störungen, die wiederholt Teile jedes Satelliten von der Energieversorgung trennten, darunter, wie das Unternehmen einräumte, „einige nicht behebbare Ereignisse“. Häufig ließen sich die Abschaltungen zurücksetzen – ein Vorgang, den eine SES-Führungskraft mit dem Wiedereinschalten einer durchgebrannten Haushaltssicherung verglich. Doch dauerhaft verringerten sie die nutzbare Kapazität der Satelliten und deren Lebensdauer.

Betroffen waren alle vier damals im Orbit befindlichen Satelliten. SES warnte, ihre Betriebsdauer und Breitbandkapazität würden „deutlich niedriger“ ausfallen als die ursprünglich zugesagten zwölf Jahre, und bezifferte den Effekt der Störung auf rund fünf Prozent des Umsatzes und des Kerngewinns für 2024. Gebaut wurden die Raumfahrzeuge von Boeing, dessen Satellitensparte mit einer ganzen Reihe schwieriger Programme zu kämpfen hatte.

Statt sofort vor Gericht zu ziehen, formte SES zunächst seinen Fertigungsvertrag um. Boeing sagte zu, fünf der noch zu bauenden Satelliten aufzurüsten und zwei völlig neue hinzuzufügen – womit die Konstellation von geplanten elf auf 13 Raumfahrzeuge wächst. Kosten und Risiko teilen sich beide Unternehmen.

Ein gemeinsames Ziel mit Boeing zu formulieren war entscheidend für die Verhandlung, in der wir den Vertrag neu gestalteten und beide Unternehmen einen Teil des Risikos übernahmen.

So beschrieb Ruy Pinto, damals Vorstandschef von SES, die Vereinbarung aus dem Jahr 2023. Boeing selbst wies eine Belastung von 315 Millionen Dollar auf einem Satellitenvertrag mit einem nicht genannten Kunden aus, der weithin als SES identifiziert wird; der Finanzchef des Konzerns führte die Kosten auf zusätzliche Arbeiten an einem innovativen Programm mit neuer Technologie zurück.

Versicherer stellen sich quer

Der größere Streit läuft mit den Assekuranzen. SES meldete eine Versicherungsforderung von bis zu 472 Millionen Dollar (rund 437 Millionen Euro) für die ersten vier Satelliten an – etwa 70 Prozent ihres versicherten Gesamtwerts von 674 Millionen Dollar und damit eine der größten dokumentierten Forderungen der Raumfahrtversicherung.

  • 472 Millionen Dollar – Höhe der SES-Forderung, rund 70 Prozent des versicherten Flottenwerts von 674 Millionen Dollar
  • 315 Millionen Dollar – die Belastung, die Boeing für den Vertrag verbuchte
  • 4 – vom Stromfehler betroffene Satelliten, in einer Konstellation, die nun auf 13 wachsen soll

Dass die Satelliten mangelhaft sind, bestreiten die Versicherer nicht. Was sie ablehnen, ist Branchenberichten zufolge, für Umsätze aufzukommen, die SES über die verkürzte künftige Lebensdauer der Satelliten zu verlieren erwartet – statt für einen heute nachweisbaren Schaden. Es ist ein Streit über Kausalität und Bewertung, an dem sich Auseinandersetzungen in der Raumfahrtversicherung häufig entzünden – und der am Ende in ein Schiedsverfahren münden könnte.

Bis dahin einigt sich SES mit den Assekuranzen Stück für Stück. Für das zweite Quartal 2025 rechnete das Unternehmen mit einem Zufluss von 58 Millionen Dollar und hatte bis zum Herbst rund 87 Millionen Dollar eingezogen, mit weiteren Zahlungen im Zuge der laufenden Gespräche; über das gesamte Jahr meldete SES Einnahmen von etwa 189 Millionen Dollar (rund 164 Millionen Euro) von den Versicherern. Das Unternehmen verbucht die Zahlungen vorsichtig und betont, „Erträge werden erst erfasst, wenn die Forderungen mit einzelnen Versicherern vereinbart und beglichen sind“.

Warum der Streit Luxemburg trifft

SES ist kein gewöhnlicher Anspruchsteller. 1985 mit Rückendeckung der luxemburgischen Regierung gegründet und im Betzdorf östlich der Hauptstadt ansässig, ist der Konzern der Ankermieter eines Raumfahrtsektors, den das Großherzogtum seit vier Jahrzehnten aufbaut – von der Ansiedlung von Satellitenbetreibern bis zum Gesetz SpaceResources.lu von 2017 zum Abbau von Rohstoffen im All. Der luxemburgische Staat hält weiterhin eine besondere Aktiengattung, die ihm rund ein Drittel der Stimmrechte sichert, und 2025 schloss SES die Übernahme seines historischen Rivalen Intelsat ab – eines weiteren Betreibers mit tiefen luxemburgischen Wurzeln.

Damit ist die O3b-mPower-Geschichte mehr als eine Konzernpanne: Sie ist ein Test dafür, wie ein kleines Land die finanziellen Gefahren der Raumfahrt verkraftet – Hardware, die tausende Kilometer entfernt von jeder Reparaturmöglichkeit still degradiert –, wenn es einen Teil seiner wirtschaftlichen Identität an die Branche gebunden hat.

Immerhin gibt es im Orbit eine teilweise Entwarnung. SES erklärte, heftige Sonnenstürme im Jahr 2024 hätten geholfen, eine Ansammlung geladener Teilchen abzubauen, die die Fehler der Strommodule ausgelöst hatte; das Problem an den früheren Satelliten habe sich dadurch entspannt. Boeing lieferte inzwischen neu konstruierte Raumfahrzeuge mit Hardware-Korrekturen, und neue Starts stellen verlorene Kapazität schrittweise wieder her. „Ab Mai erhöhen wir die Kapazität der Konstellation in diesem Jahr um fast 30 Prozent“, sagte Vorstandschef Adel Al-Saleh 2025 vor Analysten. Dennoch bleibt die Forderung offen, die Vergleiche unvollendet – und die Frage, wer am Ende für eine im All ins Stocken geratene Flotte zahlt, wird am Boden weiter verhandelt.

Häufig gefragt

Was ist an den O3b-mPower-Satelliten von SES kaputtgegangen?
Von 2023 an litten alle vier im Orbit befindlichen Satelliten unter „sporadischen“ Abschaltungen der Strommodule, darunter einige nicht behebbare Ereignisse. Sie ließen sich oft zurücksetzen, verringerten aber dauerhaft Kapazität und Lebensdauer unter die geplanten zwölf Jahre.
Wie hoch ist die Versicherungsforderung und warum ist sie umstritten?
SES fordert bis zu 472 Millionen Dollar (rund 437 Mio. Euro), etwa 70 Prozent des versicherten Werts von 674 Millionen Dollar. Die Versicherer erkennen den Defekt an, weigern sich aber, für erwartete künftige Umsatzausfälle statt für heute nachweisbaren Schaden zu zahlen – ein Streit, der in ein Schiedsverfahren münden könnte.
Welche Rolle spielt Luxemburg?
SES wurde 1985 mit Unterstützung der Regierung gegründet und sitzt in Betzdorf. Der Staat hält über eine besondere Aktiengattung rund ein Drittel der Stimmrechte und bleibt ein Großaktionär, weshalb der Streit den Raumfahrtstandort Großherzogtum direkt betrifft.
Erholen sich die Satelliten wieder?
Teilweise: Sonnenstürme 2024 bauten geladene Teilchen ab, die die Fehler auslösten, Boeing lieferte überarbeitete Satelliten, und neue Starts sollen die Kapazität 2025 um fast 30 Prozent erhöhen. Die Forderung und die Vergleiche bleiben jedoch offen.
Quellen(9)
  1. 1Forrester's Digest: SES may not receive $472 million insurance claimSatNews · satnews.com
  2. 2SES: O3b mPower satellites' defect to reduce performance, lifespan of first 6 satellites, cut 2024 revenue/EBITDA by ~5%Space Intel Report · spaceintelreport.com
  3. 3SES and Boeing to Share Risk and CapEx on 2 Additional mPOWER SatellitesVia Satellite · satellitetoday.com
  4. 4SES Posts Stable Q1 Revenue, Expects 30% Capacity Increase from New O3b SatellitesVia Satellite · satellitetoday.com
  5. 5SES' O3b mPower satellites will have a "significantly" shorter life after power issuesDataCenterDynamics · datacenterdynamics.com
  6. 6SES says O3b mPower electrical issues are worse than thoughtSpaceNews · spacenews.com
  7. 7Boeing ships more O3b mPower satellites with fixes SES might no longer needSpaceNews · spacenews.com
  8. 8SES (company)Wikipedia · en.wikipedia.org
  9. 9ShareholdersSES · ses.com

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