Erinnerungspolitik in Paris

Frankreich nimmt den Historiker und Widerstandskämpfer Marc Bloch ins Panthéon auf

82 Jahre nach seiner Erschießung durch die Gestapo zieht der Mitbegründer der Annales-Schule als erster Historiker der Fünften Republik in das Pariser Mausoleum ein.

Von Tom Schmit · · 4 Min. Lesezeit

Das nächtlich angestrahlte Panthéon in Paris mit einem zwischen den Säulen projizierten Porträt von Marc Bloch am Abend seiner Aufnahme.
Das Panthéon in Paris bei Nacht, angestrahlt und mit einem zwischen den Säulen projizierten Porträt Marc Blochs am Abend seiner Aufnahme. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Es ist eine Ehrung, die mehr als acht Jahrzehnte auf sich warten ließ. Am Dienstagabend hat Frankreich den Mediävisten, hochdekorierten Offizier und Widerstandskämpfer Marc Bloch ins Panthéon aufgenommen und ihn damit symbolisch unter die großen Gestalten der Nation gereiht – 82 Jahre, nachdem ein Erschießungskommando der Gestapo ihn auf einer Wiese bei Lyon niederstreckte. Der Mitbegründer der Annales-Schule ist damit der erste Historiker, dem das Pariser Mausoleum unter der Fünften Republik diese Ehre erweist.

Präsident Emmanuel Macron leitete die Zeremonie am 23. Juni, die erst nach Einbruch der Dunkelheit begann. In einer Prozession wurde ein Sarg mit symbolischen Gegenständen die Rue Soufflot hinaufgetragen und in die einstige Kuppelkirche geleitet – darunter Orden, Farnzweige als Anspielung auf das Familienhaus „Les Fougères“ und das geistige Testament, das Bloch 1941 verfasst hatte. Auf Wunsch der Familie begleitete ein Sarg seiner Frau Simonne Vidal den seinen, obwohl sie selbst dort nicht geehrt wird und ihre sterblichen Überreste nie gefunden wurden. Blochs eigener Leichnam bleibt im Zentrum Frankreichs bestattet; die Särge sind Kenotaphe, also leere Grabmäler.

Zwischen den Säulen des Panthéon leuchtete ein riesiges Porträt des bebrillten Gelehrten auf, während Szenen aus seinem Leben gezeigt wurden, ehe Macron eine rund zwanzigminütige Ansprache hielt. Das französische Verteidigungsministerium zitierte den Präsidenten mit den Worten, Bloch sei „l'homme des Lumières dans l'armée des ombres“ gewesen – ein Mann der Aufklärung in der Armee der Schatten, jener Begriff, den die Résistance für ihre verdeckt operierenden Reihen verwendete. Auf Bitten der Familie blieben Politiker der extremen Rechten von der Gästeliste ausgeschlossen.

Der Gelehrte, der die Geschichtsschreibung neu dachte

Geboren am 6. Juli 1886 in Lyon, in einer jüdischen Familie elsässischer Herkunft, besuchte Bloch das Lycée Louis-le-Grand und die École normale supérieure. Als Mediävist machte er sich mit Studien wie Les Rois thaumaturges (Die wundertätigen Könige) und La Société féodale (Die Feudalgesellschaft) einen Namen. 1929 gründete er gemeinsam mit Lucien Febvre die Zeitschrift Annales d'histoire économique et sociale und begründete damit eine der einflussreichsten geschichtswissenschaftlichen Schulen des 20. Jahrhunderts.

Der Ansatz der Annales brach mit der ereignis- und politikfixierten Geschichtsschreibung jener Zeit und stellte stattdessen die langfristige Untersuchung ganzer Gesellschaften in den Mittelpunkt – ihrer Wirtschaft, ihrer Geografie und ihrer kollektiven Mentalitäten. Das Präsidialamt beschrieb Bloch als „Mann der Aufklärung“ und „Denker des Jahrhunderts“ und betonte, sein wissenschaftliches Werk sei nie von der Welt losgelöst gewesen.

Er war ein Mann, der über die Vergangenheit nachdachte, um in der Gegenwart zu handeln. Er hatte kein statisches Bild von der Geschichte; für ihn musste sie dem Handeln im Hier und Jetzt dienen.

Diese Überzeugung wurde durch die Katastrophe auf die Probe gestellt. Bloch, Veteran des Ersten Weltkriegs, Träger der Croix de Guerre und bis zum Hauptmann aufgestiegen, meldete sich 1939 erneut freiwillig. Nach dem Zusammenbruch Frankreichs im darauffolgenden Sommer schrieb er L'Étrange Défaite (Die seltsame Niederlage), eine schonungslose Augenzeugen-Analyse des politischen und militärischen Versagens hinter der Niederlage von 1940, die erst nach seinem Tod erschien.

Vom Hörsaal in den Untergrund

Vichys antisemitische Gesetze entzogen Bloch seine Rechte, zwangen ihn, seine Herausgeberrolle bei den Annales aufzugeben, und ließen seine Pariser Wohnung samt Bibliothek 1942 plündern. Statt ins Ausland zu fliehen, schloss er sich 1942 der Bewegung Franc-Tireur an und stieg zu einem regionalen Führungsmann der vereinigten Widerstandsbewegungen (Mouvements unis de la Résistance) für die Region Rhône-Alpes auf.

Am 8. März 1944 wurde er in Lyon verhaftet und im Gefängnis Montluc gefoltert, der Verhörzentrale unter Klaus Barbie, jenem Gestapo-Offizier, der später wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurde. In der Nacht zum 16. Juni 1944 brachte man Bloch nach Les Roussilles bei Saint-Didier-de-Formans, wo er gemeinsam mit Dutzenden Mitstreitern in Vierergruppen erschossen wurde. Überlieferungen zufolge rief er, als die Schüsse fielen:

  • Letzte Worte: Zeugen erinnern sich, dass Bloch „Vive la France!“ – „Es lebe Frankreich!“ – rief
  • Alter: Er war 57 Jahre alt
  • Die Gruppe: Zeitgenössische und historische Berichte beziffern die Zahl der mit ihm Getöteten auf etwa 27 bis 30 Männer

Ein europäisches Ringen um das Gedächtnis

Die Aufnahme ist weit mehr als eine nationale Ehrung. Indem Frankreich einen jüdischen Gelehrten und Soldaten erhebt, setzt es ein deutliches Zeichen – in einem Moment, in dem Nationalismus und Antisemitismus auf dem Kontinent wieder erstarken. Der Élysée verband Bloch ausdrücklich mit einem Verständnis von Identität im Geiste der Aufklärung, das nicht auf „identitärem Rückzug, sondern auf Offenheit gegenüber dem Anderen“ beruhe – ein bewusster Einwurf in Europas umkämpftes Gedächtnis an die Kriegsjahre.

Macron hatte das Vorhaben erstmals im November 2024 angekündigt, in einer Rede zum 80. Jahrestag der Befreiung Straßburgs, jener Stadt, in der Bloch einen großen Teil seiner Laufbahn lehrte. Sein Einzug ins Panthéon, begleitet von der Ausstellung Marc Bloch, l'esprit de l'Histoire, bildet den Mittelpunkt eines Gedenkjahres.

Für einen Kontinent, der noch immer darüber streitet, wer als Held des Widerstands gilt – und welchen Platz seine jüdischen Bürger in der Erzählung über sich selbst einnehmen –, ist die Wahl Blochs von tiefer Bedeutung. Ein Mann, der darauf beharrte, dass es die Aufgabe des Historikers sei, die Gegenwart durch die Vergangenheit zu verstehen, nimmt nun im Tod seinen Platz ein – in jenem Gebäude, das Frankreich den Gewissen vorbehält, an die es sich am stärksten erinnern will.

Häufig gefragt

Warum wird Marc Bloch erst jetzt ins Panthéon aufgenommen?
Macron kündigte die Aufnahme im November 2024 bei einer Rede zum 80. Jahrestag der Befreiung Straßburgs an. Die Ehrung erfolgt 82 Jahre nach Blochs Erschießung durch die Gestapo und macht ihn zum ersten Historiker, der unter der Fünften Republik ins Panthéon einzieht.
Ruhen Blochs sterbliche Überreste nun im Panthéon?
Nein. Blochs Leichnam bleibt im Zentrum Frankreichs bestattet. Die im Panthéon beigesetzten Särge sind Kenotaphe – leere Grabmäler mit symbolischen Gegenständen wie Orden, Farnzweigen und seinem geistigen Testament von 1941.
Was war die Annales-Schule?
Die 1929 von Marc Bloch und Lucien Febvre mit der Zeitschrift „Annales d'histoire économique et sociale“ begründete Schule brach mit der politik- und ereignisfixierten Geschichtsschreibung und untersuchte stattdessen langfristige soziale, wirtschaftliche und mentale Strukturen.
Wie kam Marc Bloch ums Leben?
Bloch wurde am 8. März 1944 in Lyon verhaftet und im Gefängnis Montluc unter Klaus Barbie gefoltert. In der Nacht zum 16. Juni 1944 wurde er bei Saint-Didier-de-Formans in Vierergruppen erschossen, im Alter von 57 Jahren. Berichten zufolge rief er „Vive la France!“.
Quellen(9)
  1. 1Resistance fighter and historian Marc Bloch enters Paris's PantheonModern Ghana / AFP · modernghana.com
  2. 2Historian and Resistance hero joins France's Pantheon greatsThe Local France · thelocal.fr
  3. 3Jewish resistance fighter and historian Marc Bloch enters Paris's PantheonEuropean Jewish Congress / RFI · eurojewcong.org
  4. 4France inducts Resistance fighter, soldier, historian Marc Bloch into its Panthéon of greatsFrance 24 · france24.com
  5. 5L'historien et résistant Marc Bloch entre au PanthéonMinistère des Armées et des Anciens combattants (defense.gouv.fr) · defense.gouv.fr
  6. 6Marc Bloch entre au Panthéonéduscol, Ministère de l'Éducation nationale · eduscol.education.gouv.fr
  7. 7Panthéonisation 2026 — Centre Marc BlochCentre Marc Bloch (Humboldt-Universität) · cmb.hu-berlin.de
  8. 8Marc Bloch (1886-1944) — L'Étrange défaite ou la vision d'un guerrierHerodote.net · herodote.net
  9. 9Marc BlochWikipedia · en.wikipedia.org

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