Übernahmepoker in der Luftfahrt
easyJet lehnt Castlelakes Milliardenofferte ab – und gewährt dem US-Investor doch Einblick
Viermal ließ der britische Billigflieger das Minneapolis-Investmenthaus abblitzen. Nun öffnet er seine Bücher und verlängert die Frist bis zum 5. Juli – ein Signal, dass die Gespräche weitergehen.
Von Marc Weber · · 5 Min. Lesezeit

Der britische Billigflieger easyJet hat sich gegen eine Übernahme durch den US-Finanzinvestor Castlelake gestemmt – und zugleich die Tür einen Spalt weit offengelassen. Der Verwaltungsrat wies am 25. Juni ein viertes, auf 650 Pence je Aktie aufgestocktes Barangebot als opportunistischen Versuch zurück, Europas zweitgrößte Low-Cost-Airline zu einem Schnäppchenpreis zu erwerben. Im selben Atemzug aber sicherte das Gremium dem Bieter Einblick in interne Daten zu und stimmte einer längeren Frist für ein verbindliches Gebot zu. Damit ist einer der meistbeachteten Machtkämpfe in der europäischen Luftfahrt noch lange nicht entschieden.
Die am 23. Juni eingegangene Offerte bewertete easyJet mit rund 4,93 Milliarden Pfund (etwa 6,5 Milliarden Dollar). Sie war die jüngste in einer rasch aufeinanderfolgenden Reihe von Barangeboten – 560, 600 und 625 Pence je Aktie –, die der Verwaltungsrat bereits abgelehnt hatte. Castlelake, ein in Minneapolis ansässiges Haus mit rund 38 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen und einem Schwergewicht in der Luftfahrtfinanzierung, hatte sein 625-Pence-Angebot am 22. Juni öffentlich gemacht, nachdem sich der Vorstand nach eigener Darstellung einem Gespräch verweigert hatte.
Warum der Vorstand abwinkt
Die Direktoren lehnten die Vorstöße einstimmig ab. Sie spiegelten das Erholungspotenzial der Fluggesellschaft nicht wider, hieß es. Das frühere Angebot sei der Versuch, die Airline mitten in einer Branchenflaute billig einzusammeln.
Der Verwaltungsrat ist der Auffassung, dass das dritte Angebot einen opportunistischen Versuch darstellt, easyJet „zum Schleuderpreis“ zu erwerben, und dass es deshalb nicht im besten Interesse der Aktionäre von easyJet liegt.
Zur vierten Offerte erklärte das Gremium, sie unterbewerte das Unternehmen und seine Aussichten weiterhin erheblich und werfe nach wie vor gewichtige Fragen der Umsetzbarkeit auf. Die Direktoren äußerten zudem „erhebliche Vorbehalte“ gegen die Eigentümerstruktur, die Verschuldung und die Bedingungen des Gebots.
Der Zeitpunkt steht im Zentrum des Streits. Der Aktienkurs von easyJet war gefallen und die Verluste hatten sich ausgeweitet, nachdem der Krieg im Nahen Osten die Kerosinpreise in die Höhe getrieben hatte – und damit jene Bewertung gedrückt, an der Castlelakes Aufschlag gemessen wird. Bezogen auf den Stichtag 29. Mai, vor Bekanntwerden des Interesses, entsprach das 625-Pence-Angebot laut Reuters und Euronews einer Prämie von etwa 57 bis 59 Prozent. Der Vorstand hält dem entgegen, dass diese Momentaufnahme das Gebot schmeichelhaft erscheinen lasse, weil sie die Airline an einem konjunkturellen Tiefpunkt erfasse.
Eine offene Tür, kein abgeschlossener Deal
Entscheidend ist: easyJet schlug die Tür nicht zu. Das Unternehmen sagte zu, Castlelake Zugang zu „begrenzten geschäftlichen Informationen“ zu gewähren, die nach eigener Einschätzung zu einem „attraktiveren Angebot“ führen könnten. Das britische Takeover Panel verlängerte die sogenannte Put-up-or-shut-up-Frist um neun Tage – vom 26. Juni bis Sonntag, den 5. Juli, 17 Uhr. Nach britischem Recht muss Castlelake bis dahin entweder eine feste Übernahmeabsicht erklären oder sich für sechs Monate zurückziehen.
Die Börse wertete den Schritt als Tauwetter. Die easyJet-Aktie sprang am 25. Juni um bis zu acht Prozent auf rund 5,66 bis 5,80 Pfund – der höchste Stand seit fast einem Jahr, jedoch weiterhin deutlich unter den gebotenen 650 Pence. Diese Lücke deutet darauf hin, dass Anleger noch nicht überzeugt sind, dass ein Geschäft zu diesem Preis zustande kommt.
„Die Erzählung hat sich grundlegend verändert.“
So fasste es Dudley Shanley zusammen, Analyst bei Goodbody Stockbrokers, der das Unternehmen nun faktisch in Verhandlungen sieht. Manche Aktionäre verlangen mehr: Investoren wie Oldfield Partners signalisierten, ein verbindliches Gebot müsse deutlich höher liegen – Berichten zufolge werden Forderungen um die 7 Pfund je Aktie laut.
Die Konstruktion und der Gründer
Um die europäischen und britischen Vorgaben zu erfüllen, wonach Fluggesellschaften mehrheitlich in der Hand von EU- oder Inlandsbürgern liegen müssen, ist das Konsortium so aufgebaut, dass EU-Staatsangehörige – darunter der irische Luftfahrtveteran Peter Bellew – 51 Prozent halten würden, während Castlelake und Co-Investoren wie Brookfield Asset Management auf 49 Prozent kämen. Die Bedenken des Vorstands gegen genau diese Konstruktion zählen zu den Hürden für eine einvernehmliche Einigung.
Eine Stimme schweigt auffällig: Sir Stelios Haji-Ioannou, der easyJet 1995 gründete. Seine Familie ist mit rund 15 Prozent weiterhin der größte Einzelaktionär und besitzt zudem die Rechte am Markennamen easyJet – ein Hebel, der seine Zustimmung für jede Übernahme nahezu unverzichtbar machen würde. Bislang hat er sich öffentlich nicht zu den Vorstößen geäußert.
Was ein Verkauf für die Ticketpreise bedeutet
Für Reisende – auch für die vielen in der Großregion, die auf Kurzstreckenverbindungen quer durch Europa angewiesen sind – reicht die Bedeutung des Kampfes weit über den Sitzungssaal hinaus. Der Zugriff einer Beteiligungsgesellschaft auf eine große Billigairline würde zur Probe darauf, wie viel Konsolidierungsdruck Europas Low-Cost-Markt verträgt, ohne den Wettbewerb zu schwächen, der die Preise niedrig hält.
Das Tafelsilber sind die Start- und Landerechte von easyJet, von Analysten auf rund eine Milliarde Pfund taxiert – etwa die Hälfte davon am Londoner Flughafen Gatwick, weitere Bestände in Luton, Genf, Paris und Amsterdam. Ein rational handelnder Eigentümer hätte allen Anlass, diese Vermögenswerte zu schützen, denn gestrichene Strecken mindern ihren Wert. Doch Analysten warnen:
- Ein rein renditeorientierter Eigentümer könnte Wachstum und Auslieferung neuer Flugzeuge bremsen.
- Damit ließe der Konkurrenzdruck nach, den Billigflieger auf die klassischen Netzcarrier ausüben.
- Wettbewerbshüter würden den nächsten Rivalen, Ryanair, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit daran hindern, die Gatwick-Rechte zu übernehmen.
Der nächste Zug liegt nun bei Castlelake. Mit teils geöffneten Büchern und der bis zum 5. Juli laufenden Uhr muss das Haus entscheiden, ob es sein Angebot auf ein Niveau anhebt, das Vorstand – und Stelios – akzeptieren könnten, oder ob es sich für mindestens ein halbes Jahr zurückzieht. Der Ausgang prägt nicht nur die Eigentümerschaft von easyJet, sondern auch die größere Frage, ob über Europas Kurzstreckenhimmel eine neue Welle übernahmegetriebener Konsolidierung hereinbricht.
Häufig gefragt
- Wie viel bietet Castlelake für easyJet?
- Das vierte Angebot vom 23. Juni lautet auf 650 Pence je Aktie in bar und bewertet easyJet mit rund 4,93 Milliarden Pfund (etwa 6,5 Milliarden Dollar). Zuvor hatte Castlelake 560, 600 und 625 Pence geboten – alle wurden abgelehnt.
- Warum lehnt der easyJet-Vorstand die Offerte ab?
- Der Verwaltungsrat hält die Gebote für opportunistisch und sieht das Unternehmen sowie seine Aussichten erheblich unterbewertet, zumal die Airline durch gestiegene Kerosinpreise an einem konjunkturellen Tiefpunkt steht. Zudem bestehen Vorbehalte gegen Eigentümerstruktur, Verschuldung und Umsetzbarkeit.
- Ist die Übernahme damit endgültig vom Tisch?
- Nein. easyJet gewährt Castlelake Einblick in begrenzte Geschäftsinformationen, und das britische Takeover Panel verlängerte die Frist bis Sonntag, 5. Juli, 17 Uhr. Bis dahin muss Castlelake ein verbindliches Gebot erklären oder sich für sechs Monate zurückziehen.
- Was bedeutet ein möglicher Verkauf für die Ticketpreise?
- Analysten warnen, dass ein rein renditeorientierter Eigentümer Wachstum und Flottenausbau bremsen und damit den Wettbewerbsdruck der Billigflieger verringern könnte. Wertvoll sind vor allem die Start- und Landerechte, die auf rund eine Milliarde Pfund taxiert werden, etwa die Hälfte davon in Gatwick.
Quellen(8)
- 1EasyJet rejects $6.3-billion takeover bid from U.S. investment firm CastlelakeThe Globe and Mail (Reuters) · theglobeandmail.com
- 2EasyJet rejects €5.9bn takeover offer from US private equity firmEuronews · euronews.com
- 3EasyJet rejects Castlelake's 4th £6.50 a share proposalRTÉ · rte.ie
- 4easyJet rejects Castlelake's $6.5bn bid, hopes for morech-aviation · ch-aviation.com
- 5Castlelake Goes Public With $6.26 Billion Bid for Budget Carrier EasyjetU.S. News & World Report (Reuters) · money.usnews.com
- 6easyJet board rejects Castlelake's $6.3B takeover proposalAeroTime · aerotime.aero
- 7EasyJet shares jump 5% as board rejects Castlelake's fourth bid, extends deadlineInvesting.com · investing.com
- 8EasyJet Rejects Fourth Castlelake Bid, Seeks Higher Offer by July 5Bloomberg · bloomberg.com
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