Völkermord-Gedenken
Frieden gedenkt in Luxemburg der Opfer von Srebrenica – Bosniens EU-Weg bleibt brüchig
Premier Luc Frieden gedenkt mit Bosniens Außenminister und den „Müttern von Srebrenica“ der mehr als 8.000 Ermordeten – 31 Jahre nach dem schwersten Massenmord auf europäischem Boden seit 1945.
Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Es ist eine Geste mit kalkuliertem Gewicht: Am Sonntag hat Luxemburgs Premierminister Luc Frieden gemeinsam mit dem bosnischen Außenminister Elmedin Konaković an einer Gedenkfeier für die Opfer des Völkermords von Srebrenica teilgenommen. Im Mittelpunkt standen die mehr als 8.000 bosniakischen Männer und Jungen, die im Juli 1995 ermordet wurden – der schwerste Massenmord auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg.
Die Feier am 28. Juni, ausgerichtet vom Komitee Srebrenica Luxembourg, brachte ranghohe Vertreter des Staates mit Angehörigen der „Mütter von Srebrenica“ zusammen – jener Vereinigung von Überlebenden und Hinterbliebenen, die seit drei Jahrzehnten das Andenken an die Opfer bewahrt und auf Gerechtigkeit dringt. Das geht aus einer Mitteilung des Premierministeriums hervor. Frieden sollte ein handgefertigtes Kunstwerk entgegennehmen, das Luxemburgs Rolle als Mitunterzeichner der UN-Resolution von 2024 würdigt, die einen internationalen Gedenktag schuf. Die Zusammenkunft fiel zwei Wochen vor den 11. Juli, das nunmehr weltweit offiziell begangene Datum, und 31 Jahre nach den Morden.
Als die Schutzzone zur Falle wurde
Im Juli 1995 überrannten bosnisch-serbische Truppen unter General Ratko Mladić die ostbosnische Enklave Srebrenica – ein Gebiet, das der UN-Sicherheitsrat zur geschützten „Schutzzone“ erklärt hatte und in dem leicht bewaffnete niederländische Blauhelmsoldaten stationiert waren. Über mehrere Tage hinweg wurden Männer und Jungen von ihren Familien getrennt, hingerichtet und in Massengräbern verscharrt; die übrige Bevölkerung wurde vertrieben.
Zwei internationale Gerichte stuften die Morde später als Völkermord ein. Sowohl das Internationale Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) als auch der Internationale Gerichtshof stellten fest, dass in Srebrenica ein Genozid begangen wurde. Mladić wurde 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt, wie Human Rights Watch berichtet; der politische Anführer der bosnischen Serben in Kriegszeiten, Radovan Karadžić, 2016 wegen des Völkermords von Srebrenica verurteilt, erhielt 2019 in zweiter Instanz ebenfalls eine lebenslange Strafe.
Luxemburgs Eintrag in die Akte
Luxemburg gehörte zu den Mitunterzeichnern der UN-Resolution 78/282, die am 23. Mai 2024 angenommen wurde und den 11. Juli zum „Internationalen Tag des Gedenkens und der Reflexion über den Völkermord von Srebrenica 1995“ erklärte. Der von Deutschland und Ruanda eingebrachte Text, dem sich mehr als 30 Staaten als Miteinbringer anschlossen, wurde mit 84 Ja-Stimmen bei 19 Gegenstimmen und 68 Enthaltungen angenommen. Er verurteilt jede Leugnung des Völkermords als historisches Ereignis.
Die Abstimmung machte sichtbar, wie umstritten die Erinnerung bleibt: Serbien und die bosnisch-serbische Führung warben massiv gegen den Text und stellten ihn als spaltend statt als versöhnend dar. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, setzte damals einen anderen Akzent.
Die Resolution ist umso wichtiger angesichts des anhaltenden Revisionismus, der Leugnung des Völkermords von Srebrenica und der Hassrede ranghoher politischer Führer in Bosnien und Herzegowina sowie in den Nachbarländern.
Für Luxemburg, kleines Gründungsmitglied der Europäischen Union, war die Mitunterzeichnung ein wenig kostspieliges, aber pointiertes Signal: ein Votum auf der Seite gerichtlich festgestellter Tatsachen in einem Moment, in dem ebendiese Tatsachen in Teilen Europas offen bestritten werden. 2025 wurde im Land in Zusammenarbeit mit den städtischen Behörden ein Mahnmal „Blume von Srebrenica“ errichtet – das weiß-grüne Emblem des Völkermords.
Warum die Erinnerung politisch bleibt
Drei Jahrzehnte danach ist Srebrenica kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern ein fortwährender Prüfstein für die Glaubwürdigkeit der EU auf dem westlichen Balkan. Bosnien ist offizielles Beitrittskandidatenland; die EU-Staats- und Regierungschefs verständigten sich im März 2024 darauf, Beitrittsverhandlungen aufzunehmen, sobald das Land Reformen bei seinen Institutionen, der Rechtsstaatlichkeit und den Grundrechten umsetzt. Zugleich warnte Brüssel, die politische Krise in der Republika Srpska, der serbisch dominierten Entität, gefährde diesen Weg.
Im Zentrum der Krise steht Milorad Dodik, der langjährige Anführer der Entität, der wiederholt bestritten hat, dass die Morde einen Völkermord darstellten, und verurteilte Kriegsverbrecher glorifiziert hat. Im Februar 2025 verurteilte ihn ein bosnisches Gericht, weil er sich dem internationalen Hohen Repräsentanten widersetzt hatte; seine einjährige Haftstrafe wurde in eine Geldstrafe umgewandelt, zudem wurde er für sechs Jahre von politischen Ämtern ausgeschlossen. Im September kündigte er seinen Rücktritt an. Die Episode unterstrich, wie sehr Leugnung und sezessionistischer Druck die europäische Perspektive Bosniens weiter überschatten.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellte diesen Zusammenhang ausdrücklich her, als sie 2025 des 30. Jahrestags gedachte – sie verurteilte Versuche, die Vergangenheit umzuschreiben, und verband das Erinnern mit der Erweiterung:
„Wir lehnen jede Leugnung, Verzerrung oder Verharmlosung des Völkermords von Srebrenica sowie die Verherrlichung von Kriegsverbrechern entschieden ab und verurteilen sie“, sagte sie, ehe sie sich direkt an die Menschen in Bosnien wandte: „Die Europäische Union steht an eurer Seite. Wir bleiben uneingeschränkt entschlossen, euer Land auf seinem Weg zur EU-Mitgliedschaft zu unterstützen.“
Das Signal eines kleinen Staates
Für ein Großherzogtum mit weniger als 700.000 Einwohnern ist es ein bescheidener, aber bewusst gesetzter Akt, Bosniens Chefdiplomaten und die „Mütter von Srebrenica“ zu empfangen. Indem es einen amtierenden Premierminister an die Gedenkfeier stellt, verleiht Luxemburg dem Gedanken seinen Namen, dass das Erweiterungsversprechen der EU und ihr Beharren auf Rechenschaft untrennbar sind – und dass die Lehren von 1995 die europäische Sicherheit bis heute betreffen. Die jährliche Zusammenkunft des Komitees Srebrenica Luxembourg, einst eine Angelegenheit der Diaspora, ist gerade deshalb zu einem festen Termin im offiziellen Kalender geworden, weil die von ihr aufgeworfenen Fragen über den Balkan hinweg ungelöst bleiben.
Häufig gefragt
- Warum gedenkt Luxemburg des Völkermords von Srebrenica?
- Luxemburg gehörte zu den über 30 Mitunterzeichnern der UN-Resolution 78/282 von 2024, die den 11. Juli zum internationalen Gedenktag machte. Mit der Gedenkfeier am 28. Juni, an der Premier Frieden teilnahm, bekräftigt das Land sein Eintreten für gerichtlich festgestellte Tatsachen und die EU-Perspektive Bosniens.
- Was geschah 1995 in Srebrenica?
- Im Juli 1995 überrannten bosnisch-serbische Truppen unter General Ratko Mladić die zur UN-Schutzzone erklärte Enklave Srebrenica und töteten mehr als 8.000 bosniakische Männer und Jungen. ICTY und Internationaler Gerichtshof stuften die Tat als Völkermord ein.
- Wie hängt das Gedenken mit Bosniens EU-Weg zusammen?
- Bosnien ist offizielles Beitrittskandidatenland; die EU stimmte 2024 der Aufnahme von Verhandlungen unter Reformauflagen zu. Zugleich warnt Brüssel, die Krise in der Republika Srpska um den Genozid-Leugner Milorad Dodik gefährde diesen Weg.
Quellen(10)
- 1Luc Frieden à la commémoration en mémoire des victimes du génocide de SrebrenicaLe gouvernement luxembourgeois (gouvernement.lu) · gouvernement.lu
- 2U Luksemburgu komemorativni skup povodom 31. godišnjice genocida u SrebreniciTimes.ba · times.ba
- 3Statement by President von der Leyen marking 30 years since the Srebrenica genocideEuropean Commission (DG Enlargement) · enlargement.ec.europa.eu
- 4UN establishes International Day of reflection for Srebrenica genocideUN News · news.un.org
- 5General Assembly Adopts Resolution on Srebrenica Genocide, Designating International Day of Reflection, CommemorationUnited Nations Meetings Coverage · press.un.org
- 6United Nations General Assembly Resolution 78/282Wikipedia · en.wikipedia.org
- 7These Countries voted for the Resolution on the Srebrenica genocide in the UN General AssemblySarajevo Times · sarajevotimes.com
- 8ICTY/Bosnia: Karadzic Convicted for Srebrenica GenocideHuman Rights Watch · hrw.org
- 9ICTY/Bosnia: Life Sentence for Ratko MladicHuman Rights Watch · hrw.org
- 10Bosnia and Herzegovina: secessionism in the Republika SrpskaUK House of Commons Library · commonslibrary.parliament.uk
Zum selben Thema

Ein 500-Milliarden-Fonds ohne Krise: Luxemburgs ESM sucht eine neue Bestimmung


Wie der Stromhunger der KI Google und Amazon von ihren Klimazielen entfernt
